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Von der Leichtigkeit todernster Themen

Christian Springer begeistert Mühldorfer Haberkasten mit neuem Programm „Nicht egal“

Christian Springer macht es sich in der Pause seines Auftritts im Backstage-Bereich des Haberkastens gemütlich.Petzi
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Christian Springer macht es sich in der Pause seines Auftritts im Backstage-Bereich des Haberkastens gemütlich.Petzi
  • Nicole Petzi
    VonNicole Petzi
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„Mein Publikum muss zuhören und darf nicht nur auf Witze warten“, betont Kabarettist und Schlachthofmoderator Christian Springer. Mit seinem Programm „Nicht egal“ möchte er eine „Mischung aus Herz und Hirn“ auf die Bühne bringen. Auch wenn es nicht so einfach ist, ein Programm über Krieg zu machen. Die rund 190 Besucher im Haberkasten haben es ihm gedankt.

Mühldorf – „Manchmal erwischt man die Nerven der Menschen nicht über die große Politik oder den Papst, sondern übers Radlfahren“, zeigt sich Christian Springer überrascht. Den größten Shitstorm habe der Kabarettist und Schlachthofmoderator nämlich nicht wegen seines Kabarettprogramms über „Großkopferte“ kassiert, sondern weil er sich vor einiger Zeit in einem offenen Brief über Münchens „Radlrambos“ lustig gemacht hat.

„So sind sie halt, die Menschen. Und doch sind sie alle verschieden“, schmunzelt der bekannte Münchner Künstler, der kürzlich mit seinem aktuellen und sehr vielschichtigen Programm „Nicht egal“ aufgetreten ist. Genau darum gehe es doch – die Menschen mit ganz unterschiedlichen Themen dort abzuholen, wo sie stehen. Das Publikum für die Themen der Zeit zu sensibilisieren.

Gutes Essen vor jedem Auftritt

„Mein Programm ist wie eine Zeitung: Der eine liest gerne den Wirtschaftsteil, der andere braucht zuerst den Sport, der dritte möchte wissen, wie der Schönheitswettbewerb der Nachbargemeinde ausgegangen ist“, sinniert Springer. Im Übrigen reagiere auch jedes Publikum anders. Jeder Abend hat seine spezielle Dynamik.

Was stets vor jedem Auftritt dazu gehört, ist ein gutes herzhaftes Essen. Schnitzel mit Bratkartoffeln waren es dieses Mal. Er könne überhaupt nicht verstehen, dass manche Kollegen nichts vor einem Auftritt essen können, meint Springer. Für ihn ist Essen wie Urlaub, bei dem er auftanken kann; eine Kulturtradition, die ihm schon von Mamas Küche her eingeimpft worden sei. Vor jeder Premiere macht er sich im Übrigen Mamas Rohrnudeln. Auch so eine Tradition, die auch nach ihrem Tod weiterlebt.

Was das alles mit Christian Springers Programm „Nicht egal“ zu tun hat? Vieles. Denn es ist ein Kaleidoskop vieler Dinge aus seinem Alltag, die Christian Springer auf der Bühne mit einer Leichtigkeit einwebt und mit den großen Themen der Zeit wiederum verwebt. So bleibt einem das Lachen im Halse nicht stecken.

Eigene Familiengeschichte Teil des Programms

Die Erinnerungen an seine Familie, die einen Obst- und Gemüseladen in München nahe Flugplatz hatten sowie speziell an seine Mutter teilt er mit einem subtilen Humor mit seinem Publikum. Dass seine Mutter als Folge der Kriegserlebnisse Lebtags in keine engen Räume wie Aufzüge oder in Flugzeuge gestiegen ist, was zu allerlei auch komischen Begebenheiten führte, ist so ein leicht anmutendes Thema. „Was glauben Sie, wann ein Krieg vorbei ist?“, fragt er in die Haberkasten-Runde. Für traumatisierte Menschen wie seine Mutter ist dieser ein Leben lang nicht vorbei.

Gute Stimmung im Haberkasten. Ein Lesepult, ein Stuhl, eine Aktentasche und viel Esprit – mehr braucht man nicht, um das Publikum zu begeistern.

„Mein Publikum muss halt zuhören und darf nicht nur auf Witze warten“, betont der Kabarettist, der sich vornimmt, eine „Mischung aus Herz und Hirn“ auf die Bühne zu bringen. Kabarett für Oberstübchen also. Nein, es sei gar nicht so einfach, ein Programm über Krieg zu machen. Nichts dazu sagen wolle Christian Springer auch nicht. Auch wenn „nichts auf dieser Welt nicht egal“ ist, der Ukraine-Krieg ist es am allerwenigstens, so der Künstler. Und weiter: „Vielen Menschen ist es egal, weil sie es nicht aushalten. Sie haben mit ihrem eigenen Leben zu tun. Aber tun kann jeder etwas. Vielleicht nicht die Welt verändern, aber kleine Dinge anschieben.“

Das möchte Christian Springer nicht nur auf der Bühne schaffen, sondern auch mit seinen Büchern. „Ich und der Russe“ heißt sein neustes Werk, das Ende Oktober veröffentlicht wird. Auch so ein Thema für den Kabarettabend, das „nicht egal“ ist. Seit Wochen sehe Springer immer die gleichen Köpfe im Fernsehen, die ihren Senf zum Krieg und dem bösen Russen abgeben; und immer schwarz-weiß. „Da wollte ich entgegensteuern. Sicher ist Putin ein Kriegsverbrecher. Aber die Völkerfreundschaft mit den Russen ist etwas anderes“, betont Springer. Das habe er auch noch von seiner Mutter gelernt, die, obwohl sie mit sechs Jahren Kriegswaise geworden war, „den Russen“ nie als Feind gesehen habe. Eine andere Perspektive dem Publikum mit auf den Weg zu geben – darum sollte es halt auch im Kabarett gehen.

Kabarett für Herz und Hirn

Sich den speckigen alten Lederaktenkoffer bei einem Atomangriff über den Kopf ziehen? Ein weniger ernst gemeinter Rat an das Publikum aus der Zivilschutzära anno dazumal.

Nein, es geht Christian Springer nicht nur um schnelle Lacher in seinen Shows, sondern um das Aha-Erlebnis im Saal. Warum er es für scheinheilig hält, ein Helene Fischer Konzert zu meiden, dafür sein Geld bei den Rolling Stones zu lassen? Für ihn ist es mit diesen Größen der Popkultur nicht mehr so weit her, seitdem er erfahren habe, dass sich Mick Jagger während einer PR-Flaute in den 1970er-Jahren von Leni Riefenstahl habe ablichten lassen. „Immer diese Gedächtnislücken“, stichelt Springer. Einfach nur für eine große Schlagzeile. Später wollte Jagger davon nichts mehr gewusst haben. Eine Geschichte, die einen schalen Nachgeschmack hinterlässt, jedoch die witzig verpackt in Christian Springers beschwingter Art unter sein Publikum gestreut wird. Mal kommt es gut an, mal weniger gut. So wie das Leben.

Zufriedenes „Nicht egal“-Publikum im Haberkasten

Der Saal im Haberkasten war mit rund 190 Leuten so gut wie ausverkauft, freut sich Andrea Müller vom Kulturamt Mühldorf. Das sei nicht so selbstverständlich in dieser Zeit, die für ein „unvorhersehbares Publikum“sorge, das mal zahlreich komme und dann wieder wegbleibe, ergänzt Christian Springer. Die Pandemie hat besonders im Kulturbetrieb ihre Spuren hinterlassen.

Elisabeth Eberl und Harry Hempen ausTöging genießen Live-Abend.

Alles bestens im Haberkasten, wo der Münchner vor quasi vollem und gut gelauntem Hause auftreten durfte. Auch von weiter her sind seine Fans angereist, wie zum Beispiel Bernadette Hausperger aus Vilsbiburg, die zu diesem Abend eingeladen und nicht enttäuscht wurde. Ihr gefalle besonders, dass Christian Springer mit seinem Programm „sehr nah am Puls der Zeit“ sei. Wegen Corona im vollen Saal mache sie sich keine Sorgen. Genauso wenig wie Harry Hempen und seine Begleiterin Elisabeth Eberl aus Töging, die bereits vor Corona mal live zu Christian Springer wollten. Man kenne ihn aus Funk und TV, so Eberl. Den Live-Abend könne dies aber nicht toppen. Begeistert zeigt sich das Pärchen von dem Kabarett-Abend im Haberkasten. Christian Springers „Nicht egal“-Themen haben für die Töginger voll ins Schwarze getroffen. „Das war unterhaltsam, hat aber auch zum Nachdenken animiert“, resümiert Hempen.

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