Michael Hetzl ist seit 100 Tagen Bürgermeister: „Mühldorf wird weiter wachsen“

+

Mühldorf – Michael Hetzl (UM) schaffte es gegen Amtsinhaberin Marianne Zollner (SPD) im zweiten Wahlgang ins Bürgermeisteramt. Seit 100 Tagen steht er der Stadt vor. Nach drei Monaten des Wartens kann er jetzt erste Zahlen zu den Auswirkungen der Coronakrise auf die Stadt und den Einzug der AfD in den Stadtrat nennen.

Wie ist es, plötzlich einer der bekanntesten Mühldorfer zu sein?

Michael Hetzl: Ich war ja als Geschäftsmann nie unbekannt, kenne das seit Kindesbeinen an. Aber jetzt als Bürgermeister ist man dann schon noch deutlich bekannter.

Wünschen Sie sich mehr Privatheit?

Hetzl:Ich bin Bürgermeister, das bin ich auch außerhalb des Büros und am Wochenende. Es gibt natürlich Fälle, in denen man sagen muss, das geht jetzt nicht. Dem einen oder anderen fehlt auch schon mal das Fingerspitzengefühl, aber ansonsten gefällt mir das.

Sie sind in der Corona-Krise gestartet, wie geht es der Stadt?

Hetzl:Es schaut aktuell gut aus. Wir werden mit einem Verlust von etwa einer Millionen Euro bei der Gewerbesteuer davon kommen.

Woran liegt das?

Hetzl:Mühldorf ist von den Branchen her sehr breit aufgestellt. Die großen Gewerbesteuerzahler scheinen bisher relativ glimpflich davon zu kommen.

Und der Einzelhandel?

Hetzl:Den Geschäften und der Gastronomie geht es nicht gut. Wichtig ist deshalb, dass jetzt nicht alle wegfahren, sondern möglichst viel zu Hause unternehmen und damit die lokalen Unternehmen unterstützen.

Sie haben alle Geschäfte angefragt, wie viele Parkplätze sie für Mitarbeiter benötigen. Warum?

Hetzl:Wir haben begonnen, die Verkehrsplanung zu verfeinern. In diesem Rahmen steht die Befragung. Wenn die Ergebnisse vorliegen, beraten wir die Antworten im Stadtentwicklungsausschuss und entwickeln Lösungen.

Der Stadtbus spielt in der Befragung keine Rolle. Warum?

Hetzl:Der Öffentliche Nahverkehr wurde schon in verschiedenen Untersuchungen erfasst. Was noch nie erfasst wurde, ist die Frage, wie viele Parkplätze die Unternehmen für ihre Mitarbeiter in der Innenstadt brauchen.

Setzen Sie allein aufs Auto?

Hetzl:Nein, doch der Stadtbus ist hauptsächlich für Mühldorfer ein Ersatz zum Auto. 70% unserer Arbeitnehmer in der Stadt kommen aber aus dem Umland. Auch ist unser bestehender ÖPNV nicht so schlecht wie immer gesagt wird. Bei der Befragung 2018 hat nur rund 1,5 Prozent der gesamten Bevölkerung Verbesserungsbedarf im ÖPNV gesehen.

Was bedeutet das für den neuen Stadtbus?

Hetzl: Im Bewerbungsverfahren konnte leider kein Unternehmen gefunden werden. Deshalb muss sich der Stadtentwicklungsausschuss mit der Frage befassen, was wir jetzt tun können. Mir wäre eine Digitalisierung des derzeitigen Angebots sehr wichtig, denn damit können wir ohne weitere Kosten die Nutzung steigern.

Wird es weitere neue Baugebiete geben?

Hetzl:Nein, es bleibt derzeit bei den beiden, die in Planung sind: die Eichkapelle und das Kirchenfeld. Mühldorf wird trotzdem weiter wachsen, denn bei Nullwachstum, werden Mühldorfer Kinder wegziehen müssen. Das kann nicht der Weg sein. Wenn wir kein neues Bauland ausweisen wollen, müssen wir in bestehenden Gebieten nachverdichten und Baulücken schließen.

Was kann die Stadt tun, um das zu erreichen?

Hetzl:Es gibt ein Gutachten, in dem Baulücken aufgeführt sind. Vielleicht bekommen wir den einen oder anderen dazu, eine Lücke zu schließen. Im Großen und Ganzen sind uns aber die Hände gebunden. Wir können niemanden zum Bauen zwingen.

In Mühldorf und Waldkraiburg regieren jetzt freie Bürgermeister. Fördert das die Zusammenarbeit?

Hetzl:Ich denke schon. Uns liegt zum Beispiel die Finanzierung der Hochschule sehr am Herzen. Derzeit bezahlen der Landkreis und wir die Kosten, das ist nicht ganz angemessen. Dass sich der Freistaat dauerhaft an der Finanzierung beteiligt, dieses Ziel wollen wir gemeinsam weiterverfolgen.

Wie läuft die Zusammenarbeit im Stadtrat?

Hetzl:Insgesamt ist die Arbeit durchaus konstruktiv, teilweise schwierig ist die Verquickung mit bundespolitischen Interessen, die in den Stadtrat hineingetragen werden. Am Ende finden wir in der Sache aber gut zusammen.

Worum geht es dabei?

Hetzl:Grundsatzansichten aus Berlin oder München werden runtergebrochen, obwohl auf kommunaler Ebene oft andere Dinge wichtiger sind. Sie werden keinen einzigen Kommunalpolitiker finden, der nicht für Artenvielfalt ist. Aber Lösungen, die in Berlin funktionieren, funktionieren nicht zwangsläufig auch bei uns.

Welche Partei meinen Sie?

Hetzl:Das kommt von den verschiedensten Gruppierungen und zeigt sich zum Beispiel in der derzeitigen oppositionellen Öffentlichkeitsarbeit der Grünen.

Stimmen Sie der AfD zu, dass sie bei der Besetzung von Ausschüssen und Posten ausgegrenzt wurde?

Hetzl:Durch das gewählte Zählverfahren d’Hondt werden stärkere Fraktionen bevorteilt und kleinere eher benachteiligt.

Hätte der Stadtrat die AfD stärker beteiligen sollen?

Hetzl:Das wird sich mit der Zeit zeigen, nach der dritten Stadtratssitzung lässt sich das von meiner Seite nicht beurteilen.

Die anderen Beschlüsse im Stadtrat waren bislang fast alle einmütig.

Hetzl:Ja das ist erfreulich, auch wenn der Weg dahin oft etwas länger ist als in einem Unternehmen. In der Wirtschaft ist man sich grundsätzlich einig, was gewollt ist. Man muss zwar auch zusammenfinden, aber die Richtung ist klar. Im Stadtrat ist dieser Prozess des Zusammenfindens und das Ermitteln der gemeinsamen Richtung etwas aufwendiger.

Ihre Aufgabe dabei?

Hetzl:Die Stadtratssitzung zu moderieren, ist zwar herausfordernd, aber die bisherige Einheitlichkeit zeigt, dass ich das ganz gut hinkriege.

Kommentare