Die strikte Umsetzung des Sachleistungsprinzips sorgt für überflüssiges Essen, das an die "Tafel" weitergereicht wird

Der Irrweg der Lebensmittel

Wöchentliches Ritual: Zweimal pro Woche holen die Asylbewerber in Mühldorf bei Hausmeister Gerd Alker ihre Essenspakete ab. Foto ha
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Wöchentliches Ritual: Zweimal pro Woche holen die Asylbewerber in Mühldorf bei Hausmeister Gerd Alker ihre Essenspakete ab. Foto ha

Mühldorf - Asylbewerber in Bayern bekommen nach den gesetzlichen Vorgaben Essenspakete. Die Umsetzung des sogenannten Sachleistungsprinzips treibt rund um die Asylbewerberunterkunft in Mühldorf seltsame Blüten: Überflüssige Lebensmittel werden unter anderem an die "Mühldorfer Tafel" weitergereicht.

Von einem "wundervollen Beispiel für deutsche Bürokratie" spricht Stephanie Rothkäppel, die seit einem Jahr die Asylbewerber in der Gemeinschaftsunterkunft am Bahnhof ehrenamtlich betreut. Zweimal pro Woche füllen hier die Bewohner Verpflegungslisten aus, die - darauf weist das Bayerische Sozialministerium ausdrücklich hin - "eine individuelle Auswahl aus einem breiten Angebot von Nahrungsmitteln nach den Empfehlungen des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit zulassen und auch kulturelle Besonderheiten berücksichtigen".

Das sehen die Betreuer in Mühldorf anders. "90 Prozent unserer Asylbewerber kommen aus Afghanistan. An sie wurde bei der Zusammenstellung der Listen kaum gedacht", betont Rothkäppel. Spezielle Gewürze, Milchprodukte, Reis- oder Fleischssorten suche man vergeblich.

Trotzdem müssen die Bewohner Woche für Woche eine Mindestmenge an Waren ankreuzen. "Sonst werden die Bestellungen nicht bearbeitet", erklärt Nicole Simmet, die für die Regierung von Oberbayern als Verwaltungsangestellte für die Unterkünfte in Mühldorf und Neuötting zuständig ist.

"Anfangs hatten wir zum Beispiel Milch im Überfluss, weil die restlichen Kreuzchen immer bei der Milch gelandet sind", erzählt Simmet. Inzwischen sind es wenigstens nur die länger haltbaren Lebensmittel, die sich in dem kleinen Essensausgaberaum im Erdgeschoss stapeln.

Weil die Bewohner die bestellten Mengen selten aufbrauchen, werden Tüten gepackt: "Was übrig ist, reichen wir an die Mühldorfer Tafel oder an den einen oder anderen Kindergarten weiter", erzählt Rothkäppel.

Ein Vorgang, der die Versorgung der Bewohner mit Lebensmitteln endgültig ad absurdum führt. Denn schon hinter der Ausgangslieferung steckt ein riesiger Aufwand.

Die ausgefüllten Listen landen in einem Logistik-Center in Baden Württemberg. Dort werten Mitarbeiter einer Spedition die Unterlagen Kreuzchen für Kreuzchen aus, ehe die Pakete individuell zusammengestellt und per Lastwagen an die Gemeinschaftsunterkünfte in Bayern verteilt werden. Zweimal pro Woche kommt der Lkw auch nach Mühldorf.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Erding. Dort hat das Landratsamt zwei kleine Shops für Asylbewerber eingerichtet. "Eine Cateringfirma hat in unserem Auftrag die Logistik übernommen. Und die Asylbewerber bezahlen mit Hilfe eines Punktesystems", berichtet Christina Ventner, Sprecherin im dortigen Landratsamt. Das Shopsystem hat sich schon deshalb bewährt, weil laut Ventner das Sortiment auf die Bedürfnisse der Asylbewerber vor Ort zugeschnitten ist.

Dass man in Erding das Sachleistungsprinzip auf dieses Weise umsetzen kann, hat vor allem einen Grund: Als Träger der Unterkünfte tritt der Landkreis auf, nicht die Regierung von Oberbayern.

In den meisten anderen Bundesländern hat man sich vom Sachleistungsprinzip weitgehend verabschiedet. Lediglich Bayern und Baden-Württemberg halten daran fest. Doch auch hier tut sich etwas: Im Rahmen eines Modellprojekts erhalten künftig auszugsberechtigte Asylbewerber an bestimmten Standorten Geld statt Sachleistungen.

"Ein erster Schritt in die richtige Richtung", findet Alexander Thal. Der Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrates fordert schon lange die Abschaffung des Sachleistungsprinzips. "Vom bürokratischen Irrsinn einmal abgesehen, ist die gängige Praxis schlicht zu teuer." Zwischen 83 und 131 Euro kostet nach Auskunft der Regierung von Oberbayern die Verpflegung pro Person pro Monat. Ein Betrag, den man laut Thal auch direkt an die Asylbewerber auszahlen könnte. Ein bisschen mehr Vertrauen in die Flüchtlinge würde seiner Meinung nach nicht schaden. "Wenn jemand mit wenig Geld gut haushalten kann, dann sind sie es." ha

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