Landkreis Mühldorf hat 670 Grundsicherungsempfänger im Alter: Wie Frauen mit Altersarmut umgehen

Dr. Irene Götzpräsentiert die Ergebnisse der Studie „Kein Ruhestand. Wie Frauen mit Altersarmut umgehen“. Veranstalter

Große Resonanz auf den ersten Fachtag „Armut im Alter“. 59 Prozent der Grundsicherungsempfänger im Alter sind Frauen.

Mühldorf – Das Thema „Armut im Alter“ gewinnt zunehmend an Brisanz aufgrund des steigenden Risikos und der Anzahl der Betroffenen durch den demographischen Wandel. Umso mehr freuten sich die Fachstelle für Senioren und die Mitorganisatoren Caritas und VdK Mühldorf über die große Teilnehmerzahl beim ersten Fachtag „Armut im Alter“ im Landratsamt. Es kamen Haupt- und Ehrenamtliche aus allen Bereichen der Begleitung, Betreuung und Pflege von Senioren sowie Vertreterinnen und Vertretern der Städte, Märkte und Gemeinden im Landkreis.

Die Referenten, darunter Professorin Dr. Irene Götz von der LMU München, Jessica Sossau-Thiede von der Insolvenz- und Schuldnerberatung der Caritas und Achim Werner vom Sozialverband VdK Bayern erörterten die Ursachen von Altersarmut und definierten zentrale Handlungsfelder.

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Matthias Burger von der Fachstelle für Senioren im Landratsamt präsentierte aktuelle Zahlen aus dem Landkreis. 670 Grundsicherungsempfänger im Alter verzeichne der Landkreis Mühldorf, davon seien 59 Prozent Frauen. Diese Zahl unterstütze die These, dass Frauen eine besonders starke Risikogruppe darstellen. Die Gründe liegen unter anderem in Erziehungszeiten und Teilzeit-Arbeit. Insbesondere bei Scheidungen bestehe für Frauen die Gefahr, im Rentenalter über kaum mehr als 60 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Nettoeinkommens des Heimatlandes zu verfügen, was der Definition von Altersarmut der Europäischen Kommission entspricht.

Konsolidierung des Rentensystems gefordert

Die Referenten waren sich einig, dass präventiv und damit weit vor dem Beginn der dritten Lebensphase, angesetzt werden müsse, um das Risiko von Altersarmut zu senken. Als zentrale Handlungsfelder für Politik und Wirtschaft definierten sie die Konsolidierung des Rentensystems, die Förderung des sozialen Wohnungsbaus und Mietpreisregulierungen sowie die Schaffung von Arbeitsplätzen, die den Veränderungen bis zum Eintritt des Rentenalters Rechnung tragen. Ebenso sprachen sie sich für eine Grundrente aus.

Nicht Unkenntnis, sondern Scham als Grund für den Verzicht auf Leistungen

Ein weiterer Fokus liegt auf der Informations- und Beratungsarbeit zu den Risiken der traditionellen Zuverdiener-Rolle für Frauen und einer verbesserten Aufklärung über Unterstützungsmöglichkeiten und Rechtsansprüche von Betroffenen. Diese verzichten laut Referenten auf Hilfen nicht aus Unkenntnis, sondern aus Scham. Armut im Alter, aber auch in der Gesellschaft, sei weiterhin ein Tabuthema. Hier gilt es auch Familien, Nachbarschaften sowie Kommunen zu sensibilisieren.

Der Landkreis Mühldorf gehe diese Problematik offen an. Die Fachstelle für Senioren ist zentraler Ansprechpartner für die von Armut betroffenen älteren Bürger im Landkreis und für die verschiedenen sozialen Netzwerke. Sie unterstützt bei der Antragstellung sozialer Hilfen, vermittelt Spendengelder, informiert über Hilfsangebote im Landkreis vor Ort.

Dafür arbeiten die Senioren-Fachberater eng mit den kirchlichen und sozialen Verbänden und Vereinen in privater Trägerschaft zusammen. Die Seniorenberatung des Landratsamtes hat das Ziel, Senioren zu unterstützen, möglichst lange ein eigenständiges Leben führen zu können – mit Vermittlung von Kontakten und weiterführenden Hilfen bei Betreuungsbedarf oder in Zusammenarbeit mit mildtätigen Organisationen wie „Lichtblicke-Mühldorf“ und dem Verein „Lichtblick Seniorenhilfe“ bei finanziellen Bedarfen.

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