Neil Simons romantische Komödie "Das zweite Kapitel" im Haus der Kultur Waldkraiburg

Im selben Boot und doch verschieden

"Wir sitzen im selben Boot. Wir müssen aber nicht zusammen paddeln!": Herbert Herrmann und Nora von Collande in Neil Simons Stück "Das zweite Kapitel". Foto kch
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"Wir sitzen im selben Boot. Wir müssen aber nicht zusammen paddeln!": Herbert Herrmann und Nora von Collande in Neil Simons Stück "Das zweite Kapitel". Foto kch

"Du siehst beschissen aus!", urteilt Leo (Stefan Schneider) beim Wiedersehen über seinen von einer Europa-Reise nach New York zurückgekehrten Bruder George alias Herbert Herrmann. Der aus dem Fernsehen bekannte Sunnyboy spielte im Waldkraiburger Haus der Kultur eine Hauptrolle in Neil Simons Midlife-Drama "Das zweite Kapitel", bei dem er auch Regie führte.

Auf die heitere Geschichte um die Liebe zwischen dem verwitweten George und der geschiedenen Jennie (Nora von Collande) hatten sich viele Besucher gefreut, die den großen Saal am Abend fast bis auf den letzten Platz füllten. Die Handlung wurde dem Publikum auf zwei Ebenen der Bühne (verantwortlich Anja Wegener) präsentiert: Einmal erhielt der Zuschauer Einblick in die neue, erst notdürftig eingeräumte Wohnung des vom Tod seiner Frau gebeutelten Schriftstellers George. Zum anderen blickte man in die tolle New Yorker Loft-Wohnung einer frisch geschiedenen Blondine, die nach dem Motto lebt: "Ich werde jetzt erst einmal in Ruhe versuchen, mich an meinen Mädchennamen zu erinnern, Jennie Malone - wieder alone".

Aus der Ruhe, die sich eigentlich beide Hauptpersonen wünschen, wird nichts. Dafür sorgen schon Menschen aus dem näheren Umfeld der beiden, die nichts unversucht lassen, die Singles miteinander zu verkuppeln. Dass ihr Plan aufgeht, verdanken sie jedoch letzten Endes nur dem Zufall.

Georges erstem tiefen "Hallo!" am Telefon folgt eine von seiner Seite aus eher unbeholfene, aber herzerwärmende Konversation mit der irritierten, langsam auftauenden Schauspielerin Jennie, die in eine Verabredung mündet.

Übertrieben hektisch, für das Publikum gut parallel auf der Bühne zu beobachten, bereiten sich die Partner separat in ihren Wohnungen auf das erste Date vor, was schließlich ungewollt zu einer gegenseitigen Musterung wird. Etwas direkt kommentiert das George mit: "Dieser Vorgang war nie einfacher". "Was?", will Jennie wissen. Er darauf: "Die Paarung!"

Das Pärchen verabredet sich von nun an immer öfter, zunächst ohne Freunden und Verwandten etwas davon zu erzählen. George und Jennie sind voneinander völlig begeistert, machen sich gegenseitig Komplimente und planen sogar schon die Hochzeit, alles im Schnelldurchgang.

Neben der Schilderung dieser scheinbaren Friede-Freude-Eierkuchen-Liebe fügt der amerikanische Autor in sein Stück ernstere Szenen um enttäuschte Partnerschaften und Affären, wie sie bezeichnenderweise Bruder Leo und Jennies seicht-fröhliche Freundin Faye (Yuri Beckers) erleben, hinzu. Darüber hinaus wird den Frischverliebten vom Bund der Ehe von allen Seiten her vehement abgeraten. Doch sie folgen der Stimme ihrer Herzen, heiraten und schlagen "Das zweite Kapitel" in ihren Beziehungen auf. Ihr Flitterurlaub gerät zur Katastrophe, weil George seiner ersten Frau weiter nachtrauert. Es kommt zur vorübergehenden Trennung und - oh Wunder - am Ende zur Versöhnung.

Die Pointen während des Stückes sind reichlich gesät, wenn auch deren Inhalt für das Publikum nicht unbedingt neu, aber doch nachvollziehbar ist. Der agile 71-jährige Herbert Herrmann stellte die Figur des George als die eines großen Jungen mit trockenem Humor und einem Schuss Melancholie dar. Seine Spiel- und Lebenspartnerin Nora von Collande offenbart sich hingegen als selbstbewusste, nicht auf den Mund gefallene, ernstzunehmende Frau Jennie. Beide gehen ganz unterschiedlich vorbelastet in die Beziehung auf der Bühne und setzen das auch gekonnt in Szene. Getreu dem Motto: "Wir sitzen im selben Boot. Wir müssen aber nicht zusammen paddeln!"

Doch im Verlauf des zweistündigen Stückes wird den Hauptpersonen bewusst, dass sie entgegen aller Widerstände gemeinsam um den Preis ihrer Liebe kämpfen müssen. Darin liegt wohl der tiefere Sinn dieser Komödie, die an sich leicht-luftig daherkommt und in der geschickt tragische Momente durch witzige wie treffende Bemerkungen entschärft werden. Kurzum: Boulevardtheater im besten Sinne.

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