Landratskandidaten auf dem Prüfstand

Die Diskussionsteilnehmer– in alphabetischer Reihenfolge: Peter Corticelli, Maximilian Heimerl, Cathrin Henke, Bettina Bäumlisberger, Angelika Kölbl, Ulli Maier, Martin Wieser (von links). rath

Sechs Teilnehmer an einer informativen Gesprächsrunde – Voll besetzter Haberkasten

Mühldorf – Die ARGE, bestehend aus Arbeiterwohlfahrt, Bayerischem Roten Kreuz, Caritas und Diakonie, hatte die 6 Kandidaten und Kandidatinnen für das Amt des Landrats in den Haberkasten geladen, um unter der souveränen Leitung von Bettina Bäumlisberger, der Sprecherin des Caritas-Verbandes München-Freising bei drei wichtigen Themen Rede und Antwort zu stehen: Wohnraum, Ehrenamt und Leben im Alter standen auf der Agenda.

Organisatorisch war die Podiumsdiskussion so gelöst worden, dass jedem Diskutanten drei Minuten Redezeit pro Thema zur Verfügung standen. Überschritten er oder sie diese, wurde die gelbe, später die rote Karte gezeigt. Natürlich ist es schwierig, solch komplexe Themen in der relativ kurzen Zeitspanne zu bewältigen, andererseits wird so aber ein Abschweifen von der Thematik verhindert und letzten Endes haben ja alle Sechs die gleichen Bedingungen.

Die erste Frage stellte Richard Steffke, Kreisgeschäftsführer der Caritas: Wie verhelfen Sie einer alleinerziehenden Mutter zu Wohnraum?

Ulli Maier (UWG/WGW) meinte, als Landrat könne er wenig für die Dame tun, sie solle sich an die entsprechende Kommune und deren Bürgermeister wenden.

Cathrin Henke (Die Grünen): „Wir haben zu wenig günstigen Wohnraum im Landkreis. Eine Wohnung bekommt man nur, wenn man seine Beziehungen spielen lassen kann. Der Landkreis muss über die Kreiswohnbau die Gemeinden beim Wohnungsbau unterstützen“.

Frage nach Wohnraum

Martin Wieser (AfD) forderte, dass man die Bauordnung und die Nutzungsordnung in Bayern ändern müsse. Die Kreiswohnbau besitze 430 Wohnungen, 12 weitere kämen in der Dürerstraße in Mühldorf dazu. Dennoch gebe es keine Vakanzen, sondern man müsse sich auf einer Warteliste eintragen.

Maximilian Heimerl (CSU): „Das Thema „Wohnungsmangel“ hat man kommen sehen, man wusste, dass die A 94 bald fertig werden wird. Die Grundstückspreise explodieren. Für mich gibt es drei Möglichkeiten: Zum einen nachverdichten, das heißt höher bauen. Es müssen zum zweiten Anreize für private Häuslebauer geschaffen werden und drittens muss der kommunale Wohnungsbau vorangetrieben werden“.

Angelika Kölbl (SPD): „ Die junge Frau sollte sich an die Gemeinde wenden. Diese könnte eine Anzeige zwecks Wohnungssuche schalten. Große Firmen sollten wieder mehr Werkswohnungen bauen, so wie es früher bei der Eisenbahn üblich war. Es gibt auch eine Bürgschaft der Kommunen für Sozialhilfeempfänger.“

Peter Corticelli (FDP): „Ich persönlich kann ihr als Landrat nicht helfen. In diesem Punkt müssen wir strukturelle Probleme lösen und mehr Anreize für den kommunalen Wohnungsbau schaffen. Gute Ansätze sind auch kommunale und städtische Wohnbaugesellschaften

Tanja Maier, Kreisgeschäftsführerin des Bayerischen Roten Kreuzes durfte die zweite Frage formulieren: „Das Ehrenamt muss begleitet werden. Wie mache ich das, damit es mehr Ehrenamtliche gibt?“

Cathrin Henke vertrat die Meinung, das Ehrenamt müssen von Professionellen begleitet werden. Es sei auch das Subsidiaritätsprinzip anzuwenden, was Wohlfahrtsverbände – oder der Einzelne - tun können, muss nicht von den Landratsämtern erledigt werden. Auch Vereine seien sehr wichtig, diese müsse man finanziell gut ausstatten.

Martin Wieser beklagte die vielen Vorschriften der EU aus Brüssel, welche Vereine einschränkten, zum Beispiel die Datenschutzgrundverordnung. Auch die Sportförderrichtlinien seien für viele Vereinsvorstände unüberschaubar. Eine Vereinfachung müsse her.

Stärkung des Ehrenamts

Die Bürokratie halte viele Menschen ab, ehrenamtlich in einem Verein eine Funktion zu übernehmen, so Peter Corticelli. Er forderte eine Plattform, auf der sich Ehrenamtliche austauschen können. Auch diesbezügliche Arbeitskreise seien zielführend.

Ulli Maier äußerte sich wie folgt:“Hier schafft der Gesetzeber viele Hürden. Es muss Menschen, die willens sind, ein Ehrenamt auszuüben, eine Hilfestellung gegeben werden, die am Landratsamt angesiedelt ist. Insgesamt ist es auf dem Land noch leichter, jemanden für ein Ehrenamt zu finden als in den Städten.

Angelika Kölbl betonte, man müsse das Ehrenamt lieben und es müsse einem Freude machen. Auf der Homepage des Landratsamtes wird man, wenn man nach dem Ehrenamt sucht, zu einem großen Internethändler verwiesen – völlig indiskutabel. Es müssten mehr Anlaufstellen wie das Cafe Miteinander in Waldkraiburg oder das Haus der Begegnung in Mühldorf geschaffen und dann publik gemacht werden.

Zwei Hemmnisse sieht Maximilian Heimerl beim Ehrenamt: Die Bürokratie und die Versicherung im Schadensfall. Für letzteres hat der Freistaat Bayern eine Versicherung für Ehrenamtliche geschaffen, um die Flut der Bürokratie einzudämmen, will er im Landratsamt einen „Runden Tisch“, der allen Vereinen offensteht, etablieren. Es müsse in Punkto Ehrenamt so viel Kontrolle wie nötig, aber so wenig Kontrolle wie möglich geben.

Klara Maria Seeberger, seit 30 Jahren Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, präsentierte die dritte und letzte Frage: „Welche Schwerpunkte setzen Sie, um Menschen im Alter ein gutes Leben zu ermöglichen?“

Angelika Kölbl: Es gibt im ÖPNV Busse und Bahnen, die mit Rollator, Rollstuhl oder Kinderwagen nicht oder nur sehr schwer zu besteigen sind. Das muss verbessert werden. Bei Pflegebedürftigen, die zuhause versorgt werden, muss das Landratsamt vermittelnd eingreifen.

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Maximilian Heimerl: Ich sehe drei Ansatzpunkte: Eine zentrale Anlaufstelle für Pflegebedürftige muss installiert werden, Senioren und Seniorinnen muss beim Umgang mit Laptop und Handy geholfen werden. In Punkto Mobilität fordere ich eine Flatrate bei Bussen und Bahnen für Schüler*innen, ein Semesterticket für Studenten und auch kostengünstige Fahrkarten für ältere Menschen.

Da die Menschen immer älter werden, möchte Ulli Maier Mehrgenerationenhäuser gefördert wissen. Der ÖPNV müsse im Landkreis besser gestaltet werden, er dürfe nicht an den Landkreisgrenzen enden. Daher müsse man sich besser mit den Nachbarlandkreisen vernetzen.

Eine unabhängige Beratungsstelle für Pflegebedürftige ist das Ziel von Cathrin Henke. Die meisten Menschen möchten möglichst lange zuhause leben, das muss möglich sein. Laut Henke hat der Kreistag bereits vor zehn Jahren ein seniorenpolitisches Konzept erarbeitet.

Anlaufstelle für Pflegebedürftige

Martin Wieser: „ Pflegestützpunkte müssen

so schnell wie möglich her, da die Zahl der Menschen, die einer Pflege bedürfen, kontinuierlich steigt. Ich fordere ein mobiles Einsatzteam vor Ort, draußen bei den Menschen, so wie es beim Amt für Jugend und Familie praktiziert wird.

Peter Corticelli schloss den dritten Bereich mit seiner Meinung ab, ein guter ÖPNV und Barrierefreiheit seien zwei wichtige Dinge, die für alle Menschen wichtig seien, egal, ob alt oder jung. Moderatorin Bäumlisberger, die spielend den Übergang zwischen den jeweiligen Diskutanten schaffte und bei Zeitüberschreitung auch resolut ihre Karten zeigte, beendete den insgesamt erstaunlich harmonischen Abend mit einer an den „Sonntagsstammtisch“, der Sonntagssendung des Bayerischen Fernsehens angelehnte Frage: Was ist für Sie die Freude der Woche?

Während Martin Wieser sich über seinen krabbelnden Enkel freute, hatte Peter Corticelli ein 15-jähriges Projekt abgeschlossen. Maximilian Heimerl war über die 20 roten Rosen glücklich, die er seiner Ehefrau zum 20. Hochzeitstag geschenkt hatte. Cathrin Henke machte das Kartenspielen mit ihrem Enkelkind froh, während dies dem Ehemann von Angelika Kölbl gelang, indem er seiner Frau ein Abendessen kochte. Last but not least verschaffte ein gemeinsames Essen mit dem Sohn Ulli Maier und seiner Ehefrau eine Freude.Man sieht also – der zukünftige Landrat beziehungsweise die zukünftige Landrätin ist durch und durch ein Familienmensch. hra

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