Aus für die Landwirtschaftsschule Töging: Ministerium hat Schülerzahlen falsch berechnet

Nach einem energischen Protest von Schulleiter Josef Kobler musste das Landwirtschaftsministerium einräumen, dass die veröffentlichten Schülerzahlen nicht korrekt waren. An der Schließung der Landwirtschaftsschule wird das nichts ändern.
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Nach einem energischen Protest von Schulleiter Josef Kobler musste das Landwirtschaftsministerium einräumen, dass die veröffentlichten Schülerzahlen nicht korrekt waren. An der Schließung der Landwirtschaftsschule wird das nichts ändern.

Töging - Mit der Schließung der Landwirtschaftsschule wird das Bildungszentrum, in dem Landwirtschaft, Hauswirtschaft und der Bereich Forsten unterrichtet werden, enorm geschwächt, sagt Schulleiter Josef Kobler im Interview. Unterdessen muss das Ministerium einen schweren Rechenfehler einräumen.

Von Harald Schwarz

Die Nachricht, dass dieLandwirtschaftsschule in Töging geschlossen wird, hat in der Region eingeschlagen wie eine Bombe. Josef Kobler, Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und zugleich Schulleiter, äußert sich einem Gespräch mit der Heimatzeitung.

Herr Kobler, was sagen Sie zu der Nachricht, dass die Landwirtschaftsschule geschlossen wird?

Josef Kobler: „Ich war auf die Nachricht in keiner Weise vorbereitet. Es gab im Vorfeld keine Hinweise auf eine solche Entscheidung des Ministeriums. Dementsprechend groß war der Schock.“

Es sind ja unterschiedliche Schülerzahlen im Umlauf. Können Sie uns die aktuellen Schülerzahlen der vergangenen fünf Jahre nennen.

Kobler: „Die bisher genannte Schülerzahl von 14,7 ist nicht korrekt. An der Landwirtschaftsschule Töging wurde in den letzten zehn Jahren jedes Jahr ein Semester eröffnet. Die durchschnittliche Zahl der Studierenden betrug 20,9. Ich habe beim Ministerium energisch protestiert und dort musste man einräumen, dass die veröffentlichte Zahl nicht richtig war. (Die Stellungnahme des Ministeriums lesen Sie weiter unten.) Aktuell wird ein Semester mit 17 Studierenden geführt. In den letzten fünf Jahren ergab sich eine fallende Tendenz bei den Studierendenzahlen.“

Wie geht es mit den Lehrkräften und dem Verwaltungspersonal weiter?

Kobler: „Wir werden im kommenden Winter das dritte Semester noch zu Ende führen. Die Schule wird dann 2021 geschlossen. Lehrkräfte und Verwaltungspersonal werden andere Tätigkeiten übernehmen oder werden nicht mehr ersetzt.“

Was passiert mit den Räumlichkeiten?

Kobler: „Das kommende Wintersemester wird noch zu Ende geführt. Wir sind erst seit einigen Tagen mit der neuen Situation konfrontiert. Deshalb gibt es dazu noch keine Vorstellungen.“

Sehen Sie durch die Schließung der Landwirtschaftsschule den Standort Töging für das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten gefährdet?

Kobler: „Ich habe bereits mitbekommen, dass zahlreiche Landwirte diese Sorge haben. Schließlich war die Landwirtschaftsschule wesentlicher Teil der Bildungseinrichtung, in der Landwirtschaft, Hauswirtschaft und der Bereich Forsten unterrichtet werden. Mit der Schließung wird das Bildungszentrum schon enorm geschwächt. Allerdings sehe ich den Standort insgesamt nicht gefährdet.“

Was hat die Schließung der Landwirtschaftsschule für Auswirkungen für angehende Landwirte in der Region? Glauben Sie, dass diese Entscheidung dazu führt, dass weniger Schüler in Richtung landwirtschaftlicher Berufsbildung gehen?

Kobler: „Hofnachfolger aus der Region haben bisher nach der Berufsausbildung zum Landwirt die Fortbildung an der Landwirtschaftsschule Töging genutzt. Die Schule schließt mit dem Titel „Staatlich geprüfter Wirtschafter für Landbau“ ab und ist gleichzeitig die Vorbereitung für die Meisterprüfung in der Landwirtschaft. Die Prüfungen der Schule werden gleichzeitig für die Meisterprüfung anerkannt. Fast alle Absolventen der Schule haben anschließend die Meisterprüfung abgelegt. 2019 erhielten 14 Landwirte aus dem Landkreis Mühldorf ihren Meisterbrief. Für HofnachfolgerInnen aus der Region bietet die Landwirtschaftsschule eine sehr gute ortsnahe Fortbildungsmöglichkeit. Zukünftig ergeben sich deutlich weitere Anfahrtswege zu den benachbarten Schulen. Ich hoffe sehr, dass die jungen Landwirte sich nicht vom Besuch der Landwirtschaftsschule abhalten lassen, denn die Anforderungen an den Beruf Landwirt nehmen zu. Die Lehrkräfte der Landwirtschaftsschule und die Landwirte in der Region bedauern es sehr, dass diese Fortbildungsmöglichkeit zukünftig in Töging nicht mehr besteht. Durch die Schule lernten die Studierenden auch die Beratungskräfte des Amtes kennen. Dieser Kontakt zum örtlichen Amt wird sich künftig deutlich verschlechtern.“

Landwirtschaftsministerium räumt Fehler ein

Die Stellungnahme im Wortlaut:

„Bei der Berechnung der durchschnittlichen Anmeldezahlen für die Landwirtschaftsschule Töging, Abteilung Landwirtschaft, wurde ein Zeitraum von 20 Jahren als Grundlage genommen. Es wurde dabei übersehen, dass die Schule erst seit 2005 besteht, was den niedrigeren Durchschnittwert erklärt. Eine höhere langfristige Durchschnittszahl würde aber nichts an der Entscheidung ändern, die Landwirtschaftsschule in Töging zu schließen. In den vergangenen beiden Jahren wurden dort die notwendigen Anmeldezahlen für eine Semestereröffnung nur knapp erreicht, 2020 wird Töging angesichts der geringen Nachfrage vor Ort kein 1. Semester eröffnen.

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Deshalb ist es notwendig, mit einer neuen Aufstellung der Landwirtschaftsschulen in Bayern den Schülern (derzeit 433 Schüler) Zukunftsperspektiven zu eröffnen. Bei der Neuaufstellung der Schulstandorte war die Anmeldezahl nur eines von mehreren Kriterien. Ziel der Neustrukturierung ist vor allem, bayernweit und regional ausgewogen ein stabiles Schulangebot anzubieten und damit den Schülern in Zukunft persönliche Planungssicherheit zu geben. Sie sollen nicht immer bangen müssen, ob ihre Wunschschule auch tatsächlich die notwendige Mindestanzahl von Anmeldungen erreicht, um ein Semester eröffnen zu können. Bei der Neuorganisation wurde immer gezielt darauf geachtet, dass ein alternativer Schulstandort in der Region bestehen bleibt und auch für die Schüler gut erreichbar ist.

Durch die beschlossene Neustrukturierung wird außerdem erreicht, dass durch die Konzentration auf weniger Standorte die Lehrkräfte effektiver eingesetzt werden können und eine hohe Unterrichtsqualität an den Schulen gewährleistet werden kann. Die Landwirtschaftsschulen, Abteilung Hauswirtschaft, bleiben unverändert an den bisherigen Standorten bestehen, genauso wie die Technikerschulen und Höhere Landbauschulen (HLS). Auch das Bildungsprogramm Landwirt (BiLa) wird weiterhin flächendeckend an den Ämtern angeboten. Es wird hervorragend angenommen, an den einzelnen BiLa-Modulen nahmen bis 18.000 Teilnehmer im Jahr teil.

Mit der konsequenten Neuordnung der Struktur der Landwirtschafts-verwaltung kann sie schneller auf neue gesellschaftliche Trends reagieren. Damit stehen die Bedürfnisse der Landwirte, der Auszubildenden, der Studierenden und der Bürger noch stärker im Mittelpunkt.“

Kritik vom ehemaligen Schülersprecher

Die überraschende Schließung der Landwirtschaftsschule in Tögingsorgt für Wirbel. Christian Senftl, ehemaliger Schülersprecher des Jahrgangs 2012, hat sich dazu ebenfalls seine Gedanken gemacht. „Auch wenn bei uns die Strukturen in der Landwirtschaft noch kleiner sind, als in anderen Teilen Deutschlands, ist es schon sehr verwunderlich, wenn der bayerische Ministerpräsident Markus Söder davon spricht, dass der ‚bayerische Weg‘ in der Landwirtschaftspolitik Vorbild für den Rest der Bundesrepublik sein soll“, schreibt Senftl in einem offenen Brief. Er erinnert daran, dass auch in der Region jährlich viele Landwirte ihre Betriebe aufgeben. „Oft ist dieser Strukturwandel mit dem Generationswechsel zu begründen, aber auch immer mehr ausgebildete Landwirte streichen aus verschiedensten Gründen ihre Segel und ziehen sich aus der aktiven Landwirtschaft zurück“.

Offener Brief an die Ministerin

Der ehemalige Schülersprecher befürchtet, dass sich „mit schönen Reden in Bierzelten“ nichts ändern werde, genauso wie mit einer erneuten Ämterreform.

Gerade in einer Zeit, in der es immer wichtiger sei, gut ausgebildete Bauern auf den Höfen zu haben, seien Schließungen der Landwirtschaftsschulen aus Sicht von Christian Senftl der absolut falsche Weg. Ihn ärgert die Aussage, dass sich junge Betriebsleiter oft für ein Studium entscheiden, während für den Nebenerwerbslandwirt die BILA-Kurse ausreichend seien. „Das ist ein Schlag ins Gesicht für alle Absolventen der Landwirtschaftsschule, die seit Jahren und Jahrzehnten mit ihrer Wirtschaftsweise unsere Kulturlandschaft so erhalten und gestaltet haben, wie wir sie heute vorfinden. Ein Studium ist eben nicht für jeden Betriebsleiter der richtige Weg, allein schon deswegen, weil vielen dazu das nötige Abitur fehlt.“

„Kaniber auf dem Holzweg“

Senftl stellt zudem infrage, ob Kurse oder Studium das für die Praxis relevante Wissen und die nötigen Fertigkeiten eines Betriebsleiters auch so vermitteln können wie über den klassischen Weg der Ausbildung mit dem Besuch mindestens eines Fremdbetriebs, dem anschließenden Praxisjahr und der darauf folgenden Landwirtschaftsschule. Aus seiner Sicht würden Studium und Technikerschule oft gewählt, um bessere Chancen in Berufen außerhalb des eigenen Betriebs zu haben. „Für die vielen jungen Bauern, die ihren Hof weiterführen wollen, egal ob im Haupt- oder im Nebenerwerb, war die heimatnahe Ausbildung ein Königsweg, besonders an guten Schulstandorten wie Töging. Anscheinend sieht Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber das nicht so, sie geht statt dem Königsweg einen Holzweg“, schreibt Senftl.

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