ERÖFFNUNG DER GEDENKORTE IM MÜHLDORFER HART

Ein Hauch Genugtuung

Die Unterlagen sind fein sortiert: Besonders zum Thema Giftgas am Bunkergelände haben Elke und Günther Egger in den 1980er –Jahren zahlreiche Anfragen an Ministerien und Behörden verschickt. ha

Elke und Günther Egger haben vor drei Jahrzehnten die erste Gedenkveranstaltung am Bunkergelände im Mühldorfer Hart organisiert. Wenn am kommenden Freitag die Gedenkorte am ehemaligen Massengrab und am Waldlager eingeweiht werden, erfüllt sie das mit Freude – und ein wenig Genugtuung.

Mühldorf – „Viele waren wir nicht“, sagt Günther Egger. Damals, 1987. „Vielleicht fünf oder sechs Leute. Vielleicht auch ein paar mehr.“ Und doch war das, was sich vor 31 Jahren im Mühldorfer Hart abspielte, ein besonderes Ereignis. Die Friedensinitiative im Landkreis um Elke und Günther Egger hatte zur ersten Gedenkveranstaltung für die NS-Opfer des KZ-Außenlagers Mühldorf aufgerufen. An mehreren Stationen des Gedenkmarsches wurden Texte vorgelesen und Gebete gesprochen. „Wir wollten der Toten gedenken“, erzählt Günther Egger. „Und wir wollten das Thema noch mehr in die breite Öffentlichkeit bringen.“ Denn dort, in der breiten Öffentlichkeit, war es noch lange nicht angekommen. „Der großen Masse war das alles schlicht egal.“

Immerhin: Erste Ansätze für eine nachhaltige Erinnerungsarbeit gab es bereits: Rainer Ritzel und Josef Wagner hatten gerade den Film „Mit 22 Jahren wollte man noch nicht sterben“ gedreht, Peter Müller hielt vereinzelt Vorträge über die Geschichte des Bunkergeländes und des KZ-Außenlagers.

So waren auch Elke und Günther Egger auf das Thema aufmerksam geworden: „Peter Müllers Vortrag im Jugendzentrum im alten Schützenhaus hat uns damals die Augen geöffnet.“ Der Bericht über das Leiden und Sterben der Häftlinge habe ihn mit voller Wucht getroffen, erzählt Günther Egger. „Ich stand ja kurz vor dem Abitur, hatte Leistungskurs Geschichte und dachte, ich wüsste gut über die NS-Zeit Bescheid. Doch an diesem Abend stellte sich heraus, dass ich keine Ahnung davon hatte, was sich im Dritten Reich hier vor Ort abgespielt hat.“

Also gründeten Elke und Günther Egger zusammen mit weiteren Mitstreitern den Verein „Geschichtswerkstatt Mühldorf“ – zwei Jahrzehnte, bevor der „Verein für das Erinnern“ seine Arbeit aufnahm. Das Engagement, das die Werkstatt-Mitglieder an den Tag legten, lässt sich bis heute auf der Homepage der Geschichtswerkstatt nachvollziehen. „Wir haben in Archiven gewühlt, lange bevor man E-Mail-Anfragen stellen oder im Internet recherchieren konnte.“ Dabei beleuchteten Egger & Co. Themen, über die bis dahin wenig oder gar nichts bekannt war: Sie veröffentlichten Berichte über die ermordeten Pfleglinge der Behindertenanstalt Ecksberg; schrieben über die Schicksale der Juden, die in Mühldorf gelebt haben; erklärten, was es mit den Todesmärschen durch den Landkreis auf sich hatte. Alles mündete in eine Publikation, die 2001 im Selbstverlag erschienen ist: „Der Landkreis Mühldorf im Nationalsozialismus.“

Auch politisch mischten sich die Eggers ein. Über Jahre hielten sie die Diskussionen um das am Bunkergelände gelagerte Giftgas am Laufen. Außerdem saß Elke Egger von 1990 bis 2002 im Mühldorfer Stadtrat.

Vieles, was damals ans Tageslicht kam, findet sich heute in der NS-Dauerausstellung im Mühldorfer Haberkasten wieder. „Eine gute Ausstellung. Pflichtprogramm für Jedermann“, sagt Günther Egger, der mit Blick auf die Eröffnung der ersten Gedenkorte am Freitag „vor allem viel Freude und ein klein wenig Genugtuung“ verspürt. „Besonders gegenüber denjenigen, die uns damals als Nestbeschmutzer beschimpft haben.“ Zu Angriffen, Drohbriefen oder Beleidigungen sei es glücklicherweise nie gekommen: „Es wurde kontrovers diskutiert. Aber es ging nie unter die Gürtellinie.“

Auch wenn die Geschichtswerkstatt als Verein noch existiert, ruht das Engagement von Elke und Günther Egger seit Jahren. Was nicht heißt, dass die beiden das Thema aus den Augen verloren haben. „Wir sind immer noch sehr interessiert und werden ganz sicher auch zur Eröffnung der Gedenkorte gehen.“

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