Mittendrin sein – ganz inklusiv

Gemeinsam leben, lernen und arbeiten, so wie hier in einer Einrichtung des Katholischen Jugendsozialwerks: Für Menschen mit Hilfebedarf ist das besonders schwer. kjsw

Rosenheim/Mühldorf. – Die Weihnachtsaktion „OVB Leser zeigen Herz“ ist heuer zwei außergewöhnlichen inklusiven Wohngemeinschaften in der Region gewidmet.

Was sagen die Experten zu den Projekten? Die OVB-Heimatzeitungen sprachen mit Jakob Brummer, Leiter der Fachstelle Inklusion im Rosenheimer Landratsamt.

Herr Brummer, was ist zu tun, damit Menschen mit und ohne Beeinträchtigung in Kontakt sind?

Im Prinzip ist es einfach: Sie nehmen einander wahr, gehen auf einander zu. Es braucht mehr als nur Toleranz. Es braucht Respekt, Wertschätzung und Neugier, um sich wirklich zu begegnen und „miteinander“ was zu unternehmen. Und es braucht Zeit. Aber woher die Zeit nehmen, wenn viele von uns sogar in der Freizeit „gestresst“ sind? Also ist es mit dem Kontakt doch nicht so ganz einfach.

Gibt es in der Arbeit Möglichkeiten der Begegnung?

Ja, das gibt es. Es gibt Firmen, die in vorbildlicher Weise Menschen mit Behinderungen beschäftigen. Das ist aber nur möglich, wenn man Menschen mit Behinderungen etwas zutraut und wenn es im Betrieb einen „Teamgeist“ gibt.

Wie ist es im Freizeitbereich, etwa im Sport?

Es gibt einige Sport- oder Kulturvereine, die sich bewusst der Inklusion geöffnet haben. Aber es müsste noch viel mehr Angebote geben. In unserer Arbeitsgruppe „Inklusion in Vereinen“ wurde vielfach berichtet, wie schwer sich Menschen mit Behinderungen tun, sich an die örtlichen Vereine zu wenden. Es gibt Tabus auf beiden Seiten.

Wie kann man diese Tabus brechen?

Indem man es zum Beispiel so macht wie die Rosenheim Rebels. Die American Footballer haben sich jetzt der Inklusion geöffnet. Zwei ehrenamtliche Helfer mit Behinderung unterstützen das Football-Team und sind im Vereinsleben mittendrin dabei. Das Katholische Jugendsozialwerk (KJSW) begleitet die Inklusion bei den Rebels.

Wie leben und wohnen Menschen mit Behinderung in der Region: bei Angehörigen oder in speziellen Wohnheimen?

Die meisten Menschen mit Behinderungen leben viele Jahre lang zu Hause in ihren Familien. Sich als Erwachsener „abzunabeln“ und ein selbstbestimmtes und inklusives Leben mitten im Gemeinwesen zu führen, ist schwer. Es gibt hervorragende Wohnheime, aber oft nicht im unmittelbaren sozia len Umfeld der Betroffenen. Es bräuchte mehr behindertengerechte und bezahlbare Wohnungen, kleine WGs oder familienähnliche Wohngruppen.

Dann sind die zwei Projekte in Rosenheim und Aschau ja ein Segen für die Betroffenen.

Ja. Erstmals wird das Katholische Jugendsozialwerk eine WG gründen, in der Menschen mit und ohne Behinderung zusammen leben und wohnen. In Aschau entstehen zwölf Plätze für junge Erwachsene mit Hilfebedarf.

Gibt es Wohnformen, die speziell auf jüngere Menschen mit Behinderung zugeschnitten sind?

Eltern tun sich oft schwer, ihre erwachsenen Kinder mit Behinderungen loszulassen. Gerade auch, weil es zu wenig geeignete Wohnmöglichkeiten gibt. Junge Menschen mit Behinderung in eine WG verpflanzen und meinen, die Inklusion kommt automatisch, weil man in einer Außengruppe mitten im Dorf wohnt – das reicht nicht. Es braucht professionelle Betreuer, die als „Inklusionspaten“ und Vermittler Kontakte und Gelegenheiten zur Inklusion zwischen Bewohnern, Nachbarn und dörflicher Gemeinschaft schaffen.

Solche Profis sind bei den zwei OVB-Aktions-WGs doch fest eingeplant.

Genau. Deshalb wünsche ich uns allen, dass die ambitionierten Wohnprojekte des KJSW und des Vereins Benedetto-Menni-Nest e.V. bald verwirklicht und abgeschlossen werden. Da kommen wir im Bereich des Wohnens einen großen Schritt voran.

Eigentlich schade, dass solche Projekte ohne Spenden kaum zu stemmen sind.

Ja. Man würde sich wünschen, dass es bei inklusiven Wohnformen bereits im Planungsstadium, bei der Projektentwicklung und in der Umsetzungsphase eine umfangreiche und engmaschige Beratung und staatliche Projektfördermittel gibt. Gäbe es nicht bundesweite Stiftungen wie die Aktion Mensch oder die in der Region beispielhafte OVB-Weihnachtsaktion, wäre es um innovative und inklusive Wohnformen schlecht bestellt.

Also...

Also ist mein Wunsch an die OVB-Leser: Macht mit und engagiert Euch, finan ziell und persönlich! Unterstützt das KJSW und das Benedetto-Menni-Nest, macht Euch stark für Inklusion von Anfang an: im Kindergarten, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Freizeit. Wenn sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Handicaps täglich begegnen, gibt es weniger Tabus, Berührungsängste und Wegschauen. Menschen mit Behinderung wären dann mittendrin. Das ist noch visionär, aber wir kommen voran.

INTerview: Dr. Gabriele Riffert

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