Das letzte Zimmer - Vom Leben, Sterben und Arbeiten in der Hospizinsel Waldkraiburg

„Hugo ist so eine Heulsuse“,sagt Anna T. über ihr Kuscheltier. Es soll die todkranke Frau in ihrer eigenen Traurigkeit trösten. Denn sie muss sterben. Beistand bekommt sie von Barbara Förschner. Als Pflegerin in der Hospizinsel weiß die Mühldorferin, wie viel Aufmerksamkeit Sterbende brauchen. Oder auch nicht. „Das zu unterscheiden fällt mit nicht immer leicht“, sagt Förschner. HOnervogt
  • Markus Honervogt
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Leser der Heimatzeitung finanzierten mit der OVB-Weihnachtsaktion die Hospizinsel. Seitdem beherbergte die Einrichtung in Waldkraiburg schon 60 Gäste. Bei einem Besuch wird deutlich, was das Besondere in der Hospiz-Insel ist.

Mühldorf/Waldkraiburg – Anna T. ist ein Gast. So nennt Barbara Förschner die 64-Jährige, an deren Bett sie sitzt. Förschner ist Pflegerin in der Hospizinsel des Anna Hospizvereins Mühldorf. Anna T. (Name von der Redaktion geändert) Gast auf dem letzten Abschnitt ihres Lebenswegs. Sie liegt im Sterben, ihr Zimmer ist ein Krankenzimmer, wohnlicher eingerichtet, als in einer Klinik, aber eben ein Krankenzimmer. Es wird Anna T.s letztes Zimmer sein. Dass sie es lebend verlässt, ist fast ausgeschlossen. Sie leidet an einem Lungenkarzinom und hatte einen Schlaganfall.

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Es ist der Ausdruck Gast, der den Umgang mit ihr und den anderen Todkranken in der Hospizinsel in Waldkraiburg charakterisieren soll. Er soll Hilfe und Fürsorge auf der letzten Station eines Lebenswegs ausdrücken, Anteilnahme und Zuwendung.

Dafür sind Hospizhelfer zuständig, eine Sozialarbeiterin und Pflegerinnen, wie Barbara Förschner. Die Mühldorferin hat während ihrer langen Arbeit als Pflegerin im Krankenhaus Patienten gepflegt, war in einer psychiatrischen Klinik tätig und seit Sommer in der Hospizinsel; sie ist eine von 14 Pflegerinnen, die oft in Teilzeit im Hospiz arbeiten. „Die Arbeit ist mit der Pfelge in anderen Einrichtungen nicht vergleichbar“, sagt sie.

Geduld als Pflegegrundsatz

Fürs Waschen der Gäste brauche sie mitunter dreimal so lang wie auf einer normalen Pflegestation. „Die Leute brauchen Zeit, bis sie reagieren.“ Das liegt an der existenziellen Beschäftigung mit dem nahen Ende, das liegt an der zum Teil hohen Dosierung von schmerzstillenden Medikamenten. Wenn sie nicht essen wollen, sondern schlafen, dann bleibt das Essen eben stehen, erzählt Förschner. „Wir müssen Geduld haben, uns Zeit nehmen, für das, was der Patient will.“

Deshalb beginnt der Dienst der 58-Jährigen, bevor sie die Hospizinsel auf dem verwinkelten Weg über die langen Gänge des Adalbert-Stifter-Heims in Waldkraiburg erreicht, wo die Insel angegliedert ist. „Man muss die Hektik ablegen, ausschnaufen, um nichts auf die Gäste zu übertragen.“

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Die kleine Station am Ende eines Ganges hat vier Gästezimmer, ein Gemeinschaftsbad, einen Aufenthaltsraum mit Schlafsofa, ein Schwesternzimmer. An die Wand im Flur wurde ein Lebensbaum gemalt, daran wie Früchte die Bilder der Mitarbeiter auf kleinen Holzmedaillons. Unweit davon das Gedenk-Eck, in dem Kerzen brennen und ein Foto steht, wenn wieder ein Gast für immer gegangen ist. Und die gleichen kleinen Holzmedaillons, wie die, auf denen die Mitarbeiter abgebildet sind. Auf sie kann, wer will, eine Erinnerung schreiben, einen Wunsch, ein Gebet.

Es geht um Pflege, um Versorgung und Betreuung in den letzten Tagen und Wochen, es geht um Zuwendung. „Wenn die Insel voll ist, bleibt wenig Zeit“, sagt Förschner. Dann unterstützen andere. Hospizhelfer oder Sozialarbeiterin Johanna Wax. Die sagt: Es gibt nicht so viel Druck wie im Tagesgeschäft.“ Für die Leiterin des Hospizteams, Erika Koch, ist dies die Grundlage für eine Betreuung, die auf den einzelnen zugeschnitten ist. „Wir achten sehr genau auf das, was der andere braucht.“

Noch ein Jahr ist finanziell gesichert

Diese Palliativhaltung kostet Geld. Die Krankenkassen zahlen nur für stationäre Hospize, ein ambulantes, wie die Insel bekommt nichts. Deshalb sprang 2017 die Heimatzeitung ein, sammelte zusammen mit ihren Lesern bei der Weihnachtsspendenaktion 250 000 Euro und gab damit die Anschubfinanzierung für die Gründung der Einrichtung. „Dafür sind wir sehr dankbar, ohne wäre es nicht gegangen“, sagt der Geschäftsführer des Anna Hospiz-Vereins Thomas Kitzeder.

150 000 Euro braucht er in jedem Jahr, um die Insel finanzieren zu können, dank der Weihnachtsaktion und anderen Spenden reicht das Geld auch im bevorstehenden dritten Jahr. Eine Regelfinanzierung ist noch nicht in Sicht, für die Zukunft der Insel braucht der Verein weitere Spenden. „Es wäre eine Katastrophe, wenn wir zusperren müssten“ sagt Koch.

Schon im ersten Jahr betreute der Hospizverein 27 Patienten, 2019 waren es bis Ende Oktober 33 Gäste, die ihre letzten Tage in der Insel verbracht. Nur drei sind wieder ausgezogen. Oft gibt es Wartelisten. Die Gäste sind meist nicht sehr alt, oft zwischen 60 und 70, ein Alter, in dem sich Krebs schnell ausbreitet.

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Der Tod ist in der Hospizinsel fast alltäglich. In Palliativkursen lernen die Pflegerinnen, damit umzugehen, Zuneigung zu zeigen, zuzuhören. Oder Raum zu gehen, wegzugehen. Denn, das weiß Barbara Förschner, jeder Mensch stirbt anders. Mancher, erzählt sie, brauche Menschen um sich, andere könnten erst loslassen, erst sterben, wenn die Angehörigen oder Pfleger f aus dem Zimmer gegangen seien.

Von Heulsusen und anderen Bewohnern

Bei Anna T. ist es noch nicht so weit, sie erlebt an jedem Tag ihres Lebensrests die Sorge der Begleiter vom Hospizvereins, der Pflegerinnen. Barbara Förschner, sitzt an ihrem Bett, öffnet eine Tafel Nussschokolade. „Komm, wir essen ein Stück“; sagt sie, „das ist gut.“ Anna T. drückt ihr Kuscheltier aufs Gesicht, sie nennt es eine Heulsuse, die den ganzen Tag geweint habe. Sie lacht ein wenig. Nein, so traurig wie das Heulsusenkuscheltier will Anna T. nicht sein.

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