Kabarettist Götz Frittrang hebt sich im Mühldorfer Haberkasten das Beste bis zum Schluss auf

Der Wahnsinn passiert ganz nebenbei

"Wahnvorstellung" hin oder her: Es dauerte, bis Götz Frittrang im Mühldorfer Haberkasten ankam. Foto vk
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"Wahnvorstellung" hin oder her: Es dauerte, bis Götz Frittrang im Mühldorfer Haberkasten ankam. Foto vk

Wenn Götz Frittrang erzählt, wie es ihm als Schwaben im dauerfeuchten Oldenburg erging oder wie er in Berlin statt internationalem Großstadtflair doch nur wieder auf Schwaben traf, könnte man glatt Mitleid bekommen. Was vielleicht dramatisch für den studierten Germanisten gewesen sein mag, war für das Publikum im Mühldorfer Haberkasten eher eine Nummer zum Schmunzeln.

Götz Frittrang spaziert an diesem Abend in seinem grauen Anzug, das Hemd lässig darüber, mit dem Mikrofon in der Hand über die Bühne und erzählt ohne Punkt und Komma. Er kommt von Berlin auf die überstrapazierten und überflüssigen Jahresrückblicke, ist dann plötzlich bei Wulff und sinniert über den Atomausstieg. Immer wieder fährt er sich dabei durch seine zerwuselte Mähne und hält nur kurz inne, um die Meinung von Inge aus dem Publikum einzuholen. Die sitzt in der ersten Reihe in greifbarer Nähe zum Kabarettisten.

Frittrang ist kein politischer Kabarettist, seine Geschichten leben von den ganz persönlichen, menschlichen Dingen des Alltags. Redet er über Wulff, geht es darum, wie so eine graue Erscheinung es geschafft hat, so eine "Schnalle" abzubekommen. So schön und gewaltig sein Wortwitz, so gut seine Texte, so altbacken sind manche Themen.

Wenn er die Zuschauer in ein Kaufhaus mitnimmt und er das zutiefst demütigende Erlebnis schildert, wie er im Alter von 35 Jahren mit seiner Mutter Hosen einkaufen gehen muss, würde man ihm das sicherlich abnehmen, wäre er nicht erst Jahrgang 1977. Auch der beherzte Griff der Verkäuferin zur Überprüfung der Passform des Zwickels, die überzogenen Kommentare zu seiner gerade mal vollschlanken Figur oder Sprüche wie: "Ehrlich, viele erwachsene Männer wissen gar nicht, dass es Unterhosen in verschiedenen Größen gibt!" wirken wie aus der Zeit gefallen.

So will der Funke in der ersten Halbzeit nicht so recht überspringen, die Zuschauer lachen viel, sind ob seiner Erzählkunst gut unterhalten, Szenenapplaus gibt es dennoch nur spärlich. Bewegter geht es in der zweiten Halbzeit zu.

Wunderschön sein Lebenslauf, den er sich zusammendichtet, um als Autor in der deutschen Verlagswelt überhaupt wahrgenommen zu werden. Übertreiben schadet nichts, heißt seine Devise. Und so rät er jungen Menschen dazu, in ihrer Bewerbung ruhig zu schreiben: "Ich habe sechs Beine und einen Körper aus Gold". Jeder Personaler werde darauf reagieren, einfach nur um so etwas mit eigenen Augen zu sehen.

Am besten kommen seine Schilderungen über den unterschiedlichen Umgang von Männern und Frauen an, wenn es um das Thema Toilettengang geht. Immer dort, wo es recht menschelt, beim Furzen im Aufzug, kommt Frittrang so richtig in Fahrt, weil er, der Schwitzende und Übergewichtige, gleich von den Dünnen und Gepflegten als Täter bezichtigt wird. Wenn er schließlich mithilfe von Zuschauerin Kerstin den Unterschied zwischen Katzen- und Hundeliebhabern erklärt, läuft er zu Höchstform auf.

Dem Motto seines Programms "Wahnvorstellung" wird er vor allem dann gerecht, wenn er sich schön gruselig in den Stalker aus der Tiefgarage hineinsteigert. Der fotografiert heimlich Frauen und versucht sie dann von seiner Harmlosigkeit zu überzeugen.

Zum Schluss gibt er den Zuschauern noch einen gut gemeinten Ratschlag mit - wie man als vermeintlicher Mörder unliebsame Zeugen Jehovas von der Haustür vertreibt: mit irrem Blick und Lippenstift verschmiertem Mund, faselnd über die Leiche in der Badewanne, die man ja eigentlich gar nicht ermorden wollte. Wer seinen Rat befolgt, dürfte es jedoch schwer haben, Frittrang nachzuahmen, geschweige denn zu übertreffen.

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