Erste Risse im alten Haus

Tobias Sudhoffin seinem Element:Die Stimmung, die er auf die Bühne mitbringt, springt auch im Mühldorfer Haberkasten sofort aufs Publikum über. Bartschies
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Tobias Sudhoffin seinem Element:Die Stimmung, die er auf die Bühne mitbringt, springt auch im Mühldorfer Haberkasten sofort aufs Publikum über. Bartschies

Mühldorf.  – So mancher, der zum Rudelsingen in den Haberkasten kam, hatte wohl keine Ahnung, wie der Abend ablaufen würde.

Bereut hat es am Ende aber keiner, dass er da war: Geboten wurde beste musikalische Unterhaltung und Bombenstimmung beim Sing-Along, dem Rudelsingen mit Tobias Sudhoff.

Ein Steinway-Flügel auf der Bühne und ein Schlagzeug – das war’s. Und dann kommt Tobias Sudhoff und spielt –  und zwar erstmal mit dem Publikum. Er erklärt auf humorvoll-charmante Art, wie frenetisch er sich bitteschön den Empfang gewünscht hätte. Dann geht er, kommt nochmals auf die Bühne – und bekommt, was er will. Und er macht auch gleich klar, wie das Publikum ausflippen soll: „Ihr müsst nicht übertreiben, aber ich möchte, dass der Haberkasten Risse bekommt.“

Mit Können und Entertainment

Wäre es so gekommen, es hätte vermutlich Sudhoff selbst am meisten Leid getan, freute er sich doch im Vorfeld auf den Abend in diesem „wunderschönen Laden“, zu dem er auch die guten Organisationsstrukturen hervorhebt. „Dafür fährst du gerne 750 Kilometer“, so der 47-jährige Westfale, der in Münster lebt. Und auch für das Publikum war er die Strecke gerne gefahren, wie er am Ende des Abends bestätigt.

Für die etwa 170 Besucher, ganz überwiegend Damen, werden die Liedtexte auf eine große Bühnenleinwand projiziert. Niemand weiß so recht, wie das Ganze vonstatten gehen soll, doch nach einem etwas schüchternen Beginn steigen die Rudelsänger voll ein, um sich im Laufe des Abends stimmungstechnisch immer weiter zu steigern, „angetrieben“ von Sudhoff und seinem Partner Gereon Homann am Schlagzeug. Bei Sudhoff ergänzen sich dabei musikalisches Können und Entertainment auf das Beste. Als er den - absolut berechtigten - Applaus für Gereon Homann einfordert, tut er dies mit dem Hinweis, das Publikum möge nicht zuviel Beifall spenden, der Schlagzeuger werde nämlich nach Applaus bezahlt - das Ergebnis ist klar.

Da sind sie also: der Jazzmusiker und der Hardrock-Schlagzeuger und spielen aus dem Dschungelbuch „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“. Kann so etwas gut gehen? Es kann. Und die Live-Musik bringt einen Drive mit, wie es Karaoke nie könnte. So seien auch die Anfänge des Rudelsingens – ein Begriff, den jeder Veranstalter benutzen dürfe, weil er nicht geschützt sei – in Deutschland gewesen, erinnert sich Sudhoff: Abende mit Musiklehrern, mit Playback und ohne Entertainment. „Wir wollen uns im Kleinkunstbereich das Künstlerische bewahren“, sagt der 47-Jährige, für den die Live-Musik beim Rudelsingen das absolut Entscheidende ist und der zu seinem Kunstformat durch Veranstaltungen in den Niederlanden animiert worden sei.

Seit 2011 ist er damit auf Tour. Bis zu 800 Personen hätten dabei schon an einem Abend mitgemacht. Und wie klappt es, dass bei so vielen Menschen des Ergebnis einigermaßen harmonisch klingt? „Selbst die Leute, die nicht singen können, passen sich an“, sagt Sudhoff, „das funktioniert.“ In Mühldorf funktioniert es so gut, dass er kurz nach Beginn gleich zweistimmig singen lässt.

Sehr bunte Musikauswahl

Die Musikauswahl könnte bunter nicht sein. Von „Brown Girl in the Ring“ geht’s über die Beatles, Tony Christie und Peter Maffay zu Elvis Presley. Auf „Rote Lippen soll man küssen“ kommt der „Goldene Reiter“ von Hubert Kah und dann der „Kriminaltango“. Das Publikum ist und bei „Skandal im Sperrbezirk“ und „Marmor, Stein und Eisen bricht“ ist im Haberkasten keiner mehr zu halten. Sind schon Risse zu sehen?

Sudhoff parliert zwischen den Stücken mit dem Publikum, macht seine Späße vor allem mit Yasmin und Peter, die sich ganz vorne platziert haben. Und am Ende bringt Tobias Sudhoff ein Lied, das er im Laufe des Abends komponiert hat, „eine Welturaufführung“. Gut, der Refrain war vorbereitet, aber der Text, den er in den zwei Pausen geschrieben hat, handelt tatsächlich vom Geschehen des Abends, von – wie sollte es anders sein – Yasmin und Peter.

Zum Abschluss gibt es Westernhagen: „Lass‘ uns leben“. Und im Gegensatz zur Power des gesamten Abends im Mühldorfer Haberkasten verabschiedet sich der Musiker, Entertainer, Autor, Kabarettist und Sternekoch Sudhoff mit leisen Tönen von seinen Sängern. Mit Bezug auf das letzte Lied gibt er dem Publikum mit, „was das Leben menschlich macht, was kein Roboter kann: Lass‘ uns lieben! Guten Abend, bis zum nächsten Mal, ciao.“ Klasse!

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