Das 32. Jahrbuch des Heimatvereins Wasserburg befasst sich mit der Vergangenheit Gabersees in der Zeit des Nationalsozialismus

Das dunkelste Kapitel

Die Titelseite von "Heimat am Inn" zeigt das Gelände der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Gabersee.
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Die Titelseite von "Heimat am Inn" zeigt das Gelände der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Gabersee.

Zum Ende des Jahres hat der Historische Verein Wasserburg am Inn sein 32. Jahrbuch "Heimat am Inn" herausgegeben. Wie auch in den vergangenen Jahren finden hier regionalgeschichtlich interessierte Leser unabhängig von ihrer eigenen historischen Vorbildung eine Reihe historischer Aufsätze, deren nähere Betrachtung lohnt - darunter Auskunft über die damalige Heil- und Pflegeanstalt Gabersee während der Zeit des Nationalsozialismus bis zu deren Schließung im Jahr 1941, beziehungsweise Wiedereröffnung im Jahre 1953.

Nikolaus Braun geht dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte nach - dem Umgang mit der staatlich verordneten "Euthanasie" - also der geplanten Ermordung psychisch kranker und behinderter Menschen während des Nationalsozialismus (1933 bis 1945) in der Heil- und Pflegeanstalt Gabersee. Auf Basis weniger Quellen - es dienten vor allem die Jahresberichte der Einrichtung und das persönliche Tagebuch des damals amtierenden Direktors Dr. Friedrich Utz - weist der Archivar des Bezirks Oberbayern sehr genau die planmäßige Unterversorgung der Einrichtung an Personal und Lebensmitteln von 1933 an nach, die Umsetzung der Zwangssterilisierungen von Patienten zwischen 1934 und 1939 und die systematische Vorbereitung von Deportation und Ermordung der Patienten ab 1940. Die Ausführungen des 2005 verstorbenen Ärztlichen Direktors des heutigen Inn-Salzach-Klinikums, Hans Ludwig Bischof, berichten über die zwischenzeitliche Nutzung der Einrichtung nach deren Schließung 1941 und Wiedereröffnung im Jahr 1953 als "Kinderverschickungslager", Wehrmachtslazarett, als Unterbringung für verschiedene militärische Einheiten und nach Kriegsende 1945 als Flüchtlingslager.

Maike Gildenast, Volontärin am Heimatmuseum Wasserburg, stellt die Geschichte des in Wasserburg ausgestorbenen Handwerks des Seifesiedens vor, das sich seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts belegen lässt und offenbar von Anfang an in dem Gebäude am Marienplatz 3 untergebracht war. Im Rahmen einer Generalsanierung in diesem Jahr hatte sich die Gelegenheit ergeben, dort gefundenes Schriftgut und gewerbliche Hinterlassenschaften für die Regionalgeschichtsschreibung und die Museumsarbeit auszuwerten. Die Autorin zeichnet nicht nur die Geschichte der letzten Wasserburger Seifensiederfamilie Hinderegger nach, sondern dokumentiert auch die Entwicklung des Seifengewerbes im Wandel der Zeit - inklusive eines Rezeptabdrucks für eine Elfenbein-Seife.

Die japanische Gastwissenschaftlerin an der Universität Kyoto/Wien, Haruka Oba, geht der Frage nach, womit sich Abgeordnete einer bayerischen Landstadt wie Wasserburg auf den frühneuzeitlichen Landtagen und während der Regierungszeit Herzog Wilhelms V. (1579 bis 1594) eigentlich beschäftigten, welche Position sie im Vergleich zu anderen Abgesandten einnahmen und welche Unkosten sie verursachten. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass der Wasserburger Magistrat durchaus eine bewusste Einflussnahme auf die Landespolitik suchte und die damit verbundenen Kosten billigend in Kauf nahm.

Neues Wissen vermitteln die Beiträge von Ferdinand Steffan, denn der Kreisheimatpfleger geht auf die Wappengeschichte des kurfürstlichen Beamten Heinrich Jeger ein, auf den Reliquienhandel zwischen Rom und Wasserburg am Beispiel der heiligen Eugenia und erklärt die Bedeutung der Motive auf einer Votivtafel in der Sebastianskapelle: Diese berichten von dem gemeinsamen Gelübde von Geistlichkeit, kurfürstlicher Beamtenschaft, Verwaltung und Bürger zur Abwehr der Pest im Jahr 1634. In weiteren Beiträgen setzt sich Steffan mit dem Peer-Gumpelzheimer-Epitaph in St. Nikolaus in Rosenheim auseinander und mit der Geschichte und Ausstattung der Hauskapelle von Gut Straß bei Eiselfing.

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Heimat am Inn 32, Beiträge zur Geschichte, Kunst und Kultur des Wasserburger Landes, Jahrbuch 2012, Verlag Wasserburger Bücherstube, ISBN: 978-3-943911-03-9, 12,50 Euro, erhältlich in der Bücherstube Wasserburg, im Stadtarchiv Wasserburg und im Buchhandel.

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