Ein Reisender, der Hoffnung schenkt

„Ich versuche, in meinem Alltag ein aufmerksamer Beobachter zu sein und sammle Geschichten, die ihre Form dann in meinen Liedern finden“, sagt der sizilianische LiedermacherPippo Pollina. Dem Publikum gefällt es. Schwarz

Mühldorf. – Der italienische Cantautore Pippo Pollina zieht nach 23 Alben und zahlreichen internationalen Tourneen eine Bilanz seiner Karriere.

Mit seiner Tour „30 Jahre Caminando“ ist der sympathische Sizilianer derzeit unterwegs und begeisterte die rund 550 Zuhörer im Stadtsaal. Begleitet von den Musikern Roberto Petroli am Saxofon, Fabrizio Giambanco am Schlagzeug und den Sängerinnen Claudia Sala, Adriana und Roberta Prestigiacomo ließ Pollina seinen künstlerischen Weg noch einmal Revue passieren – vom Straßenmusikanten bis zum gefeierten Liedermacher, der mit internationalen Größen wie Georges Moustaki, Franco Battiato, Inti Illimani, Konstantin Wecker, Linard Bardill, Patent Ochsner, Rebekka Bakken, Charlie Mariano und Schmidbauer & Kälberer zusammen erfolgreich Musik gemacht hat. Dabei erinnert er sich beispielsweise an seinen ersten Kontakt mit Konstantin Wecker, den er bei einer Bergwanderung kennenlernte, aber nichts von ihm wusste.

Seit jeher ist Pollina ein neugieriger Reisender, der mit seinen Liedern Hoffnung schenken will. Sie decken die ganze Bandbreite von Melancholie bis Lebensfreude ab und arbeiten seine Erlebnisse auf, die er auf seinen Reisen gemacht hat. Wenn der italienische Liedermacher Pippo Pollina durch die Straßen seiner Wahl-Heimat Zürich zieht, hält er stets Augen und Ohren offen: „Ich versuche, in meinem Alltag ein aufmerksamer Beobachter zu sein und sammle Geschichten, die ihre Form dann in meinen Liedern finden. Aufmerksamkeit meiner Umwelt gegenüber ist mir sehr wichtig, nur so kann ich erkennen, dass oftmals die kleinen Geschichten die großen Geschichten sind.“

Er selbst ist geprägt durch die Gewalt der Mafia in den 1980er-Jahren in seiner Geburtsstadt Palermo. Er verließ sein Land, spielte in Fußgängerzonen und heute in großen Konzertsälen. Fans erinnern sich beispielsweise an den grandiosen Abschluss der „Süden-Tour“ zusammen mit Schmidbauer & Kälberer in der Arena von Verona.

„Musik ist mir das Wichtigste“, sagt Pippo Pollina und erzählt zwischen seinen Liedern auch immer kleine Geschichten aus seinem Musikerleben. So hatte er die Lacher auf seiner Seite, als er von einem Auftritt in Wilhelmshaven erzählte. Zusammen mit seiner Band freute er sich, nach dem Auftritt mal wieder das Meer zu sehen und an der Strandpromenade einen schönen Cappuccino zu trinken. Umso erstaunter waren alle, als ihnen – typisch norddeutsch – gesagt wurde, als sie nach dem Weg zum Meer fragten: „Das Meer, das kommt erst am Nachmittag wieder“.

Seit der Schweizer Liedermacher Lina Bardill ihn in der Fußgängerzone von Luzern entdeckte, feierte Pollina von Jahr zu Jahr größere Erfolge. Giuseppe Pollina alias Pippo Pollina kam im Jahr 1963 in Palermo zur Welt. Im Alter von sechs Jahren wird der kleine Pippo von einem Auto angefahren. Dabei erleidet er eine schwere irreparable Augenverletzung, die seine Kindheit nachhaltig beeinflusst. Statt mit Freunden Fußball zu spielen, steckt Pippo seinen Kopf lieber in Bücher. Dabei stehen Archäologie und Politik ganz oben auf der Liste: „Außerdem kam ich durch den Unfall schon früh mit Musik in Verbindung“, erinnert sich Pollina. Besonders südamerikanische und sizilianische Volksmusik liegen dem Italiener am Herzen. Am Konservatorium „Amici della musica“ in Palermo studiert Pollina zunächst klassische Gitarre und Musiktheorie, ehe er ein Jura-Studium beginnt und sich mehr und mehr der Politik zuwandte.

Anfang der Achtziger arbeitet Pollina als Journalist für eine Anti-Mafia-Zeitung, als deren Chefredakteur Giuseppe Fava von der Cosa Nostra ermordet wurde. Pollina verließ deshalb 1985 Sizilien. Mit der Gitarre im Gepäck zieht der Sizilianer in der Folge durch Europa und verdient sich seinen Lebensunterhalt als Straßenmusiker: „Ich glaube, ohne diese Erfahrung wäre ich bestimmt nicht der Mensch, der ich heute bin.“ Die wichtigste Lektion dieser Zeit sei die Erkenntnis: „Alles entsteht aus dem Moment.“

Obwohl er seit über 20 Jahren mit seiner Familie in der Schweiz lebt, fühlt sich Pollina seiner Geburtsstadt Palermo inzwischen wieder sehr verbunden. Seit dem Machtverlust der Cosa Nostra Mitte der 1990er-Jahre sei die Kriminalität dort nicht mehr so prägend: „Man spürt in der Stadt, dass es eine gewisse Befreiung gibt, dass die Stadt viel sicherer geworden ist.“ Für den Wahl-Schweizer hat Musik eine ganz besondere Bedeutung: „Die Aufgabe für mich als Musiker ist ganz einfach: Emotionen zu schenken und die Menschen zum Denken zu bringen – Meine Aufgabe ist es nicht, die Leute zu überzeugen, wie die Welt sein soll.“

Zu den Höhepunkten in Pollinas Karriere zählen sicherlich der Auftritt mit Schmidbauer & Kälberer in der Arena von Verona zum Abschluss der Süden-Tournee sowie das Konzert im Züricher Hallenstadion im Sommer 2015. Aktuell ist er auch wieder mit Werner Schmidbauer und Martin Kälberer auf der zweiten „Süden-Tour“ unterwegs, bei denen die Musiker im Wechsel italienisch und baye risch singen. Dabei kommen verschiedene Kulturen zusammen, schwärmt Pollina.

Den Abschluss des beeindruckenden Konzerts bildet – natürlich – Pollinas Lied „Camminando“. Dieses Weitergehen schreibt er auch Europa auf die Fahne: „Ich glaube, das ist eine Vision von Europa, letztendlich sollte Europa genau so sein – ein Territorium, wo verschiedene Kulturen zusammenleben.“

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