Inszenierte Lesung von Georg Büchners Korrespondenz im Wasserburger Theater Belacqua

Ein revolutionärer Demokrat

Nik Mayr und Annett Segerer lasen Georg Büchners Briefe. Foto Flamm
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Nik Mayr und Annett Segerer lasen Georg Büchners Briefe. Foto Flamm

Mit "Lies meine Briefe nicht" kam jetzt der bedeutendste Autor des Vormärz im Theater Belacqua zu Wort. Annett Segerer und Nik Mayr liehen Georg Büchner entgegen seiner Aufforderung ihre Stimmen und begeisterten das Premierenpublikum.

"Kalte, träge Worte" - mit Texten von Georg Büchner hatte das Theater Belacqua bescheiden und ein wenig tiefstapelnd angekündigt - genau das Gegenteil trat ein. Die Rezitatoren Annett Segerer und Nik Mayr illustrierten Georg Büchner als einen Vordenker und revolutionären Demokraten, der kompromisslos seine Thesen literarisch verarbeitet und politisch nach außen getragen hat. Dabei ging es dem Sohn aus gutem Hause stets um die breite Masse der Unmündigen, Armen und Geknechteten. In nur 23 Lebensjahren hat Georg Büchner ein richtungweisendes Werk geschaffen. Der Revolutionär, Naturwissenschaftler und Dramatiker gilt damit als Wegbereiter der Moderne. Wie Büchners Dramen zeigen auch die fragmentär erhaltenen Briefe die besondere Bedeutung für die deutsche Literatur. Sein Werk steht in enger Verbindung mit der aufkeimenden Demokratiebewegung zwischen Hambacher Fest und Märzrevolution 1848. Zudem ist die teils sehr ironische Korrespondenz mit der Familie und der Verlobten Wilhelmine "Minna" Jaeglé sowie dem Freund und Gönner Karl Ferdinand Gutzkow auch durchaus unterhaltsam.

In weiße Arztkittel gekleidet lasen Annett Segerer und Nik Mayr Brief um Brief, oft auch mit den jeweiligen Antwortschreiben von den Eltern, von Wilhelmine und den Freunden Karl Gutzkow und August Stoeber. So entstand ein regelrechter Dialog. Zusätzliche Anmerkungen erhellten den historischen Kontext um die Person Georg Büchner. Alles zusammen passte zu seiner Biografie. Schließlich hatte Büchner Medizin, Naturwissenschaften und Philosophie in Straßburg und Gießen studiert. Als Revolutionär lehnte Büchner die "gute alte Zeit" des Biedermeier jenseits aller politischen Wirren ab, pflegte aber die oft detailverliebte, typische Biedermeiersprache, die er wiederum messerscharf wie ein medizinisches Skalpell zum Einsatz brachte: "Der Aristokratismus ist die schändlichste Verachtung des heiligen Geistes im Menschen; gegen ihn kehre ich seine eigenen Waffen; Hochmut gegen Hochmut, Spott gegen Spott", schrieb Georg Büchner im Februar 1834 an die Familie. Und vorahnend verkündete er vier Monate später im Hessischen Landboten zu Darmstadt: "Doch das Reich der Finsternis neigt sich zum Ende. Über ein Kleines und Deutschland, das jetzt die Fürsten schinden, wird als ein Freistaat mit einer vom Volk gewählten Obrigkeit wieder auferstehen."

War ein Brief fertig, wurde er vom ausdrucksstarken Sprecherpaar Annett Segerer und Nik Mayr mit einem Stempel abgestempelt und "Ad acta" gelegt. Zwischendurch gab es immer wieder kleine musikalische Denkpausen, so auch mit dem Herbert-Grönemeyer-Stück "I bin a König und ka Herz" aus Büchners Politsatire Leonce und Lena in der Inszenierung von Robert Wilson.

Schade, dass Georg Büchner die Märzrevolution 1848 mit den immer lauter werdenden Rufen nach Demokratie und Freiheit und das schwarz-rot-goldene Fahnenmeer der bürgerlichen Aufständischen nicht mehr miterleben durfte. Er starb im Februar 1837 in Zürich an einer Typhusinfektion, die er sich vermutlich beim Herstellen eines Präparates zugezogen hatte.

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