Martin Kälberer im Mühldorfer Haberkasten: „Es wurde eine Reise nach Innen“

Martin Kälberer.
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Martin Kälberer.

Mühldorf – Martin Kälberer hat aus der Not eine Tugend gemacht: Während des Lockdowns hat er ein neues Album aufgenommen. Nach sechsmonatiger Pause trat der Musiker im Haberkasten auf. Mit dem Mühldorfer Anzeiger hat der Künstler vor dem Auftritt über seine Zeit im Lockdown, sein neues Album gesprochen.

von Jessica von Ahn

Sie haben während der Zeit des Lockdown an Ihrem neuen Album gearbeitet. War das so geplant?

Martin Kälberer: Das Album war schon lange angedacht. Nun kommt es sogar früher heraus als ursprünglich geplant. Die Tournee mit Werner Schmidbauer und Pippo Pollina war ja bereits im März abrupt zu Ende. Da musste ich mich erst einmal orientieren und überlegen, was ich mit dieser Situation anfangen kann. Ich habe dann die verordnete Abgeschiedenheit genutzt und umgemünzt – zu Kreativität im Studio.

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Wie haben Sie sich finanziell über Wasser gehalten?

Kälberer:Ich kalkuliere rund zwei Jahre im Voraus. Und ich hatte das Glück, eine relativ lange Tour vorher gehabt zu haben. Es waren also einige Reserven entstanden. Es sind für mich nur wenige Konzerte ausgefallen. Bei Kollegen sah es oftmals leider anders aus.

Sie reisen sehr viel. Baltasound heißt Ihr aktuelles Album, wie eine Bucht auf den Shetlandinseln, Ihrem Lieblingsort. Wie ist es, nicht reisen zu können?

Kälberer:Ich wohne glücklicherweise auf dem Land und nicht in einer kleinen Wohnung. Ich habe ein Studio mit Garten, ringsherum sind Wälder und Seen. Dennoch drängte es irgendwann nach Ortsveränderung. Und so habe ich kleinere Ausflüge unternommen. Ich hatte dann das Glück, das nahezu menschenleere Venedig zu besuchen.

Für das neue Album konnten Sie sich keine Inspirationen aus der Ferne holen. Woher kamen nun Ihre Ideen?

Kälberer:Gezwungenermaßen wurde es eine Reise nach Innen. Das sagt auch der Titel: „Insightout“ – Blick nach Innen, Blick nach Außen. Ich habe versucht, die Ruhe und Stille in mich aufzunehmen. Das Album ist sehr introvertiert geworden, aber auf keinen Fall depressiv.

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Das klingt, als hätten Sie dem Lockdown etwas Positives abgewinnen können.

Kälberer:Absolut. Ich habe von vielen Menschen erfahren, dass auch sie es konnten. Der Druck war endlich weg. Wir müssen uns sowieso Gedanken darüber machen, was der Druck mit unserer Gesellschaft macht. Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, Maß zu halten. Nun haben wir bereits die erste Erfahrung gemacht: Es geht. Es geht, einfach einmal nichts zu müssen.

Sie machen Weltmusik, improvisieren. Ihre Musik ist sehr ruhig. Jetzt haben Sie ein Stück komponiert, das 16 Minuten lang ist. Hat Sie die Zeit im Lockdown noch nachdenklicher gemacht?

Kälberer:Ja schon. Die Zeit hat mich dazu gebracht, mich noch mehr zu fokussieren, mich auf ein winziges Thema zu konzentrieren. Das 16-minütige Stück verstehe als eine Art Meditation. Alle Stücke sind nun sehr reduziert. In Baltasound habe ich noch jedes Instrument eingesetzt, dass ich auf der Bühne spielen kann. Nun dominiert das Klavier.

Musik ist für Sie eine Suche nach sich selbst. Wird diese Suche irgendwann zu Ende sein?

Kälberer:Nein, das wäre ganz betrüblich. Und das soll es auch gar nicht. Wenn ich mit einem Album fertig bin, habe ich nie das Gefühl, wirklich am Ende zu sein. Zunächst fühlt es sich vielleicht so an, aber das ändert sich schnell. Solch ein Abschluss schafft immer Platz für etwas Neues.

Nehmen Sie Ihr Publikum mit auf Ihre eigene Suche mit oder wollen Sie Ihre Zuhörer zu einer eigenen Suche inspirieren?

Kälberer:Ich denke, das läuft parallel. Es wäre der Idealzustand, wenn ich mit meiner Musik eine Atmosphäre schaffe, in der ich Menschen dazu animieren kann, eine eigene Reise zu beginnen. Teilweise erzähle ich meine Intentionen zu dem Stück, teilweise lasse ich die Musik einfach wirken. Ich möchte da eigentlich nichts vorwegnehmen. Die Sprache der Musik versteht jeder individuell. Das ist wie beim Betrachten eines Gemäldes. Dieses sieht jeder etwas anders – und nie, wie der Künstler selbst es sieht.

Über ein halbes Jahr standen Sie nun nicht mehr auf der Bühne. Wie ist es, so lange ohne Publikum auskommen zu müssen?

Kälberer:Es war schon sehr ungewohnt. Das war jetzt meine längste Zeit, die ich nicht auf der Bühne stand. Es wird jetzt aber auch eine interessante Erfahrung sein, wie die Wiederbegegnung sein wird.

Was wird sich nun ändern im Vergleich zu den letzten Konzerten im März?

Kälberer:Darauf bin ich selbst sehr gespannt. Ich denke, die Zuhörer bringen einen gewissen Hunger nach Veranstaltungen, Konzerten und Livemusik mit. Ich hoffe auf eine intensive Atmosphäre. Nun sind die maximalen Besucherzahlen ja auf ein Drittel reduziert, Abstände sind sehr groß. Ich bin neugierig, wie sich die räumlichen Abstände überbrücken lassen. Ein Auftritt lebt ja schließlich von Nähe, vom Austausch und von der Gemeinsamkeit.

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