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Gebürtiger Mühldorfer war dreimal am Hindukusch

„Beschämend“: Ex-Soldat Patrick Hilger über Situation im einstigen Einsatzland Afghanistan

Der erste Einsatz von Patrick Hilger in Afghanistan: Sechs Monate dauerte der Quick Reaction Force-Einsatz im Camp Marmal in Mazâr e Schârif.
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Der erste Einsatz von Patrick Hilger in Afghanistan: Sechs Monate dauerte der Quick Reaction Force-Einsatz im Camp Marmal in Mazâr e Schârif.
  • Harald Schwarz
    VonHarald Schwarz
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Mit dem Abzug der US-Amerikaner am 31. August enden die offiziellen Militäreinsätze in Afghanistan. Die letzten deutschen Soldaten sind schon seit dem Wochenende zurück „Beschämend“, „verantwortungslos“, so beschreibt Patrick Hilger die Situation, wenn er die aktuellen Vorgänge rund um Afghanistan verfolgt.

Waldkraiburg – Der 32-Jährige war von 2007 bis 2015 Soldat und während dieser Zeit drei Mal bei mehrmonatigen Einsätzen in Afghanistan. Wegen seiner Erfahrungen, die er dort gemacht hat, war er nicht überrascht, dass die Taliban in dem Land am Hindukusch wieder die Macht übernommen haben. „Ein Indikator war, als die Trump-Administration in Doha mit den Taliban verhandelt haben“, so Patrick Hilger.

Beinahe schockiert war er allerdings, „wie schnell Afghanistan kollabiert ist“. In diesem Zusammenhang kritisiert er die deutsche Bürokratie, die letztlich dazu geführt hat, dass die Taliban erfahren konnten, wer zu den Ortskräften gehört. Speziell die Ortskräfte-Büros haben es erleichtert, die Menschen zu identifizieren.

Schon während seiner Einsätze in Afghanistan haben die Afghanen, die in ihrer Einheit als Ortskräfte tätig waren, darauf geachtet, dass sie nicht erkannt werden. Schon damals haben die Taliban jeden bedroht, der mit den ausländischen Soldaten zusammenarbeitet.

Mit dem Gebirsgjägerbataillon nach Kabul

2007 hat der gebürtige Mühldorfer Patrick Hilger seinen Dienst beim Gebirgsjägerbataillon 232 in Bischofswiesen angetreten. Im November 2008 stand dann bereits der erste Einsatz in Afghanistan an. In Kabul waren sie für die Verlegung des 209. ANA Korps von Kabul nach Mazâr e Schârif verantwortlich. In Meymaneh war er mit seiner Einheit (Quick Reaction Force) zur Unterstützung eigener, aber auch norwegischer Kräfte eingesetzt. „Es war ein verhältnismäßig ruhiger Einsatz“, erinnert sich Hilger zurück. Abenteuerlust gepaart mit einem Schuss Naivität nennt er als Beweggründe, sich damals freiwillig für diesen sechsmonatigen Einsatz zu melden. Auch wenn seine Mutter viele Tränen vergoss, ließ er sich nicht davon abbringen.

Heikelster Einsatz war in der Unruheprovinz Baghlan

Der heikelste Einsatz für ihn war von Oktober 2010 bis März 2011. Nicht nur, dass eine Woche, bevor er nach Afghanistan aufbrach, Oberfeldwebel Florian Pauli bei einem Selbstmordattentat getötet wurde. Dieses Mal ging es nach Baghlan, die afghanische Nordprovinz, der als Unruhe-Provinz ein trauriger Ruf vorauseilte. Hilger, der mittlerweile in Waldkraiburg lebt und in Aschau arbeitet, kam zu dem sogenannten Observation Post North (kurz OP North, deutsch Beobachtungspunkt Nord). Das war im Rahmen der ISAF-Mission ein Außenposten der Bundeswehr, etwa 15 Kilometer nördlich der Provinzhauptstadt Pol-e Chomri.

Der OP North hatte den Auftrag, einen der wichtigsten strategischen Verkehrsknotenpunkte zu überwachen, die Sicherheitslage im Umfeld zu stabilisieren und die afghanischen Sicherheitskräfte in der Region zu betreuen. Hilger schrieb bereits damals in einer Mail an seinen Vater: „Es ist nicht die Frage, ob es kracht, sonder nur „wann“, erinnert er sich. So war bei dieser Mission die Angst ein ständiger Begleiter. Man habe gespürt, dass die Bedrohung allgegenwärtig war, beschreibt es Hilger, der 2015 im Rang eines Oberstabsgefreiten aus der Bundeswehr ausgeschieden ist.

Ausbildung afghanischer Soldaten übernommen

Der dritte Einsatz ging es wieder nach Mazâr e Schârif. Zusammen mit 16 anderen einsatzerfahrenen Soldaten hatte Patrick Hilger die Ausbildung afghanischer Soldaten übernommen. Das war von Juli 2013 bis Februar 2014. „Selbstschutz hatte hier oberste Priorität“, so Hilger, da es die latente Gefahr gab, durch einen Schläfer angegriffen zu werden. Schläfer wurden Talibankämpfer genannt, die sich bei den Polizei- oder Militäreinheiten eingeschlichen hatten.

Bei dieser Mission musste Patrick Hilger feststellen, dass afghanische Soldaten oder Polizisten „schon da keine regelmäßigen Soldzahlungen bekommen haben“. Damit war Korruption und Kriminalität mehr oder weniger Tür und Tor geöffnet. „Die mussten ja auch alle schauen, wie sie und ihre Familien durchkommen“. Dazu komme, dass es in Afghanistan unterschiedliche Ethnien und verschiedene Stämme gibt, die sich teilweise spinnefeind sind. Daher kam die Entwicklung für Patrick Hilger nicht überraschend.

Einer der Ortskräfte: Abschied von einer afghanischen Reinigungskraft, die im Camp Mike Spann tätig war.

Positive Entwicklung war sichtbar

Als er Afghanistan verlassen hatte, sah Patrick Hilger durchaus eine positive Entwicklung: Die Menschen hatten Schutz, die Infrastruktur des Landes war ausgebaut worden. Junge Mädchen konnten in die Schule gehen und wurden nicht mehr zwangsverheiratet. NGOs hatten die Möglichkeit, die notleidende Bevölkerung zu versorgen. „Dieser Fortschritt ist in kürzester Zeit in sich kollabiert“, ist die bittere Erkenntnis von Patrick Hilger.

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