"Wir wollen nur vergessen"

In der Heimat verfolgt, in Mühldorf zu Hause: Boniface Nzerem (links) und Chinyeaka Otukere. Foto ha
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In der Heimat verfolgt, in Mühldorf zu Hause: Boniface Nzerem (links) und Chinyeaka Otukere. Foto ha

Über 90 Prozent der Asylbewerber in Mühldorf kommen aus Afghanistan. Mit Chinyeaka Otukere und Boniface Nzerem leben aber auch zwei Flüchtlinge aus Nigeria in der Unterkunft am Bahnhof.

Mühldorf - Sonne, Strand, schöne Frauen im Bikini. Dazu Musik, die nicht zu hören ist. Der Fernseher ist stumm, der Videoclip kommt aus einer Welt, für die Chinyeaka Otukere im Moment keine Augen hat. Sein Blick geht an den bunten Bildern vorbei, zum Fenster hinaus. Draußen hat es wieder zu regnen begonnen, die ersten Tropfen trommeln auf das Fensterbrett.

Der 45-Jährige stockt, er braucht einen kurzen Augenblick, um sich zu sammeln. Die Erinnerung an die Schrecken der letzten Monate ist stark - und sie lässt ihn nicht in Ruhe. Besonders nicht, wenn man ihn nach seiner Geschichte fragt.

Dann erzählt Chinyeaka Otukere von seinem früheren Leben, von seinem guten Job als Manager einer Reinigungsfirma, von seinem ersten Besuch in Deutschland vor ein paar Jahren. Doch davon ist kaum mehr etwas übrig. "Alleine meinen Namen habe ich noch", sagt Chinyeaka Otukere. "Und mein Leben."

Aber sonst? "Wurde mir alles genommen, habe ich alles verloren, was mir wichtig war." Sein Englisch gerät an manchen Stellen zu einem kaum verständlichen Kauderwelsch aus Konsonanten und Vokalen, doch die entscheidenden Passagen kommen völlig klar: "Mein Vater ist tot, mein kleiner Bruder wird vermisst. Und ich sitze nur hier, weil ich durch das Fenster geflohen bin, während nebenan die ersten Schüsse fielen."

Mitten in der Nacht seien die Mitglieder einer islamischen Terrorgruppe in das Haus seiner Familie gekommen. "Sie wollten mich töten, weil ich Christ bin", sagt er und legt eine Hand auf die Bibel, die auf dem kleinen Tisch am Sofa liegt. In einfachen Sätzen geht er auf das ein, was sich derzeit in seiner Heimat Nigeria abspielt - und was hierzulande in den Medien kaum eine Rolle spielt.

In dem westafrikanischen Staat werden Christen gefoltert und getötet. Drahtzieher des religiösen und zugleich ethnischen Konflikts ist die Gruppe "Boko Haram", die den "Heiligen Krieg" ausgerufen hat. Sie will nicht nur den mehrheitlich von Muslimen bewohnten Norden des Landes von Christen säubern, sondern sie am liebsten aus dem ganzen Land vertreiben - mit aller Macht. Immer wieder kommt es zu Übergriffen, zu Selbstmordattentaten, zur Jagd auf Menschen wie Chinyeaka Otukere und Boniface Nzerem, die ihres Glaubens willen verfolgt werden. Die Zahl der Todesopfer geht in die Tausende.

"Dass ich noch lebe", sagt Boniface Nzerem dann, "ist ein Wunder". Doch die Spuren der Qualen, die er durchlitten hat, sind auch nach so vielen Monaten unübersehbar. Der 21-Jährige zeigt auf die hellen Flecken an seinen Fingern. "Zuerst haben sie mich mit kochendem Wasser gefoltert und dann auf mich geschossen." In der Kreisklinik Mühldorf wurden vor kurzem die letzten Metallsplitter aus dem Fuß entfernt. "Die Schmerzen sind weg", sagt Nzerem. Was bleibt, ist der ständige Kampf gegen die Erinnerung. "Die schrecklichen Bilder sind in meinem Kopf. Und sie kommen, sobald ich die Augen schließe."

Über Freunde und Helfer gelang den beiden die Flucht aus Nigeria, mit dem Flugzeug kamen sie nach Deutschland. Kennengelernt haben sie sich erst in der Aufnahmeeinrichtung in München.

Die Asylanträge sind längst gestellt. Vor ein paar Tagen hat Chinyeaka Otukere vor der zuständigen Kommission in München ausgesagt. "Zwei Stunden lang durfte ich meinen Fall schildern. Und sie haben mir zugehört." Wie lange die beiden noch auf eine Entscheidung warten müssen, wissen sie nicht. Nur eines ist klar: An eine Zukunft in Nigeria glaubt keiner. "Dort würden wir sterben."

Deshalb wollen sie bleiben, in Deutschland. Und vor allem eines tun: arbeiten. "Sehen Sie uns an", sagt Boniface Nzerem, der in seiner Heimat den Haushalt für einen Pastor geführt hat. "Wir sind jung und wir sind stark. Wir können mehr tun als hier nur herumzusitzen." Die Langeweile mache sie müde. "Wer zu viel Zeit hat, denkt zu viel nach", erklärt Chinyeaka Otukere. "Wir brauchen Beschäftigung, damit wir vergessen können."

Immerhin haben die beiden Nigerianer eine erste Arbeit gefunden: Für einen Euro pro Stunde säubern sie für den Bauhof Gehsteige und kehren Laub. Die orangefarbenen Jacken hängen über einem Stuhl. Wie ein erstes leuchtendes Zeichen für eine Zukunft.

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