Über die Leichtigkeit des Jazz

Christopher Dell ist ein Meister des Vier-Schlegel-Spiels, zog den vollen Haberkasten schon beim ersten Takt in seinen Bann.

Mühldorf. – Der Drum-Stick schrammt über das Becken, was einen kreischenden Laut erzeugt, ein Handtuch dämpft die Snare, damit der Paukenschlägel noch sanfter auf das Fell klopft.

Später rühren die Roots in bester Swingmanier über das Drumset, schließlich aber wird es sogar richtig laut, wenn sich Wolfgang Haffner in Rage spielt, sein ganzes Können abruft. Das war Jazz von der Gardinenstange oder aus irgendeiner Schublade rausgezogen. Das ist Jazz der besonderen Sorte, den es im Haberkasten zu hören gab. Denn der Künstler selbst, Wolfgang Haffner, der am 7. Dezember seinen 54. Geburtstag feiert, muss sich in diesem Metier nicht mehr beweisen. Er kann gleich zur Kür übergehen. Nach Lust und Laune spielen, experimentieren – und begeistern.

Das gelingt ihm im ausverkauften Haberkasten von der ersten Minute an. Und Haffner erklärt auch, wa rum: „Wenn man gerade kein neues Album hat, dann spielt man halt das, was man will!“

Das tut er und er hat sich dabei Künstler in seine Band geholt, die ihm in ihrem Talent in nichts nachstehen. Alma Naidu am Gesang haucht mit ihrer emotionsgeladenen Samtstimme so zart ins Mikrofon, dass man sich selbst zum Stillsitzen verdammt, das Räuspern unterdrückt, um diese wundervolle Stimmung ja nicht zu unterbrechen, wenn sie über ihr „Funny Valentine“ singt. Zehn Sekunden vergehen nach dem letzten Ton, dann erst geben sich die ersten aus der Deckung, um den Auftakt zu einem wunderbaren Jazz-Abend entsprechend lautstark zu applaudieren, die ersten Zuhörer johlen schon jetzt!

Und es sollte so weitergehen. Denn Haffner hat sich einen ganz besonderen Musiker an die Seite geholt. Christopher Dell, „das Beste, was das gesamte Sonnensystem zu bieten hat“, fand Haffner. Und der studierte Vibrafonist beweist dies mit einem klanglich hochdifferenzierten Vier-Schlegel-Spiel, das er gleich zu Beginn absolut virtuos zur Schau stellt, wenn es darum geht, seine eigene Interpretation von Wahrheit abzugeben, „auch für uns immer wieder was Neues und Spannendes“, gibt sogar Haffner zu.

Was an diesem Abend folgt, sind weitere Kostproben ihres Könnens, wenn zwischen Bolero, Swing, Chillout-Jazz und Flamenco das Quintett zur Jam-Session anstimmt, Kontrabassist die technischen Spielereien Haffners mit einem immer treibenden Rhythmus unterlegt, Sängerin Alma Naidu in nahezu trance-ähnlichem Zustand – mal in Scat-Gesang, mal sinnlich schmachtend dem Ganzen ihr Gepräge gibt. Sich die Musik experimentell steigert, bedrohlich wirkt wie bei einem Krimi, und darin gipfelt, dass sich Haffner völlig in Extase begibt, druckvoll, kräftig, schnell.

Wer dieses Niveau an Musikalität erreicht hat, kann sich alles erlauben. Und in der Tat: Man hat tatsächlich den Hund vor Augen, „Para Tito“ heißt er wie das gleichnamige Stück des neuen Haffner-Albums „Kind Of Tango“, das Ende Februar 2020 erscheinen wird. Ein fauler Hund, der den ganzen Tag nur rumliegt, aber dann plötzlich wie von der Tarantel gestochen aufspringt, „das kennen sie doch sicher auch?“, fragt Haffner die Besucher. Spätestens nach diesem Klangerlebnis.

Noch weniger bekannt dürfte Earl Mobileh sein. Den kennt man nämlich nur, wenn man exstatisch oft Helge Schneider-Filme sieht – so wie es Haffner und Co. während ihrer Konzertreisen betreiben. Ihr Lieblingsfilm: „Jazzclub“. Eben jener Earl Mobiel hat es besonders dem Vibrafonisten Christopher Dell angetan, der dem deutschen Performance-Künstler und Schlagzeuger gleich ein ganzes Stück widmet („Mobile For Earl“).

Demütig, fast ehrfürchtig, auf jeden Fall mit größtem Respekt tritt Haffner auf, wenn er auch allen anderen seiner Kollegen auf dem Podium im Haberkasten eine Bühne bereitet.

Alma Naidu schmachtet einfach nur perfekt ihren selbst geschriebenen Song „Golden Lightbeam“ und wird damit dem Titel mehr als gerecht. Unfassbar, fast magisch, die Klänge am Flügel, als der erst 21-jährige Pianist Simon Oslander die Ballade „Lullaby“ intoniert. Ein Solo, das durch und durch geht.

Haffner lobt den Künstler, der nächstes Jahr mit seiner eigenen Band und neuem Album auf Tour geht, in den höchsten Tönen, lässt schließlich das Publikum abstimmen: „Wär das ein Kandidat für den Haberkasten?“ Der Applaus sagte Ja. So wie die Ovationen auch Ja zu Haffners Konzert sagt, als wollten die Zuhörer damit dem Mühldorfer Kulturbüro unmissverständlich mit auf den Weg geben. Bitte mehr davon!

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