Mühldorf nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Not an allen Ecken und Enden

Baracke im „Holzlager“ mit Bewohnern 1948. Stadtarchiv, Kreissparkassse
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Baracke im „Holzlager“ mit Bewohnern 1948. Stadtarchiv, Kreissparkassse

Die Mühldorfer haben ab 1945 mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges zu kämpfen. Die tägliche Nahrungsmittelmenge wurde nach Gramm verteilt. Für Kartofflen und Lebensmittel gab es Karten vom Landesernährungsamt. Bezugsscheine wurden über die verschiedenen Bewirtschaftungsämter zugeteilt. Die vielen Flüchtlinge sorgten dafür, dass die Industrialisierung im Landkreis Mühldorf auf den Weg gebracht wurde. In den Barackenlagern startete das Nachkriegsleben.

Mühldorf – Unmittelbar nach Kriegsende war die Notsituation an allen Ecken und Enden drückend. So betrug die im Bewirtschaftungssystem für eine Person verfügbare tägliche Nahrungsmittelmenge im Durchschnitt zehn Gramm Fleisch, fünf Gramm Fett, 150 Gramm Brot, vier Gramm Käse, acht Gramm Nährmittel, neun Gramm Zucker und vier Gramm Kaffee-Ersatz. In dieser Situation musste der Selbstversorgung zwangsläufig eine geradezu existenzielle Bedeutung zukommen. In diesem Sinne erging beispielsweise vom Mühldorfer Bürgermeister der Appell an die Einwohner, durch die Bebauung jedes nur irgendwie nutzbaren Fleckchens Erde mit Gemüse und Kartoffeln sowie durch Kleintierhaltung Selbstversorgung zu betreiben.

Schwarzmarkt blüht

Ein angesichts der extremen Versorgungslage verständlicher, das Bewirtschaftungssystem aber unterlaufender Weg zur Selbstversorgung war der Schwarzmarkt. Diesen gab es natürlich, wie in jener Zeit überall, auch hier – trotz beträchtlicher Strafandrohungen. Die dortigen Preise wurden zum Großteil nicht in der noch bis 1948 bestandenen Reichsmark-Währung ausgehandelt, sondern zum Teil in Ersatzwährungen, wie etwa der berühmten „Zigarettenwährung“, oder es wurde überhaupt Naturaltausch betrieben.

Kartoffelkarte des Ernährungsamtes

Eine weitere Form der Selbstversorgung, vor allem der städtischen Bevölkerung, waren die sogenannten „Hamsterfahrten“ in das nähere und fernere ländliche Umland, wo oft wertvolle Gegenstände gegen Nahrungsmittel getauscht wurden. Für das in der kalten Jahreszeit überlebensnotwendige Heizmaterial musste vielfach durch das ebenfalls einem Bezugsscheinsystem unterworfene Brennholzsammeln in den Wäldern gesorgt werden.

Nicht nur Lebensmittel waren bewirtschaftet, sondern auch Bekleidung, Kohle sowie Betriebsmittel. Letzteres nicht nur im gewerblichen Bereich, sondern auch in der Landwirtschaft.

Das wird beispielsweise in Auflistungen des Ernährungsamtes Mühldorf über die Vergabe von Bezugsscheinen an die Gemeindeämter für landwirtschaftliche Kleingeräte ersichtlich. Derartige Listen finden sich etwa im Stadtarchiv Neumarkt-St.Veit. Nach diesen wurden noch im Herbst 1947 Bezugsmarken für folgende Geräte zugeteilt: Sandschaufel, Steinkohlen- und Koksschaufel, Spaten oder Grabgabel, eiserne Gartenrechen, Dung- und Heugabeln, Kartoffelgabeln, Rübengabeln, Handschlepprechen, Gleitschutzketten, Drahtstifie, Kartoffelkörbe, Gießkannen, Futterkessel, Wassereimer, Dezimalwaagen.

Eine wichtige Grundlage des Bewirtschaftungssystems war die Ablieferungspflicht der Bauern. Hier gab es strenge Vorschriften, deren Einhaltung sowie Kontrolle nicht gerade zu den einfachsten Dingen gehörte. Als ein Beispiel von vielen mag die „Anordnung Nr. 2“ des Eierwirtschaftsverbandes Bayern vom 13. Oktober 1947 dienen, aufgrund derer sogenannte Eierablieferungsbescheide ausgestellt wurden, von denen noch einige im Stadtarchiv Neumarkt-St.Veit erhalten sind. Demnach hatte „jeder landwirtschaftliche Geflügelhalter sowie jeder anerkannte Herdbuch- und Vermehrungszuchtbetrieb sowie jeder gewerbliche Geflügelhalter im Eierwirtschaftsjahr 1947/48 von jeder Henne, Zwerghenne und Ente 50 Eier abzuliefern. Nichtlandwirtschaftliche Geflügelhalter haben zehn Eier von jeder Henne, Zwerghenne und Ente abzuliefern.“ Ein Verkauf von Eiern aus der dem Geflügelhalter verbleibenden Menge war nur gegen gültige Bezugsberechtigung und nur an Personen gestattet, die in der politischen Gemeinde des Geflügelhalters wohnten. Tauschgeschäfte jeder Art waren demnach verboten.

Bezugsscheine wurden zugeteilt

Bezugsscheine wurden über die verschiedenen Bewirtschaftungsämter zugeteilt. Oft kam es vor, dass die Betroffenen nicht auf die Zuteilung warten konnten. In diesen Fällen mussten den Verkaufsstellen nachträglich entsprechende Bezugsscheine übermittelt werden. Ein Beispiel, das sich aufgrund des Aktenbestandes im Stadtarchiv Neumarkt belegen lässt, ist jenes des „Sägfeilers“ Otto Hetzer, der Anfang November 1946 im Geschäft Peteranderl Schuhe ohne Bezugsschein erworben hatte. Jn dem entsprechenden Bericht heißt es: „Der 73-jährige Mann konnte mit seinen zerlumpten Schuhen unmöglich abgewiesen werden, auch seine Kleidung bedürfte der Erneuerung, er gab sich jedoch mit Schuhen zufrieden (...) bes. in Rücksicht auf die kalte Jahreszeit musste in dieser Weise entgegengekommen werden.“

Sehr hohe Zahl an Flüchtlingen

Dramatisch verschärft wurde in dieser unmittelbaren Nachkriegszeit die Versorgungssituation sowie die Durchführung des Bewirtschaftungssystems natürlich durch die gerade in der Region Mühldorf vergleichsweise sehr hohe Anzahl an Flüchtlingen und sogenannten „displaced persons“. So wurden die aus verschiedenen Gründen heimatlos gewordenen Menschen bezeichnet.

Neben all diesen materiellen Herausforderungen war auch die schwierige Problematik des Umganges mit der NS-Zeit zu bewältigen, da viele lokale Persönlichkeiten in die Machenschaften des Regimes involviert waren. Damit in Verbindung stand die Frage der Verantwortlichkeit für das Geschehene und zugleich die Frage des Überganges zu demokratischen Strukturen und Lebensverhältnissen.

Die Dimension des Flüchtlingsproblems im Landkreis Mühldorf ist in einigen umfangreichen Untersuchungen auf der Basis einschlägiger Quellenrecherchen sowie Erfahrungs- und Zeitzeugenberichten eindrücklich dargestellt worden. So befanden sich um die Mitte des Jahres 1945 im Landkreis Mühldorf etwa 7000 Ausländer, vielfach ehemalige Zwangsarbeiter, die auf den Rücktransport in ihre Heimat warteten. Hinzu kamen etliche tausende Flüchtlinge und Evakuierte. Deren Zahl nahm zunächst noch laufend zu. Von Januar 1946 an erhöhte sich das Zuzugstempo der Flüchtlingstransporte zusehends und erreichte seinen Höhepunkt im Zeitraum April bis Juni 1946, als monatlich bis zu 4000 Personen aufgenommen, verpflegt und untergebracht werden mussten.

Baracke im Holzlager

Zu dieser Zeit kamen immer wieder Flüchtlingstransporte nach Mühldorf. Eine Darstellung über die Ankunft eines derartigen Flüchtlingstransportes im Wochenbericht des Landrates an die Militärregierung vom 11.1.1946 veranschaulicht die Situation: „Der aus München gemeldete Transport mit 850 Flüchtlingen ist am Montag den 7.1. am Bahnhof Mühldorf um 19.50 Uhr eingetroffen. In der Reichsbahnkantine sind dieselben durch das Rote Kreuz verpflegt worden. Anderntags sind die Flüchtlinge mit Omnibussen und Lastkraftwagen in die einzelnen Gemeinden des Landkreises gebracht worden.“

Dort stieß ihre Unterbringung auf große Schwierigkeiten. Es handelte sich in der Hauptsache um Frauen, Kinder und gebrechliche Leute. „Zweifellos werden sie der öffentlichen Fürsorge zur Last fallen. Landwirtschaftliche Arbeiter waren nur ganz wenige dabei“, heißt es in dem Bericht weiter..

Da in jener Zeit monatlich bis zu 4 000 Personen aufgenommen werden mussten, war die Unterbringung und die Verpflegung in der Tat ein erhebliches Problem. So waren durch die Flüchtlingsverwaltung im Landkreis Unterkünfte zu ermitteln, Flüchtlingslager einzurichten und auch für Nahrung und Bekleidung Vorsorge zu treffen.

Flüchtlinge im KZ untergebracht

Derartige Flüchtlingslager gab es etwa auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Mettenheim, dann auf dem Gelände der Rennbahn sowie das „Grümerlager“ bei Altmühldorf. Daneben gab es zahlreiche Notunterkünfte und Einquartierungen in Gasthäusern und Privathäusern.

Dass dies alles angesichts der ohnehin prekären Lage schwierig war, lässt sich leicht nachvollziehen, auch dass es vielfach zu Spannungen zwischen der Bevölkerung und den Flüchtlingen gekommen ist. Die Probleme waren vielschichtig. Dazu beispielhaft zwei Eintragungen im „Wochenbericht“ des Bürgermeisters von Neumarkt-St. Veit im Jahre 1947: „Durch die Anstellung von nicht bodenständigen Lehrkräften, mit ortsfremden Dialekten, leidet der Unterricht in nicht geringem Maße. Die Schulbehörde würde gut tun, die neuen Lehrkräfte anzuweisen, sich im Unterricht der sogen. Hochdeutschen Sprache zu bedienen und nötigenfalls diese zu erlernen.“

Industrielles Entwicklungspotential

Ein wesentlicher Spannungsbereich war zweifelsohne die Unterkunftsfrage: „Da die Marktgemeinde mit Flüchtlingen überbelegt ist, entstehen fast täglich kaum zu schlichtende Wohnungsstreitigkeiten. „Mitte 1949 lebten von den zu dieser Zeit im Landkreis befindlichen mehr als 20 000 Flüchtlingen noch immer 90 Pronzente in Quartieren der einheimischen Bevölkerung, der Rest in diversen Lagern.

Gemessen an der Bevölkerungszahl des Jahres 1950 brachte der große Flüchtlingszustrom im Vergleich zur Volkszählung von 1939 im Landkreis einen beträchtlichen Anstieg der Einwohnerzahl um fast 20 000 auf nunmehr 63 300.

Dieser Bevölkerungszuwachs barg auch ein beträchtliches wirtschaftliches Entwicklungspotenzial. Dies insofern als sich die in der Region sesshaft gewordenen Flüchtlinge in vielfacher Weise in die Wirtschaftsstruktur der Region integrierten und dabei diese Impulse und neue Elemente einbrachten.

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