Die "Diplom-Animatöse" Christine Prayon verwandelte sich einen Abend lang im Haus der Kultur

Einmaliges Rollenspiel

Rollenwunder: Die Kabarettistin Christine Prayon verkörperte im Waldkraiburger Haus der Kultur fast 20 Charaktere, die sie auf der Bühne lebendig werden ließ. Eine in der deutschen Kabarettszene wohl einmalige Vorstellung. Fotos
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Rollenwunder: Die Kabarettistin Christine Prayon verkörperte im Waldkraiburger Haus der Kultur fast 20 Charaktere, die sie auf der Bühne lebendig werden ließ. Eine in der deutschen Kabarettszene wohl einmalige Vorstellung. Fotos

Wer trotz dichtem Schneetreiben ins Waldkraiburger Haus der Kultur fand, wurde reichlich belohnt: Christine Prayon stellte ihr preisgekröntes Programm "Diplom-Animatöse" vor. Dafür erhielt sie vier Tage vor ihrem Auftritt in Waldkraiburg in Nürnberg den Deutschen Kabarettpreis in der Kategorie "Bestes Programm". Die 39-jährige Stuttgarterin mit Bonner Wurzeln begann 2005 als Kabarettistin zu arbeiten. Seit 2010 ist sie allein auf deutschen Bühnen unterwegs. Die "Diplom-Animatöse" ist ihr erstes Solo-Programm. Seit Oktober 2011 hat sie außerdem eine Rolle in der ZDF-Heute-Show.

Wenn man bei Google das Wort "Animatöse" eingibt, stößt man sofort auf Christine Prayon, denn offenbar hat sie dieses Wort erfunden. Ihre Behauptung, eine Diplom-Animatöse zu sein, ist aber gar nicht falsch. Schließlich ist Prayon tatsächlich ausgebildete Schauspielerin mit einem absolut echten Diplom. Welcher Kabarettist kann das schon von sich behaupten! Ausgebildete Schauspieler sind in dieser Branche wirklich selten. Ihr beruflicher Hintergrund wirkt sich sehr stark auf die Darbietung aus, denn Prayon zeigt als Diplom-Animatöse 90 Minuten lang vor allem ihr schauspielerisches Können.

Sie schlüpft in etwa 20 Rollen. Man verliert leicht den Überblick, denn die meisten Figuren, die sie darstellt, sind Stimmen, die in ihrem Kopf herumwabern. Prayon gibt vor, schizophren zu sein, und deswegen irrsinnig viele verschiedene Persönlichkeiten zu haben, die alle etwas zu sagen haben. Da gibt es neben der echten Prayon einen langweilig-norddeutschen Robert, der sich als Gleichstellungsberater vorstellt, eine wunderbar elegant klingende Französin namens Ségolène, eine einfach gestrickte Kölner Mutter mit ihren Kindern Elvis und Madonna und noch einige andere Darsteller, die der Zuschauer vor allem akustisch wahrnehmen muss. Einige Persönlichkeiten Prayons treten aber auch optisch in Erscheinung: Eine zünftige Bayerin, ein braunhaariges Dummchen mit schöner Perücke, eine hochkulturelle Vorleserin mit Bademütze und Schwimmbrille. Die angeblich echte Prayon tritt gleich zu Beginn der zweiten Hälfte als Transvestit auf, also als Mann, der sich als Frau verkleidet hat. Doch Prayon setzt noch einen drauf. Der Mann, der da unter all der Schminke mit Brustbehaarung und Beule in der Hose zum Vorschein kommt, entblättert sich schließlich noch als alte Frau, der sogar das rechte Glasauge rausfällt. Diese echte Prayon bittet einen Zuschauer um ein Bonbon. Das lutscht sie und stirbt dann auf der Bühne, weil sie eine Menthol-Allergie hat. Danach treten wieder einige ihrer Persönlichkeiten auf, die das Unglück überleben konnten. Zum Beispiel ein grandios gespielter italienischer Kellner, der mit seinen zuckersüßen Anmachversuchen an der abgebrühten Härte einer deutschen Ruhrpott-Emanze scheitert. Chrsitine Prayon ist eine sehr gute Schauspielerin, die die meisten ihrer vielen Rollen wunderbar beherrscht. Ihre Rollenvielfalt ist etwas Neues im deutschen Kabarett-Betrieb.

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