Im Landkreis Mühldorf: Männerverein ist nicht nur Männersache

Die Liedertafel Kraiburg: Hier singen nur Männer, die von einer Frau dirigiert werden.
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Die Liedertafel Kraiburg: Hier singen nur Männer, die von einer Frau dirigiert werden.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) will Steuervorteile für reine Männervereine streichen. Aus Bayern regt sich Protest. Auch im Landkreis Mühldorf? Die OVB-Heimatzeitungen haben bei Vereinen nachgefragt, die fest in Männerhand sind.

Landkreis – Der aktive Chor des Männergesangvereins Erharting ist zwar nach wie vor eine Männerdomäne, „doch wir haben auch Frauen unter unseren Mitgliedern“, erklärt Georg Kobler, der als Dirigent und Vorsitzender den gemeinnützigen Verein leitet.

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 Ein Dutzend Sänger stehen ihm vor allem für kirchliche Ereignisse zur Verfügung, ein Siebtel aller 63 Mitglieder – neun Personen – sind Frauen. „Einige davon sind dem Verein treu geblieben, nachdem ihre Männer gestorben sind“, klärt Kobler auf.

Kasse in Erharting gut gefüllt

Wenn es denn so kommen sollte, dass der Verein seine Gemeinnützigkeit verlieren könnte, weil der Chor allein aus Männerstimmen besteht, dann interessiert das Kobler nur am Rande: „Wir müssen nicht mehr gemeinnützig sein, da wir auch keine allzu großen Veranstaltungen organisieren, die eines Zuschusses durch die Gemeinde bedürften.“ Die Kasse sei so gut gefüllt, dass der Verein im vergangenen Jahr sogar auf den Einzug von Mitgliedsbeiträgen verzichtet habe.

Fortbestand ohnehin nicht gesichert

Über kurz oder lang stehe ohnehin der Fortbestand in Frage, da sich keine jüngeren Sänger mehr finden.

Ein knappes Dutzend Männerstimmen – mehr hat auch der Männergesangverein Zangberg nicht mehr aufzubieten. Doch sehr wohl verfüge der Verein auch über weibliche Mitglieder: „Rund ein Drittel sind Frauen. Sogar die Bürgermeisterin ist passives Mitglied“, verrät der Vorsitzende Georg Bogner. „Wir sind nur noch ein kleiner Haufen.“ Wenn die Politik jetzt meint, sich einmischen zu wollen, fühle er sich diskriminiert. „Unsere Lieder sind rein auf Männerstimmen ausgelegt. Diese Noten umzuschreiben, rechtfertigt den Aufwand nicht.“ Ihn ärgert es, dass nach dem großen Aufwand wegen der Datenschutzgrundverordnung nun die nächste bürokratische Hürde drohen könnte, die Bogner als „Schmarrn“ bezeichnet, „da könnten viele Vereine noch richtig sauer werden“, warnt er.

Die nächste bürokratische Hürde?

Es sei schon schwer genug, so einen traditionsreichen Chor in die Zukunft zu führen, der, seiner Meinung nach, unter den Chören nach wie vor ein Alleinstellungsmerkmal habe. „Wir ernten immer Riesenapplaus bei unseren Aufführungen, weil ein Chor aus reinen Männerstimmen eben schon etwas Besonderes ist!“ Nächste Woche beim Volkstrauertag, Ende des Jahres der Jahresabschlussgottesdienst, beim gemeinsamen Singen und mit einem Chor mit „La Gioia“. 

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Oder beim Wirtshaussingen, „das ja auch verschiedene Musiker und Sänger vereint“, sieht Bogner auch die große Bedeutung, die ein reiner Männerchor für die Gesellschaft haben kann. Wenn dem Chor die Gemeinnützigkeit gestrichen werden sollte, ist das Bogner egal: „Die Zeit der großen Konzerte, für die man große Zuschüsse benötigt, ist eh vorbei!“ Ein Höhepunkt steht dennoch an: Das 70-jährige Bestehen des Vereines im nächsten Jahr will man auf jeden Fall feiern – ob nun gemeinnützig oder nicht.

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Viele Vereine in Sorge um ihre Gemeinnützigkeit

Einer sieht das anders: „Das macht mir Sorgen“, sagt nämlich Josef Wimmer, Vorsitzender der Liedertafel Kraiburg, über die Pläne im Finanzministerium. Sollte der Verein tatsächlich die Gemeinnützigkeit verlieren, wäre das ein schwerer Schlag. Zu etwa zwei Dritteln finanziert sich der Verein aus Beiträgen und Veranstaltungseintritten. „Ein Drittel machen Spenden aus“, in der Regel von Mitgliedern und Freunden des Chors, die sich auf diese Weise für einen Auftritt bei einer privaten Feier oder einer Veranstaltung erkenntlich zeigen. Die Liedertafel konnte dafür Spendenquittungen ausstellen. Diese Möglichkeit würde mit den Plänen des Finanzministers wegfallen und damit auch viele dieser Spenden.

Unverständnis für Regulierungswut

„Es ist doch aus der Historie schön, dass es noch Männergesangsvereine gibt“, sagt er. 1843 wurde die Liefertafel gegründet, die heute 75 Mitglieder, davon 25 aktive Sänger hat. „Warum muss man mit dieser Tradition brechen?“, fragt Wimmer, der die Regelungswut nicht verstehen kann. Nur die Mitgliedschaft sei per Satzung den Männern vorbehalten. „Bei allen Feiern sind bei uns Frauen eingeladen. Wir haben keine Veranstaltung, wo die Männer unter sich sind.“ Und seit einigen Jahren leitet den Chor – eine Frau, Shanna Hiemesch. „Das lässt die Satzung zu.“

Umstellung keine Option

Das Regelwerk zu verändern und auch Frauen aufzunehmen, ist für Wimmer keine Option. „Einige Männergesangsvereine haben umgestellt und kämpfen anschließend um die Männer. Das zeigen die Erfahrungen.“ Im Übrigen dürfe man die Sache nicht nur aus Sicht der Frauen sehen. „Das trifft ja auch den katholischen Frauenbund. Wo soll das nur hinführen?“

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