Leben in der Isolation: So begegnen Pflegeheime den Herausforderungen der Coronakrise

Das etwas andere Gruppenbild:Bewohner und Mitarbeiter des Heilig-Geist-Altenheims in Mühldorf. Honervogt
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Das etwas andere Gruppenbild:Bewohner und Mitarbeiter des Heilig-Geist-Altenheims in Mühldorf. Honervogt
  • Markus Honervogt
    vonMarkus Honervogt
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Mit dem Beginn der Ausgangsbeschränkungen hat sich auch das Leben in den Alten- und Pflegeheimen in der Region drastisch verändert. In allen Häusern gilt ein Besuchsverbot, außer Mitarbeitern und Bewohnern kommt niemand mehr hinein. Kontake werden damit zum Leidwesen aller sehr schwierig.

Mühldorf – Für Robert Wagner aus Polling und seine beiden Geschwister sind es schwere Tage. Die 93-jährige Mutter lebt im Rot-Kreuz-Altenheim in Tüßling, sie ist dement. Bis jetzt war der regelmäßige Kontakt zu den Kindern für die alte Frau sehr wichtig, erzählt Wagner. Und jetzt?

In der Coronoa-Krise nutzt ein Seniorenheim Skype

Video statt realer Begegnung: Robert Wagner spricht mit seiner Mutter Barbara. Für die 93-Jährige ist es der erste virtuelle Kontakt. Wagner

Mittels Skype, einem Videosystem, können Wagner und seine Geschwister mit der Mutter telefonieren. Wagner war skeptisch. Würde sie ihn überhaupt erkennen? Erleichterung nach dem ersten Kontakt: „Erst war es komisch für sie“ erzählt er, „doch dann hat Mama mich erkannt.“ Die Mitarbeiter im Haus sagen, sie hätten gute Erfahrungen mit Skype gemacht, auch bei Demenzkranken.

Kuchen und ein Tragerl Bier

Für alle Beteiligten sind die Ausgangsbeschränkungen eine Herausforderung: für Bewohner, Angehörige, Mitarbeiter in den Pflegeheimen. Ilona Brunner, die das Heilig-Geist-Altenheim der Caritas in der Mühldorf Altstadt leitet, sagt: „Einige sind sehr traurig, weil sie keinen Besuch mehr bekommen.“

Tochter empfindet Seniorenheim als "geschützten Raum"

Das erzählt auch Bernd Zettl, der telefonisch im Heilig-Geist-Spital zu erreichen ist. „Es ist schon sehr schade und auch langweilig.“ Wenn ihm die Decke auf den Kopf fällt, geht er Spazieren. „Ich darf natürlich raus, den ich bin doch kein Zuchthäusler. Aber das macht wenig Sinn, denn der Stadtplatz ist wie ausgestorben.“

Dem Bedauern Zettls stellt Wiltrud Stadler ein Gefühl der Sicherheit gegenüber. Wie Zettl lebt ihre 90-Jährige Mutter Theresia Stadler im Heilig-Geist-Heim. „Ich bin sehr froh, dass unsere Mutter in diesem geschützten Bereich versorgt ist, die Gefahr einer Ansteckung wäre anderweitig enorm.“

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Mitarbeiter berichten Angehörigen der Senioren  per Telefon

Positiv empfindet sie, dass sie trotz der Kontaktsperre immer weiß, wie es der Mutter gehe, Mitarbeiter des Heims informierten regelmäßig per Telefon. Wiltruds Bruder Helmut hat die außerhäusliche Versorgung übernommen, einmal wöchentlich gibt er benötigte Sachen an der Pforte des Heims ab. Das tun auch andere Angehörige.

Kleidung, Geschenke, ein Kuchen oder ein Tragerl Bier kommen so ins Haus. Die Angehörigen seien „sehr vernünftig“ und akzeptierten die Auflagen, sagt Heimleiterin Brunner.

Kein gemeinsamer Rosenkranz mehr wegen der Corona-Krise

Im Stift St. Veit in Neumarkt-St. Veit ist Lorenz Wastlhuber aktiv geworden. Jeden Tag betet er mit den Bewohnern. Treffpunkt 14 Uhr, Speiseraum, dann wird der ehemalige Zweite Bürgermeister der Stadt Neumarkt-St. Veit zum Rosenkranz-Vorbeter. „Doch damit ist es nun auch vorbei, weil wir aus Sicherheitsgründen auf unserem Zimmern bleiben müssen“, erzählt der 88-Jährige.

Er hofft, dass er und seine Mitbewohner den Mut nicht verlieren, sagt er und bezieht das auch auf das eigene Bedrohtsein durch eine Infektion. „Wünschen würde ich es mir nicht!“, sagt er, in der Hand habe er es aber auch nicht. „Ich bin jetzt 88 alt und habe mein Leben gelebt!“

Angst, die Mutter im Seniorenheim nicht mehr wieder zu sehen

Nicht nur Wastlhuber fehlt der soziale Kontakt, berichtet Heinz Fray, dessen Mutter (89) im Betreuten Wohnbereich des Aldalbert-Stifter-Heims in Waldkraiburg lebt. „Ihre Beschäftigungsgruppe ist nicht mehr aktiv, sie ist nur noch in ihrem Zimmer.“ Er empfinde „Hilflosigkeit, Verzweiflung Trauer“ - und die stete Angst, seine Mutter nicht mehr wieder zu sehen.

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Wie gravierend sich Infektion in einem Altenheim auswirken könnte, zeigen Beispiele nicht nur aus Würzburg. Deshalb ist Heimleiterin Brunners größte Sorge der erste Coronafall in Mühldorf, der Sturm, wie sie es nennt. Wenn der aufkommt, gibt es vor allem ein Problem: Schutzkleidung. Brunner spricht von einem Drama: Mundschutz, Kittel, Desinfektionsmittel: „Im Falle eines Falles wäre das alles sofort aufgebraucht.“

Pflegeheim heben Mundschutz noch auf

Seit Februar habe es keine Lieferung mehr gegeben. Deshalb trügen die Mitarbeiter derzeit keinen Mundschutz, sie heben ihn auf für den Fall der Fälle. „Das ist für uns das größte Loch in unserem Auffangnetz.“ Daniel Halas, Pfleger im Adalbert-Stifter-Wohnheim, teilt die Bedenken: „Es wurde schnell organisiert, dass wir genähten Mundschutz bekommen haben.“ Solange es keinen Corona-Fall im Pflegeheim gibt, reiche dies auch aus. Die Lage würde sich ganz schnell ändern, sobald jemand im Pflegeheim mit dem Coronavirus infiziert sei. Dann braucht es eine komplette Schutzausrüstung. Davon habe man im Pflegeheim nur wenige, auf eine weitere Lieferung steht aus. „Ohne richtigen Schutz sind uns die Hände gebunden.“

Großer Dank der Angehörigen

Von den Angehörigen gibt es derweil mehr als nur positive Rückmeldugen an das Pflegepersonal. Der Pollinger Robert Wagner formuliert es so: „Wir sind dem gesamten Team unendlich dankbar.“ Und der Waldkraiburger Heinz Fray sagt: „Ich zolle ihnen allerhöchsten Respekt.

Aufnahme-Stopp nicht sinnvoll

Massiv wendet sich die Leiterin des Heilig-Geist-Altenheims in Mühldorf gegen den von Ministerpräsident Markus Söder geforderten Aufnahme-Stopp hin. „Das wäre irre“, sagt sie unverblümt und weist auf die teils sehr schwierige Situation in den Familien hin, in denen alte Menschen leben, die betreut werden müssten. Ambulante Pflegedienste seien schon länger an ihren Grenzen, Pflege-Hilfskräfte aus Polen dürften nicht mehr einreisen, sie unterstützen heute schon in vielen Fällen die Angehörigen. Brunner fordert stattdessen einen Test für alle, die neu ins Altenheim kommen sollen

Alle werden krank, die Alten sterben

Die Statistik im Landkreis zeigt, dass niemand vor Corona sicher ist. So ist die größte Zahl der Infizierten unter 60 Jahren alt. Die Statistik zeigt aber auch: den Tod erleiden vor allem ältere und alte Menschen.

Bestätigte Coronakranke über 60 Jahren: 63, bestätigte Coronakranke unter 60 Jahren: 115 5 Tote: 71, 80, 80, 85, 90

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