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Als Sennerin auf der Stoißer-Alm

Ferienjob der anderen Art: Mühldorferin hütet auf dem Teisenberg Kälber und Gäste

So erholsam geht es nur selten zu: Der Alltag auf der Stoißer-Alm besteht vor allem aus Arbeit, erzählt die Mühldorferin Sophia Gentile. Und trotzdem empfindet sie die Zeit dort als sehr entspannend.
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So erholsam geht es nur selten zu: Der Alltag auf der Stoißer-Alm besteht vor allem aus Arbeit, erzählt die Mühldorferin Sophia Gentile. Und trotzdem empfindet sie die Zeit dort als sehr entspannend.
  • Markus Honervogt
    VonMarkus Honervogt
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Es ist eine besondere Art von Ferienjob: Studentin Sophia Gentile arbeitet sechs Wochen auf der Alm. Viel Ruhe bleibt zwischen Brotzeitrichten und Kälber fangen nicht, trotzdem soll es sehr entspannend sein.

Mühldorf/Inzell – Sechs Wochen kein Internet. Und Telefon? „Wenn wir Glück haben, je nach Wetter, vielleicht auf einer Bank.“ Das sagt Sophia Gentile, während sie für die nächste Zeit packt. Die will die junge Mühldorferin auf der Alm verbringen. Genauer auf der Stoißer-Alm auf dem Teisenberg oberhalb von Inzell. Die Alm ist auch bei vielen Wanderern und vor allem Radfahrern aus dem Landkreis sehr beliebt.

Kühe fangen, Unterhemden aus der Toilette angeln

Gut sechs Wochen will sie dort leben und arbeiten. Kuchen backen und die Zimmer reinigen, Kühe einfangen und Gäste bedienen – und manchmal, wenn das Wetter schlechter und kein Besucher da ist – mit dem Fahrrad nach Inzell rauschen und sich den steilen Weg wieder hinauf quälen. Aus Spaß und zum Training für die Alpenüberquerung mit dem Fahrrad.

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Die Alm hat zwar nur selten Internetverbindung – aber eine Homepage. Auf der steht: „Sennerinnen verwöhnen mit bayerischen Schmankerln.“ „Genau, Sennerin“, lacht die 20-Jährige, von morgens 6 bis abends und manchmal, am Wochenende, bis 2 Uhr nachts. „Dazwischen geht es den ganzen Tag lang“, erzählt sie.

Kaffee für Gäste, Training mit dem Rad

Mit Einheimischen, die morgens auf einen Kaffee den ein- bis zweistündigen Aufstieg hinter sich bringen, mit Tagesgästen, die mit dem Mountainbike hinauf strampeln, mit denjenigen, die in den vier Zimmern und zwei Matratzenlagern übernachten. „Und wenn dann ein Kälbchen zum Fenster reinschaut, weißt Du: Sie sind wieder ausgebrochen.“

Gewitter beschädigt Zaun, Wanderer lässt Gatter offen

Dann hat ein Gewitter den Zaun beschädigt oder ein Wanderer das Tor aufgelassen. Dann müssen die Sennerinen raus, auf Kälberjagd gehen. Am weitesten hat es im vergangenen Jahr der Stier gebracht, fast bis Inzell ist er gelaufen. Wenn alle 63 Kälber gezählt sind, geht es wieder in die Küche.

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Oder in die Toilette. „Aus der haben wir schon mal ein Unterhemd rausgeholt“, erzählt Sophia Gentile, und dass sie sich auch an diese Art der Arbeit inzwischen gewöhnt hat, die auf dem Teisenberg einfach dazu gehört.

Die Zeit auf der Alm begann vor einem Jahr im heimischen Wohnzimmer vor dem Fernseher. Es lief ein Bericht über Menschen, die eine Zeit lang auf der Alm leben. „Das will ich auch“, war der Gymnasiastin sofort klar, gleich nach dem Abitur, noch vor dem Studium.

Ein bisschen Heidi-Idyll: Stadtkind Gentile mit den Kälbern auf der Stoißer-Alm.

So geht es auf die Alm

Der Almwirtschaftliche Verein listet 767 Almen in Oberbayern auf, nur ein Teil von ihnen wird bewirtschaftet. Dort arbeiten gut 350 Menschen, schätzt der Verein. Interessenten für einen Job auf der Alm können sich bei dem Verband im Internet bewerben.

Ihr erster Almsommer war von Corona geprägt, von geschlossenen Zimmern, vorsichtigen Gästen, Abstandsregeln. Die Arbeit ging den vier Sennerinnen trotzdem nicht aus. „Auf die Zeit darf man da nicht schauen“, sagt die Mühldorferin. „Da bleibt kein Tag zum Durchschnaufen, keine Mittagspause.“ Manchmal, wenn keine Gäste da sind, liegen die vier jungen Frauen nur rum und Schlafen. Trotzdem sagt Gentile schon im nächsten Satz: „Es ist total erholsam und entspannend in einem guten Team.“

Abgeschiedenheit trägt zur Erholung bei

Dazu trägt vor allem die Abgeschiedenheit bei. Nach einem Gewitter gibt es oft stundenweise keinen Strom und kein Wasser. Zum Toilettengang geht es in den Wald.

Ganz oben und ganz schön weit weg

„Wenn Nebel ist und du nur einen Meter weit schauen kannst, ist es schon ganz schön weit weg hier oben.“ Keine YouTube-Videos nur Kuhglocken. Das, sagt sie, „ist der Grund, warum ich hier oben sein will.“

In den kommenden Wochen sind die Sennerinnen nur noch zu zweit, am Wochenende kommen Mitglieder der Almgenossenschaft zum Helfen. Auch an dem Tag, der für viele Gäste einer der schönsten ist: Der Almabtrieb Ende September. Dann geht es zuerst zum Kälberfangen, dann zum Schmücken, zum Hinuntertreiben. „Wenn sie mal zusammen gehen, sind sie relativ brav“, sagt Gentile.

1000 Euro Verdienst

Etwa 1000 Euro verdient Gentile in dieser Zeit, dazu Trinkgeld. Mit diesem Lohn liegt Gentile im Schnitt dessen, was auf deutschen Almen gezahlt wird. Ein Blick in das Fachportal Hogast zeigt aber auch, dass Hilfskräfte oft mit 500 bis 800 Euro abgespeist werden. Wer mehr verdienen will, sollte in die Schweiz gehen. Dort gibt es laut Hogast etwa 1400 Euro. „Den Stundenlohn darf man sich natürlich nicht ausrechnen“, sagt Sophia Gentile, „aber dafür macht man es ja auch nicht.“

Von der Bergruhe in den Lärm der Clubs

Mit der am Teisenberg gewonnen Ruhe dürfte es für sie schnell vorbei sein. Denn ihr letzter Almtag am 16. Oktober ist auch ihr erster Studientag, das dritte Semester Sonderpädagogik in Würzburg beginnt. „Das wird ein fliegender Wechsel“, sagt sie. Ein Trostpflaster: „Im Tal dürfen die Clubs am 1. Oktober wieder öffnen.“ Ein offensichtlich lohnenswerter Gegenpol zur Abgeschiedenheit auf dem Berg.

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