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Die Wunden eines 16-Jährigen versorgt

Ersthelferin nach Bluttat: Melanie Bart aus Ampfing war bei Amoklauf von Würzburg vor Ort

  • Josef Enzinger
    VonJosef Enzinger
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Drei Tote, viele Verletzte und eine Stadt unter Schock. Der Amoklauf des Somaliers Abdurahman J. hat Würzburg am Freitag (25. Juni) in Angst und Schrecken versetzt. Passanten stellten den Täter, Ersthelfer versorgten derweil die vielen Verletzten. Darunter auch die Ampfingerin Melanie Bart.

Mühldorf/Ampfing – Für die 44-Jährige sollte es ein Kurzurlaub in Würzburg werden. Zusammen mit ihrem Mann war sie nach Franken gereist. „Wir waren unterwegs in den Weinbergen. Als es zu regnen begann, entschieden wir uns zu einem Bummel durch Würzburg und kamen irgendwann auch an den Barbarossa-Platz.“

Ampfingerin wird Augenzeugin, wie Passanten den Amokläufer in Schach halten

Dort bot sich Melanie Bart ein seltsames Bild. „Die Straßenbahn war stehengeblieben, die Menschen blickten alle in eine Richtung“, berichtet sie. Das Paar folgte den Blicken und sah den Somalier mit einem langen Gegenstand in der Hand.

Die Polizeibeamtin erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte. Der 24-jährige Somalier war bewaffnet und fuchtelte mit einem Messer oder einer Machete herum – Bart stand zu weit weg, um das genau erkennen zu können. „Um ihn herum standen zehn bis 15 Leute, jeder ebenfalls mit einem Gegenstand in der Hand. Bistrostühle, lange Äste, einer sogar mit einer Angelrute. Sie hielten den Mann in Schach“, beschreibt die Ampfingerin die Situation, die aus der Entfernung eher den Anschein einer Auseinandersetzung oder einer Schlägerei gehabt habe.

„Ich redete dem Jungen zu, versuchte, ihn abzulenken, bei Bewusstsein zu halten“

Dass der Mann bereits Menschen angegriffen hatte, wurde der Ampfingerin erst bewusst, als sie in unmittelbarer Nähe einen Ersthelfer sah, der einen verletzten Buben versorgte. Bart überlegte nicht lange, bot sofort ihre Hilfe an, zusammen versuchten sie, die Wunden des Verletzten zu versorgen. Der Amokläufer hatte den Jugendlichen, der vor dem Kaufhaus auf einer Bank saß, mit mehreren Stichen in Hals und Rücken verletzt. Ein Passant hatte ihn dann in eine Bäckerei in Sicherheit gebracht, wo die Ersthelfer versuchten, die Blutungen zu stoppen.

Einsatzfahrzeuge stehen nahe des Tatorts auf dem Barbarossaplatz in der Innenstadt von Würzburg.

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„Ich redete dem Jungen zu, versuchte, ihn abzulenken, bei Bewusstsein zu halten. Ich checkte regelmäßig den Puls und fragte ihn, wie er heißt, wie alt er ist“, berichtet Bart. Erst da sei ihr bewusst geworden, wie jung das Opfer eigentlich war: „16 Jahre – so alt wie mein Sohn.“ Der junge Mann sei ängstlich gewesen, habe gefragt, ob er jetzt sterben müsse. Melanie Bart redete ihm gut zu: „Nein, musst Du nicht!“

Auch wenn das alles offenbar sehr schnell ging: Mir kam das vor wie eine Ewigkeit

Melanie Barth, Ersthelferin nach Amoklauf von Würzburg

Gleichzeitig spielten sich auf dem Barbarossaplatz turbulente Szenen ab. Es hatte nicht lang gedauert, bis die erste Polizeistreife eingetroffen war. Als der Messerstecher flüchten wollte, verfolgten ihn Passanten und die Polizei. Das alles bekam Melanie Bart nur am Rande mit. „Während wir den 16-Jährigen versorgten, hörten wir dann plötzlich einen Schuss“, sagt sie. Es war der Zeitpunkt, an dem es der Polizei gelang, den Angreifer festzunehmen. „Auch wenn das alles offenbar sehr schnell ging: Mir kam das vor wie eine Ewigkeit“, erzählt Bart, eine erfahrene Polizistin.

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„Doch Routine gibt es in einer solchen Situation nicht“, sagt die 44-Jährige, die davon erzählt, dass sie schon vor 20 Jahren als Ersthelferin einer Situation ausgesetzt war, als sie einen Flugzeugabsturz aus nächste Nähe miterlebt hatte. Fünf Menschen seien damals gestorben. Sie weiß deshalb: „Man muss darüber reden, um das Ganze zu verarbeiten.“ Das Gespräch suchen – das hat sie dann auch getan. Als die Sanitäter endlich da waren, hat sie sich um den Ersthelfer gekümmert, der den Angriff als Augenzeuge miterlebt hatte „und völlig fertig war“.

Melanie Barth erfährt erst später, dass es drei Tote gab

Sie selbst habe erst später erfahren, dass es drei Tote gegeben habe. Im Hotel habe sie den Tag reflektiert, „dann sind auch bei mir die Emotionen hochgekocht“. Am nächsten Tag wollte sie nur noch weg aus Würzburg. Dem jungen Mann habe sie aber noch einen Brief geschrieben, diesen am Krankenhaus abgegeben, in welchem der 16-Jährige liegt. Darin gibt sie ihm eines mit auf den Weg: „Darüber reden hilft! Und sich professionelle Hilfe holen, um das Erlebte zu verarbeiten!“

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Über die Medien erfuhr sie schließlich, dass es dem 16-Jährigen wieder besser geht. Wohl auch dank ihres selbstlosen Einsatzes. Doch als Heldin sieht sich die bescheidene Ampfingerin nicht: „Man hat zwei Möglichkeiten in einer solchen Situation: Entweder das Weite suchen, was bei der Gefahrenlage auch nicht verwerflich ist. Oder helfen. Ich habe mich instinktiv für Letzteres entschieden.“

Rubriklistenbild: © Daniel Karmann/dpa

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