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Traumatisierte Opfer im Zeugenstand

Blitzeinbruch bei Juwelier in Mühldorf - Jetzt steht der dritte Mann der Bande vor Gericht

Überfall Juwelier Knappe
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Am 5. März 2015 stürmten zwei vermummte Täter in das Juweliergeschäft Knappe und brachen mit einer Axt die Vitrinen auf. Ein dritter Mann stand vor der Tür Schmiere. Ihm wird jetzt der Prozess gemacht.
  • VonMonika Kretzmer-Diepold
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Fast acht Jahre nach dem brutalen Raub steht nun der letzte Täter vor Gericht. Am ersten Verhandlungstag in Traunstein kam auch der Mann zu Wort, der nach der Tat die Verfolgung der drei Männer aufgenommen hatte.

Mühldorf/Traunstein - Der dritte Beteiligte an dem brutalen Blitzeinbruch vor fast acht Jahren bei einem Juwelier in Mühldorf muss sich seit Dienstag (24. Januar) vor der Sechsten Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Jacqueline Aßbichler verantworten. Bei dem Überfall am 5. März 2015 hatten drei maskierte Männer, bewaffnet mit Spaltäxten, Schreckschusspistolen und Reizgas, 69 Uhren von Edel-Marken wie Rolex, Breitling und Glashütte im Wert von fast 340.000 Euro erbeutet. Die Hauptverhandlung wird am Donnerstag, 26. Januar, um 12 Uhr weitergeführt.

Zwei der damals zeitnah gefassten Täter aus Litauen wurden bereits 2016 vom Landgericht Traunstein zu einer Erwachsenenstrafe von sieben Jahren sowie einer Jugendstrafe von fünf Jahren und neun Monaten verurteilt. Ein zweites Verfahren in Traunstein wurde 2017 mit hohen Freiheitsstrafen gegen zwei Hinterleute aus Tschetschenien abgeschlossen. Diese beiden sogenannten „Logistiker“ erhielten 14 Jahre beziehungsweise zwölfeinhalb Jahre Gefängnis.

Schwere Kindheit und Jugend

Der jetzt angeklagte dritte Räuber von Mühldorf, der draußen vor der Tür den Tatort abgesichert und Reizgas gegen einen Verfolger eingesetzt hatte, hatte sich im Sommer 2022 in Italien aufgrund eines europäischen Haftbefehls der dortigen Polizei gestellt. Der gelernte Schweißer mit - nach Angaben seines Verteidigers Thomas Schales aus München - schwerer Kindheit und Jugend war zur Tatzeit aufgrund der allgemeinen Umstände in seinem Heimatland arbeitslos und konnte seine Familie mit mehreren Kindern nicht ernähren. Sein Schwager, einer der bereits in Traunstein verurteilten Räuber, habe ihm kurz vor dem Abreisetermin in Litauen angeboten, gegen ein paar Tausend Euro bei Blitzeinbrüchen in Deutschland mitzumachen.

In den geplanten Tatablauf sei der Angeklagte eingeweiht gewesen, meinte der Verteidiger. Die „ganze schlimme Realität“ mit den schwerwiegenden Folgen für eine Verkäuferin und einen Passanten habe der 40-Jährige allerdings vorher nicht bedacht. Das Geschehene tue ihm leid. Sein Mandant sei bereit, per vollstreckbarem Vergleich den zwei Geschädigten jeweils 3.000 Euro Schmerzensgeld nebst Zinsen zu zahlen und alle Verfahrenskosten zu übernehmen.

DNA-Spuren überführten die Täter

Zwei Stunden lang hatten die Prozessbeteiligten am Dienstag Gespräche zu strafmindernden Aspekten und zur Höhe einer Strafe im Fall eines Geständnisses geführt. Fünf Jahre plus wollte der Verteidiger, Staatsanwalt Chris-Dominik Kempel sechs Jahre aufwärts. Das Gericht unterbreitete keinen eigenen Vorschlag. Letztlich räumte der 40-Jährige den Sachverhalt ein. Nur mit dem in München vorher gestohlenen Fluchtwagen wollte er nichts zu tun gehabt haben. Auf Anregung des Staatsanwalts stellte die Kammer diesen Vorwurf ein.

Als Zeuge schilderte der Sachbearbeiter der Kripo Mühldorf dem Gericht, wie man den Räubern, die zunächst unerkannt hatten flüchten können, auf die Spur kam. Über die litauischen Zigarettenmarken und DNA an von den Tätern am Fluchtauto weggeworfenen Kippen sowie über die Auswertung von Funkzellendaten gerieten die ersten beiden Tatverdächtigen ins Visier. Sie konnten ermittelt und gefasst werden.

In Vernehmungen durch die Kripo Mühldorf nannten die Festgenommenen den jetzigen Angeklagten als den dritten Mann, der draußen vor dem Geschäft gestanden habe. Später – so der Polizeizeuge – habe man auch zweier Hintermänner habhaft werden können. Der Sachbearbeiter informierte über das vorherige Auskundschaften des Tatorts, die exakt fixierte Rollenverteilung bei den nur eine Minute dauernden Blitztaten und die Fluchtwege samt vorab gebuchter Hotels: „Alles war ordentlich durchorganisiert, auch was mit den Uhren passieren sollte. Sie sollten vergraben oder versteckt und möglichst schnell an die Bande weitergeleitet werden.“ Um 2015 herum seien „Blitzeinbrüche“ europaweit eine häufige kriminelle Masche gewesen, fuhr der Zeuge fort. Die Angaben der früheren Täter seien insgesamt glaubhaft gewesen, meinte der Kripomann auf Frage der Kammer.

„Ich habe genau in die Mündung geschaut“

Das inzwischen 58 Jahre alte Opfer, dem vor Gericht Nebenklagevertreter Jörg Zürner aus Mühldorf zur Seite steht, erinnerte sich, er habe Lärm gehört und den Angeklagten vermummt vor dem Laden Schmiere stehen sehen. Er sei zu ihm hin und habe gerufen: „Schleich dich.“ Der Mann habe „etwas mit Griff“ aus der Tasche gezogen. Alles sei „wahnsinnig schnell gegangen“. Zwei Männer seien aus dem Geschäft gestürmt. Der Angeklagte sei hinter ihnen hergerannt und habe ihm dabei Pfefferspray in das Gesicht gesprüht. Der Zeuge verfolgte das Trio an jenem Märztag. Beim Laufen um eine Hausecke herum habe der mittlere Täter zweimal auf ihn geschossen: „Ich habe genau in die Mündung geschaut und hatte große Angst.“ Bei diesen Worten war der Zeuge den Tränen nahe. Dass es sich um eine Schreckschusswaffe gehandelt habe, habe er nicht gewusst. Das Ganze belaste ihn bis heute erheblich, bestätigte der 58-Jährige. Durch diese mittlerweile dritte Aussage vor Gericht sei alles wieder hochgekommen. Actionfilme zum Beispiel könne er noch immer nicht ansehen.

Die 66-jährige Nebenklägerin, zu jener Zeit Verkäuferin in dem Juweliergeschäft, hört die Kammer am Donnerstag als Zeugin an. Sie und der 58-Jährige hatten nach der Tat unter posttraumatischen Belastungsstörungen gelitten. Dazu der Kripozeuge: „Es herrschte ein entsprechendes Gewaltpotenzial mit den großen Äxten, den Schüssen und dem Reizgas.“

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