Ein Jahr ohne Geflügel, dafür mehr Sex

Helene Enzinger

Mühldorf. – Nahezu ausverkauft war der Stadtsaal beim Gastspiel von Hans Söllner.

Auf Facebook sei er gerade wieder einmal gesperrt worden, beginnt der 64-Jährige seinen zweistündigen Monolog. Drei bis vier mal im Jahr passiere ihm das. Dabei poste er doch lediglich seine Meinung. Und schon erzählt er, wie Hühnern die Schnäbel abgezwickt würden. Und Bauern nennt er Tierquäler.

Ein Abend voller bitterernster Kritik und humorvollen Darbietungen folgt. Und so informiert der Künstler auch über den Aufbau seiner Mundharmonika: Eine Platte stehe etwas ab und reiße ihm immer einmal die Barthaare aus.

Detailliert schildert er seinen Termin zum medizinisch-psychologisches Gutachten zur Fahreignung. Nach Drogenkonsum sei er in eine Polizeikontrolle geraten. Die humorvollen Schilderungen über Provokationen bei der Kontrolle, dem Briefverkehr mit den Behörden bis hin zum Test amüsieren die Zuschauer. Über 15 Jahre habe Söllner einen Staatsanwalt beschäftigt, ihm schließlich Postkarten aus dem Urlaub geschickt. Die Gäste lachen. Von Beginn an hat Söllner sein Publikum gefangen. Dieses kichert und applaudiert, pfeift und ruft dazwischen. Textsicher sind einige Gäste unter anderem beim Lied über das Kiffen oder die Frage, was der Staat für jeden Einzelnen tut. Söllner trifft auf gute Stimmung von Anfang bis Ende. Dramatisch nennt der Künstler, dass sein Lied gegen das Wegschauen von 1978 immer noch aktuell sei. Sein Repertoire an Kritik ist groß: Politikverdrossenheit und Ausländerfeindlichkeit, Impfpflicht und Joschka Fischer. Und an jeden Einzelnen appelliert er: „Ich habe es nicht gewusst, gilt nicht mehr.“ Und geht wieder auf Tierhaltung ein. Und er rät: „Fangt irgendwo an.“ Die Menschen seien die einzige Spezies, die sich entscheiden könne. Ein Jahr kein Geflügel schlägt er als Anfang vor. Dies ließe sich mit mehr Sex ausgleichen.

Ein Lob hat Söllner dann aber doch noch: Angela Merkels „Wir schaffen das“ als 2015 zahlreiche Flüchtlinge nach Deutschland strömten. Söllner berichtet von zwei Jugendlichen, die er bei sich daheim aufgenommen hat. Erzählt von deren nächtlichen Schreien und vollgepinkelten Betten. Betretenes Schweigen macht sich breit. Deutschland verdiene am Krieg, betont er. Applaus folgt schließlich bei der Aufforderung, gegen Waffenhandel aufzustehen.

Recht hat der Rebell mit vielen seiner Kritikpunkte. Und nicht jeder muss seiner Meinung zustimmen. Aber solche Menschen braucht es auch. Solche, die auf Fehler aufmerksam machen, Überspitzen und Verallgemeinern gehört dazu. Menschen, die ausloten, wo die Grenzen von Kritik und Meinungsfreiheit liegen. Die testen, wie weit sich der Staat und seine Gesetzeshüter provozieren lassen.

Kommentare