Die Geschichte wird lebendig

Gerd Anthoff mit dem Mühldorfer Viergesang: Gitti Albert, Reinhard Baumgartner, Reinhard Albert und Toni Sabold (von links). rath

Mühldorf. –  Reinhard Baumgartner, seines Zeichens Kreisheimatpfleger für Volksmusik und Brauchtum, hatte die Organisation übernommen und viele waren gekommen – der Haberkasten war voll besetzt, als der bayerische Schauspieler Gerd Anthoff die „Heilige Nacht“ von Ludwig Thoma (1867 – 1921) las.

Musikalisch umrahmt und begleitet wurde die Lesung vom Mühldorfer Viergesang: Dieser setzt sich aus Gitti und Reinhard Albert (er ebenfalls Kreisheimatpfleger für Volksmusik und Brauchtum), Toni Sabold und eben Reinhard Baumgartner zusammen. Letzterer hat bei der Weihnachtsgeschichte von Ludwig Thoma auch schon Gustl Bayrhammer, Toni Berger, Hans Baur (der Richter aus dem Königlich-Bayerischen Amtsgericht, die Redaktion) und Fritz Strassner als Vortragende erlebt.

Reinhard Baumgartner erklärte den Besuchern, wie die berühmte Weihnachtsgeschichte von Ludwig Thoma entstanden ist: Im Kriegswinter 1915/16 war Ludwig Thoma mit einem Jäger zur Adventszeit in den verschneiten, eisigen Tegernseer Bergen unterwegs. Auf dem Heimweg nahmen Wind und Schneefall zu, die Hand vor Augen war kaum zu sehen. Da hörte der Jäger, wie Thoma vor sich hinsagte: „Im Wald is so staad, alle Weg san vawaht, alle Weg san vaschniebn, is koa Steigl net bliebn.“ Der Mühldorfer Franz Xaver Rambold (1883 – 1938) hat die fünf Gesänge im Text vertont.

Im Dialekt derLenggrieser Gegend

Die Geschichte von Josef und Maria wird nach Bayern verlegt, in den bayerisch-bäuerlichen Alltag. Die ganze Geschichte ist in Versform im Dialekt der Lenggrieser Gegend verfasst. Ludwig Thoma hat die „Heilige Nacht“ in seinem Haus „Auf der Tuften“ bei Rottach-Egern geschrieben, sie wurde 1917 veröffentlicht.

Im ersten Kapitel erhält der in Nazareth lebende Zimmerer Josef ein Schreiben, er möge sich auf Befehl von Kaiser Augustus beim Rentamt in Bethlehem einfinden.

In Kapitel zwei macht sich Josef mit seiner schwangeren Frau Maria auf den Weg durch den verschneiten Winterwald, sechs Stunden wird der Fußmarsch wohl dauern. Zu Mittag essen sie eine Rohrnudel, ein Schlitten braust vorbei, der trotz Aufforderung nicht anhält. Die beiden treffen auf einen Handwerksburschen, mit dem zusammen Josef die schwächer werdende Maria durch den kalten Wald führt. Bevor sie Bethlehem betreten, bleibt der Handwerksbursche zurück, er hat keine Papiere. Jetzt beginnt die Herbergssuche: Sie versuchen es beim Rössl- und beim Lammwirt, beim Bräu, beim Post- und beim Schimmelwirt, beim Goldenen Horn – überall ist alles belegt. Auf der Straße treffen sie auf einen Mann (es könnte ein Engel sein?), der ihnen eine Unterkunft beim Simei (vermutlich Kosename für Simon) vorschlägt. Da es in dessen Haus zu eng ist, überlässt er dem Paar seinen Stall, wo er Heu und Stroh aufschüttet.

Es ist eine besondere Nacht, es ist windstill, dann wird es hell. Musik und Gesang sind zu hören. Weil sie ob der Helligkeit ein Feuer befürchtet, steht die Frau von Josias auf, sie hat außerdem wegen der groben Abweisung des Paares ein schlechtes Gewissen. Auf einem Feld stehen die Hütten, die Hirten gehören, in einer träumt der Handwerksbursche, der aufwacht und einen hellen Stern sieht.

Im nächtlichen Stall ist es ruhig, nach fast neun-stündigem Marsch schlafen Josef und Maria. Nur der Simei kann nicht schlafen, er geht zum Stall, aus dem plötzlich ein Licht strahlt. Er hört Stimmen im Stall und dann ist der Heiland geboren. Es ertönt ein Hallelujah, Orgel- und Harfenklang ist zu hören. Hirten kommen und sehen im Stall das arme, nackte Jesuskind in einer Krippe auf Stroh liegen. Sie knien nieder und wünschen der jungen Familie Glück, geben Josef und Maria Geld für das Kind.

Auftrittgroßartig

Großartig ist der Aufritt Anthoffs. Seine Stimme verfügt über eine Modulation, in der er die Geschichte von Ludwig Thoma lebendig werden lässt. Man sieht den wütenden Josias genau so wie den erschöpften, traurigen Josef oder auch die urplötzlich hell erleuchtete Nacht vor sich.

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