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Psychische Belastungen

Sozialpsychiatrischer Dienst im Landkreis Mühldorf hat viel Arbeit in der Corona-Pandemie

Beratung und vertrauliche Gespräche sind in Zeiten der Pandemie besonders wichtig., wie hier mit Dieter Wenzler (rechts ) und Guido Bukovac.
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Beratung und vertrauliche Gespräche sind in Zeiten der Pandemie besonders wichtig., wie hier mit Dieter Wenzler (rechts ) und Guido Bukovac.
  • Josef Bauer
    vonJosef Bauer
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Interview mit Dieter Wenzler Diplom-Psychologe, Leiter des Dienstes in Mühldorf über Corona-Einschränkungen in einem Jahr Pandemie. Der Dienst hat zu 466 Klientinnen und Klienten wichtige persönliche Kontakte aufgebaut und gepflegt. Zudem waren viele Klienten auch aus Angst vor einer Ansteckung bezüglich der Kontaktaufnahme zum Sozialpsychiatrischen Dienst zurückhaltend.

Mühldorf – Die Corona-Pandmie hat auch beim „Sozialpsychiatrischen Dienst“ der Diakonie Traunstein im Landkreis Mühldorf zu viel mehr Arbeit und Einsatz geführt. Wir sprachen mit Diplom-Psychologen Dieter Wenzler, Leiter des Dienstes in Mühldorf, über die Anforderungen seiner Organisation in den letzten Monaten.

Wie hat ein Jahr Corona-Pandemie Ihre Arbeit beeinflusst?

Dieter Wenzler: Die Corona-Pandemie hat zu vielen einzelnen Umstellungen in der persönlichen Arbeit mit Klientinnen und Klienten geführt. In den Lockdown-Phasen erfolgte die Beratung nahezu ausschließlich per Telefon oder bei einem Spaziergang im Außenbereich. Von Beginn an achteten wir auf die strikte Einhaltung der Hygieneregeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske), zudem erstellten wir Hygienekonzepte und informierten wir die Klienten über deren Umsetzung. Der Schutz der Gesundheit von Mitarbeitenden und Klienten stand im Vordergrund.

Gleichzeitig arbeiteten wir daran, so rasch wie möglich auch wieder persönliche Gespräche in unseren Dienststellen Mühldorf mit Außenstelle Waldkraiburg anbieten zu können. Dies war dann ab Juli 2020 unter Einhaltung der Hygieneregeln wieder möglich. Gleiches galt für Hausbesuche.

Hoffnung auf weitere Verbesserungen im Sommer

Wie groß waren die Einschränkungen?

Wenzler: Die größten Einschränkungen erleben wir in der Gruppenarbeit, vor allem aufgrund des Mangels an ausreichend großen Räumen. Beengte Platzverhältnisse verhindern solche Angebote, da hier die Einhaltung der erforderlichen Hygieneregeln nicht gewährleistet werden kann. Dafür ermöglichen unsere Tageszentren in Mühldorf, Waldkraiburg, Neuötting und Altötting die für viele Klienten so wichtigen persönlichen Kontakte.

Im Hinblick auf die derzeit sinkenden Inzidenzen hoffen wir auf weitere Verbesserungen im Sommer 2021. Hinzu kommt, dass bereits ein Großteil der Mitarbeitenden und auch viele unserer Klienten geimpft sind.

Wie haben sich im Landkreis Mühldorf Ihre Fallzahlen entwickelt?

Wenzler: Die Corona bedingten Einschränkungen sind bei den Klientenzahlen in Form eines geringfügigen Rückgangs erkennbar. So begleiteten wir 2020 400 Klientinnen und Klienten sowie 61 Angehörige (gesamt 466 Personen), während es 2019 noch 448 Klientinnen und Klienten sowie 44 Angehörige (gesamt 492 Personen) waren.

Die Gründe hierfür sind offensichtlich: So waren Besuche der Klienten im Inn-Salzach-Klinikum nur über einen Zeitraum von rund fünf Monaten möglich, wodurch entsprechend weniger Vermittlungen stattfanden. Zudem waren viele Klienten auch aus Angst vor einer Ansteckung bezüglich der Kontaktaufnahme zum Sozialpsychiatrischen Dienst zurückhaltend.

Depression und Isolation

Welche Gründe haben die Menschen zu Ihnen geführt?

Wenzler: Nach wie vor sind die meisten Klientinnen und Klienten, die uns aufsuchen, Menschen mit chronischen psychischen Belastungen und Erkrankungen. Hauptgründe sind Depression und Isolation, also wenige soziale Kontakte, was durch die Pandemie noch zusätzlich verschärft wurde. Ebenso sind oftmals finanzielle Probleme oder Probleme mit Behörden der Anlass für eine Kontaktaufnahme.

Bedingt durch die Pandemie war auch der Zugang zu Behörden wie den Jobcentern deutlich erschwert, da persönliche Kontakte auf Ausnahmefälle begrenzt wurden. Weitere häufige Gründe, sich an unsere Beratungsstelle zu wenden, sind familiäre Probleme, eine drohende Wohnungskündigung, Wohnungsverlust und Obdachlosigkeit.

Weitere Nachrichten aus dem Landkreis Mühldorf finden Sie auf ovb-onlinde.de.

Zudem nahm die Zahl derer auffällig zu, die bisher keine psychischen Probleme hatten, sich nun aber an uns wandten. Mehrmals meldeten sich über den Krisendienst Familien, die völlig überlastet waren, sei es durch die fehlenden Kontakte zu anderen, durch lange Phasen des Homeschoolings oder durch den Ausfall der Unterstützung seitens der Großeltern. Auch diese Problemstellungen sind ein erkennbares Phänomen der Pandemie, deren Spätfolgen sich noch bemerkbar machen werden und voraussichtlich zu einem weiteren Anstieg von Krankheitsbildern wie Depression oder Erschöpfungssyndrom führen.

Wie schätzen Sie die Situation der älteren und jüngeren Personen nach einem Jahr Pandemie ein?

Wenzler: Der Sozialpsychiatrische Dienst wendet sich an Menschen im Alter von 18 bis 60 Jahren. Personen ab 60 Jahren werden vom Gerontopsychiatrischen Dienst in Waldkraiburg versorgt.

Die jüngste betroffene Personengruppe bei den Klienten des Sozialpsychiatrischen Dienstes war die Gruppe für Kinder von psychisch kranken Eltern, die in den Vorjahren gemeinsam mit der Caritasberatungsstelle angeboten wurde. Diese konnte aufgrund der Pandemie in diesem und im letzten Jahr nicht durchgeführt werden.

Viele Menschen am Rand ihrer Belastbarkeit

Welche Probleme hatten junge Erwachsene?

Wenzler: Bei den jungen Erwachsenen ergaben sich oft Probleme bei der Suche nach Ausbildungs- und Arbeitsstellen. Durch die Pandemie waren die Möglichkeiten oft sehr eingeschränkt. Zudem haben Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen oft gar nicht stattgefunden.

Diese Auswirkungen betrafen jedoch nicht nur die psychisch erkrankte Menschen, sondern auch die Allgemeinbevölkerung. Besonders viele junge Menschen sind oder fühlen sich durch die Einschränkung der Sozialkontakte isoliert. Ganz besonders wirkt sich das in schwierigen bzw. konfliktreichen Familien aus, obgleich dieses Problem in allen gesellschaftlichen Schichten zunimmt.

Im Pandemie-Jahr haben einem Großteil der Bevölkerung nahezu alles abverlangt. Viele sind am Rande ihrer Belastbarkeit angelangt.

Hausbesuche und Gruppenangebote

Welche Möglichkeiten sehen Sie, um den erkrankten Personen zu helfen und welche Angebote macht der Sozialpsychiatrische Dienst in Mühldorf?

Wenzler: Vor allem bewährt hat sich der direkte Kontakt zu den Klienten, sei es in Form von Gesprächen in der Beratungsstelle oder bei einem Hausbesuch. Obwohl wir in den Gesprächen die se geltende FFP2-Maskenpflicht als hinderlich empfinden, ist es dank dieser Maßnahme und den Hygienekonzepten gelungen, dieses Angebot seit Juli 2020 weitgehend aufrechtzuerhalten.

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Gegen die Isolation hilft vor allem die Wiedereinsetzung von Gruppenangeboten, die wir ab Sommer planen und mit einem weiteren Rückgang der Inzidenzzahlen im Landkreis auch wieder möglich werden dürften. Die Hoffnung auf Veränderung und Verbesserung der Situation, ist für die Menschen sehr, sehr wichtig. In der Krisenzeit haben unsere Klientinnen und Klienten viel zusätzliches Vertrauen zu uns aufgebaut, da unsere Mitarbeitenden weiterhin verlässlich für sie erreichbar waren, wenngleich auch teilweise nur telefonisch. Viele vertrauen in ihre in langen Jahren erworbenen Fähigkeiten. So sagte ein Klient während der Pandemie: „Durch meine Erkrankung bin ich ja Experte fürs Alleinsein geworden. Da kann ich mir und vielleicht auch anderen helfen, das durchzustehen.“

Wertvoll waren die Aufrechterhaltung der Beratung und vor allem die finanzielle Absicherung durch den Bezirk Oberbayern, der unser Angebot durchgängig weiter in vollem Umfang unterstützt hat. Schwierig könnte hingegen die Zukunft werden, wenn sich der Rückgang der Steuereinnahmen bemerkbar macht.Interview: Josef Bauer

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