Provokateur gegen Vorurteile

Mit den Worten„Ihr seid Nazis“ provozierte Fatih Çevikkollu sein Publikum und verdeutlichte damit die Unsinnigkeit von Vorurteilen. von Ahn

Mühldorf. – „Wer nicht genug lacht, bekommt sein Geld zurück“, begann Fatih Çevikkollu sein Pogramm am vergangenen Donnerstag im Haberkasten.

Der Kölner Kabarettist mit türkischen Wurzeln amüsierte sich im nicht ausverkauften Haberkasten sich immer wieder über das typisch bayerische Wort „heuer“.

In hellgrauem Anzug und barfüßig in Bio-Latschen tritt Çevikkollu auf. Einerseits wirkt sein Auftritt improvisiert, andererseits gleicht der Abend einer Vorlesung. Ein amüsanter Vortrag mit vielen Informationen, Witzen und Provoka tionen. „Fatih Morgana“ heißt das aktuelle Programm; der Künstler zeigt darin Unsichtbares auf und rückt Sichtbares in den Bereich von Illusionen. Das gelingt dem Rheinländer ohne jegliche Requisiten.

Er blickt zunächst in die Vergangenheit, zur Kohl-Affäre und Norbert Blüm. Danach konnte nur eine Frau kommen, sagt Çevikkollu. Doch keiner hätte damit gerechnet, dass sich Merkel als solch effektive Würgeschlange zeigt, die ihre männlichen, affenähnlichen Kollegen stets entschlossen erwürgt. Trump, „Wirtschaftsmigrant“ Seehofer, Putin und Erdogan lässt der Kabarettist nicht aus.

Und er erinnert daran, dass der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung und Ex-Entwicklungsminister Dirk Niebel nach diesen Posten zum Rüstungshersteller Rheinmetall gingen.

Stets duzt Çevikkollu sein Publikum, spricht Einzelne im Publikum an, erwartet Zwischenrufe. Einen 26-Jährigen macht er als jüngsten Zuschauer aus, er ist der einzige unter 30 Jahren. Der Künstler nennt ihn einen digitalen Eingeborenen. Der Rest des Publikums gehöre zu den digitalen Migranten. Zur Verdeutlichung erinnert der Kabarettist an die Telefone mit Schnur. Der jüngste Gast kennt diese alten Geräte lediglich aus dem Fernsehen. Inzwischen gibt es jedoch mehr Handys als Menschen in Deutschland und auch der Zugang zu digitalem Netz ist besser als zu öffentlichen Toiletten.

Und dann macht Çevikkollu Angst: Wie weit die Technik in 30 Jahren fortgeschritten sein wird, lässt sich heutzutage nicht sagen. Mensch und Maschine verschmelzen bis zur Unkenntlichkeit.

Das Konzept „Tod“ gäbe es künftig nicht mehr. Gedanken und Erinnerungen lassen sich auf Festplatten speichern und später wieder auf ein Gehirn aufspielen. In der daraus folgenden Unsicherheit entstehe der Wunsch nach einem Rückweg in gute, alte Zeiten. Eine Illusion, die weltweit verfolgt wird.

Nach der Pause räumt Çevikkollu mit Vorurteilen auf, indem er das Publikum damit konfrontiert. Überspitzt. Er verurteilt, Muslime mit Terroristen zu vergleichen, indem er Deutsche mit Nazis gleichsetzt. „Ihr seid Nazis“, provoziert er das Publikum.

Schweigsam sind die Zuschauer nun, unangenehm die Stimmung. Doch Çevikkollu gelingt es, die Gäste wieder zum Lachen zu bringen. Die Zugabe besteht da rin, seinen Namen richtig auszusprechen. Viel zum Nachdenken nehmen die Zuschauer mit nach Hause, und dennoch haben sie zur Genüge gelacht. Fatih Çevikkollu darf sein Eintrittsgeld behalten.

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