Eine Mühldorferin fürchtet, dass trockene Alkoholiker in der Corona-Isolation rückfällig wurden

Wenn Trinken zur Sucht wird: Andrea Kammbach hat das ganze Alkoholismus-Programm von den frühlichen Anfängenüber den Zusammenbruch bis zum Trockensein durchgemacht. Sie fürchtet, dass Corona-Einsamkeit viele Alkoholkranke wieder an die Flasche hängt.
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Wenn Trinken zur Sucht wird: Andrea Kammbach hat das ganze Alkoholismus-Programm von den frühlichen Anfängenüber den Zusammenbruch bis zum Trockensein durchgemacht. Sie fürchtet, dass Corona-Einsamkeit viele Alkoholkranke wieder an die Flasche hängt.
  • Markus Honervogt
    vonMarkus Honervogt
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In der Coronakrise stehen Alkoholkranke vor besonderen Herausforderungen. In sozialen Netzwerken wird Trinken zum Krisensport, der Druck und die Vereinsamung wachsen, weil sich Selbsthilfegruppen nicht treffen dürfen, die Angst wächst. Deshalb gab es in Supermärkten nicht nur leere Klopapier-Regale, auch Wein und Schnaps fanden reißenden Absatz.

Mühldorf – Andrea Kammbach weiß genau, wie es anfing, wie es sich zuspitzte, wie es endete. Vorläufig zumindest. Denn den Kampf gegen ihre Alkoholsucht kann sie nie endgültig gewinnen. Er geht immer weiter. Sie formuliert es wie einen Warnsatz: „Es gibt nur drei Sorten von Alkoholikern: nasse Alkoholiker, trockene Alkoholiker und tote Alkoholiker.“ Den Alkoholiker wird man nicht mehr los. Auch nicht in der Corona-Zeit, die für diese Menschen eine besondere Belastung ist.

Druck nur mit Alkohol zu bewältigen

Andrea Kammbach, die anders heißt, war schon immer gerne unterwegs. „Ich bin gerne fortgegangen“, sagt sie. Sie heiratet sehr jung, sie und ihr Mann übernehmen den Bauernhof, dazu drei Kinder und mit Mitte 20 der stetig werdende Griff zur Flasche. Anders war der Druck nicht zu bewältigen. „Ich habe immer getan, was andere von mir erwartet haben“, sagt sie heute, gut 20 Jahre danach.

Alle zwei Stunden aufgestanden

Damals hat die heute 45-Jährige den Druck nur noch ausgehalten, wenn sie genug intus hatte. Spiegeltrinken nennt man das, eine Form der Sucht, die den kompletten Lebensplan bestimmt. „Ich bin nachts alle zwei Stunden aufgestanden, um zu trinken.“

Dann kommt der Tag, an dem die Nachbarin ihren runden Geburtstag feiert. Um gewappnet zu sein, kippt Kammbach schon nachts flaschenweise Wick Medinait, das genügend Alkohol enthält, um den Spiegel zu sichern. Ins leere Fläschen füllt sie Wodka, der in der Handtasche mit zur Nachbarin geht. „Dort gibt es zum Glück Prosecco.“ Es folgen der Zusammenbruch und die Einweisung ins Krankenhaus. Eine Woche Entzug, die Entlassung mit der Erkenntnis: „Ich bin eine Alkoholikerin.“

Noch am Tag der Entlassung nimmt sie Kontakt zu eine Gruppe der Anonymen Alkoholiker auf, inzwischen leitet sie die Gruppe in Mühldorf. Seitdem ist sie trocken.

Weinregale im Supermarkt sind leer

Kammbach ist jetzt Mitte 40, sie sieht gut und gepflegt aus, gesund, ihr fehlt jedes äußerliche Zeichen der Krankheit Alkoholsucht. Und doch prägt der Kampf dagegen jeden einzelnen Tag. Wem würde schon auffallen, dass neben den Toilettenpapierregalen auch im Schnaps- und Weinsortiment große Lücken klaffen? Dass es in allen sozialen Netzwerken in Coronazeiten vor allem diese Videos gab: Saufspiele, im Homeoffice ein Glas Wein zu Mittag, Filmchen von der ganz persönlichen Bierverkostung am Abend?

Corona trifft Alkoholkranke in sozialer Isolation besonders

Für die Mitglieder ihrer Gruppe hat das fatale Folgen, fürchtet Kammbach. Sie werden in Corona-Zeiten mehr noch als sonst mit Alkoholkonsum konfrontiert, gleichzeitig fehlt ihnen der Halt der Gruppe. Nur die, davon ist Kammbach überzeugt, kann die Stabilität geben, die ein trockener Alkoholiker braucht, um trocken zu bleiben. „Zufriedenheit gibt es nur durch die Gruppe“, sagt Kammhuber.

Alexandra Bohn von der Caritas-Suchberatung spricht von einem „fast familiären Bezug zur Gruppe“, den Alkoholkranke entwickeln. Deshalb spielten diese Gruppen eine so wichtige Rolle im Kampf gegen einen Rückfall. Denn die Gefahr, in Corona-Zeiten wieder zur Flasche zu greifen, ist tatsächlich groß, weiß Bohn. „Und je länger es dauert, desto höher wird die Belastung.“

Das Virus hat laut Bohn Angst, Vereinsamung, und Druck erhöht, Faktoren, die zum Alkoholismus führen können. „In der Pandemie verstärken sich die Ängste, die man schon vorher hatte.“ Ob und wie gut dieser Druck bewältigt werden kann, hängt laut Bohn an zwei Faktoren: Der Einsicht in die Krankheit und die Einbindung in ein soziales Umfeld.

Die ständigen Lügen des Alkoholikers

Ihr soziales Umfeld konnte Andrea Kammbach auch in ihrer Zeit als Trinkerin erhalten, inzwischen leben vier Generationen auf dem Hof und in der Nachbarschaft. „Die Familie kann dir aber nicht helfen. Die Beziehungen sind gestört, durch das stetige Lügen des Alkoholikers“, sagt Kammbach. Anders in der Selbsthilfegruppe: „Wir haben alle die gleiche Erfahrung gemacht, so können wir uns stützen.“

In der Gruppe die Sucht kontrollieren

Wer in die Gruppe kommt, wird begrüßt, darf zuhören. Mehr Vorgaben gibt es nicht. Wer sprechen will, sagt: „Ich heiße Andrea und bin Alkoholikerin.“ Das hat auch Kammhuber getan und erfahren: Nur der Austausch mit Menschen, die an der gleichen Krankheit leiden, nur durch den regelmäßigen, wöchentlichen Austausch kann sie ihre Sucht kontrollieren. Corona hat diese Gruppe hart getroffen, ihre Mitglieder sind seitdem auf sich gestellt.

Mehr Alkohol gekauft

Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat im April einen gestiegenen Verkauf von Alkohol vermeldet. Seit Ende Februar, also schon vor den strengen Ausgangsbeschränkungen, hätten sich die Deutschen verstärkt mit Wein und Schnaps eingedeckt. So sei der Verkauf von Wein um 34 Prozent gegenüber der Zeit von Ende Februar bis Ende März 2019 gestieben. Bei hochprozentigen Getränken betrug die Steigerung laut GfK 31,2 Prozent. Der Verkauf von Alkoholmischgetränken sei sogar um 87,1 Prozent gewachsen, allerdings machen diese Getränke nur einen geringen Anteil aus. Das gleiche gelte für Sherry und Portwein (plus 47,5 Prozent. Der Bierkonsum sei dagegen lediglich um 11,5 Prozent in die Höhe gegangen.

Kontakt über das Selbsthilfezentrum Haus der Begegnung in Mühldorf unter 08631/4099.

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