Kontrabassistische Kostbarkeiten

Eine kontrabassistische One-Man-Show der Superlative lieferte Adam Ben Ezra.
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Eine kontrabassistische One-Man-Show der Superlative lieferte Adam Ben Ezra.

Höhepunkt der Bayerischen Basstage: „Masters of Bass“ mit 60 jungen Musikern und Profil im Mühldorfer Haberkasten

Mühldorf –Die Bayerischen Basstage gingen dieses Jahr in die sechste Runde und lockten zahlreiche Kontrabass- und E-Bassspieler von nah und fern zur Teilnahme an unterschiedlichen Kursen. Da brummte nicht nur eine Woche die halbe Stadt, sondern beim gemeinsamen Abschlusskonzert der ganze Haberkasten, wo Dozenten und Schüler aus verschiedenen Nationen sich in der gleichen Sprache bestens verstanden: Der Musik.

Gezupft oder gestrichen, mit oder ohne Bogen, von Kleinen oder Großen, sacht und leise oder furios und wummernd – die Bässe feierten ihr großes Fest der tiefen Töne. Das freute insbesondere den „Macher der Basstage“, Claus Freudenstein, dem ein rappelvoller Haberkasten und gut besuchte Kurse zeigten, dass seine kontrabassistische Mission zündet, Menschen zusammenbringt und die Kurse gar, wie er bei seiner kurzen Begrüßungsrede betonte, als Friedensprojekt anzusehen ist.

Wenn dann fast 60 Kontrabässe zu Beginn des Konzerts „Masters of Bass“ aus der Horizontalen in die Aufrichtung gehen, die Bühne so ganz von form- und klangschönen Streichinstrumenten und ihren Spielern ausgefüllt ist, dann gleicht das tatsächlich einer Friedensmission. Elektrisierend, vitalisierend, zugleich erdend und mitreißend war der Konzertauftakt des „Big Bass Ensembles“. Noch dazu, weil das gemeinsame Spiel von „Excerpts from an eastern Legend“, einer Komposition von George Hatzimichelakis, zugleich als Welturaufführung war.

Virtuose auf dem Bass

Danach aber wurde es richtig spannend. Wer bislang den Kontrabass als reines Begleitinstrument schimpfte und sich nach den virtuosen kontrabassistischen Kostbarkeiten von Professor Božo Paradžik und Adam Ben Ezra nicht schleunigst korrigierte, wurde des Besseren belehrt. Im ersten Konzertteil „regierte“ der tschechische Kontrabassvirtuose Božo Paradžik den Saal, schickte statt schnöder Werkbeschreibung die kurz gefasste Erzählung eines Märchens des russischen Dichter Wassili Schukowski voraus und klickte so das Kopfkino der Zuhörer an.

Die spürten nämlich bei seiner Interpretation von Leoš Janáeks Komposition dank klangfarbenreicher „Nacherzählung“ durch die Stimmen zweier Instrumente – Kontrabass und Klavier die Märchenfiguren zum Leben erweckt. Der Kampf des Zarewitsch Iwan und seiner Liebe zur schönen Marja – packend, berührend, aufregend oder in heiter-jubilierenden Läufen, so erklang das Märchen, durchdrungen von tief nachempfundener Emotion an den Instrumenten – ganz großes Klangkino, für das wohl schwerlich ein besserer „Mitspieler“ wie den Chiemgauer Pianisten Thomas Hartmann hätte gefunden werden können.

Gäste hielten die Luft an

Die beiden Musiker hatten auch in dem folgenden musikalischen Kuriosum die Zuhörer voll im Griff: Johannes Brahms Sonate in es-dur op. 120 Nr. 2. Klingt erst mal unspektakulär. Nicht aber wenn man weiß, dass diese Sonate für Klavier und Klarinette komponiert wurde und, dass Paradžik eben diese Noten mit seinem Kontrabass, also unbearbeitet, vom Blatt abspielte. Die Musik legte sich wie Klanggold in die Gehörgänge und verursachte Momente des Staunens: Absolute Ruhe, in der die Haberkasten-Gäste die Luft anhielten – vom Kleinkind bis zum „alten Hasen“. Das musste sacken, darum kam eine Pause gelegen. Danach wirkte und wirbelte, optisch wie akustisch als Multi-Instrumentalist und Kontrabass-Phänomen, Adam Ben Ezra aus Israel. Seinem ihm auf Social-Media-Plattformen vorauseilenden Ruf als Internet Shooting-Star machte er im Haberkasten ehre, führte den Kontrabass als zirkusreifes musikalisches Wunderding vor, kitzelte in seinen Eigenkompositionen Klänge und Töne aus ihm heraus, die ihn in ungeahnte Dimensionen emporhob.

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Mit einer genialen Kombination von Effekten und Pedalen transformierte Ezra seine „Notizen“, Stück für Stück zu einem Loop, erzeugte aufregende Klangwände, die sich in der Gesamtheit wie ein kleines Orchester anhörten. Eine „technisch unterstützte“ kontrabassistische One-Man-Show der Superlative – grenzenlos fantasievoll mit Steppeinsätzen, Beat Boxing, Gesang und dazu passender Mimik. Inspiriert aus allen erdenklichen Musik-Genres, glich keine Nummer der anderen. Im Gegensatz zum ersten Konzertteil, ließen nun die Gäste ihrer Begeisterung freien Lauf, spendeten Zwischenapplaus, klatschten mit oder brachen bei ulkig klingenden Passagen, die Ezra humorvoll auskostete, in lautes Gelächter aus. Ob Steigerung möglich ist, das wird man hoffentlich bei den kommenden Bayerischen Basstagen herausfinden können. Ein wirklich besonderer Abend der kontrabassistischen Kostbarkeiten, der nachwirkt.

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