Der Barpianist

- Simon Schott kommt nicht durch den Haupteingang, geht nicht vorbei an den Reichen und Schönen, die sich gerade in der Lobby des Hotels «Vier Jahreszeiten» das erste Gläschen Champagner des Tages einschenken lassen.

Der große Auftritt ist nicht sein Ding, der Seiteneingang seine Welt. Denn Simon Schott ist der Mann im Hintergrund, der ewige Barpianist, der locker für die Unterhaltung sorgt.Das hat sich auch mit 91 Jahren nicht geändert, obwohl er längst viel mehr ist als nur der Klavierspieler in der Lobby: ein stiller Star, eine Legende. Schott ist der älteste Barpianist Deutschlands, der Mann, der in «Harry's New York Bar» in Paris einst für die Großen gespielt hat: für Ernest Hemingway, für Jean-Paul Sartre, für Humphrey Bogart und wie sie alle heißen.

Ein Page rückt den eleganten Barhocker zur Seite und ersetzt ihn durch einen alten Stuhl. Ohne Rückenlehne würde es Simon Schott keine 15 Minuten am Klavier aushalten, dabei hat er doch drei Stunden vor sich. Von Montag bis Samstag spielt er bei gedämpftem Licht von 17 bis 20 Uhr Evergreens und Chansons für die Gäste im Foyer und an der Bar.

Noten braucht er dafür nicht. «Wie alle Barpianisten spiele ich die Lieder aus dem Kopf. Es reicht, wenn ich die Texte kenne. Sie sorgen für das nötige Gefühl in meinen Fingern.» Die haben im Alter von drei Jahren zum ersten Mal auf den Tasten geklimpert, auf dem Klavier zu Hause in Walkersaich, wo Simon Schott aufgewachsen ist. Sein Vater wurde nach dem Ersten Weltkrieg als Volksschullehrer in den Landkreis Mühldorf versetzt. Damals gab es keine Fernseher, kaum Radios. Wer Musik hören wollte, musste sie selbst machen. Und der kleine Simon machte. «Als Einzelkind war ich viel alleine zu Hause. Da musste ich mich ja irgendwie beschäftigen.» Den Kinderliedern mit einem Finger folgten die ersten Akkorde, mehr und mehr brachte er sich das Klavierspiel selbst bei. Unterricht bekam er nie. Über 80 Jahre ist das her.

Von 1937 bis 1939 wird Schott zum Wehrdienst eingezogen, dann bricht der Zweite Weltkrieg aus. Den gebürtigen Münchner verschlägt es in die Bretagne Von einem Freund lässt er sich zum Widerstand gegen Hitler überreden. Eine «Riesendummheit» nennt er das heute. «Was wollte ich denn ausrichten?» Damals versteckt Simon Schott Flugblätter auf den Toiletten der Soldatenheime. Doch die Aktion fliegt auf, er entkommt knapp und flieht mit dem Motorrad nach Paris, wo er sich bei einer Freundin versteckt. Wenige Tage später beenden die Amerikaner den Krieg und Schott bekommt sein Leben zurück.

Bis in die 50er-Jahre bleibt er in der französischen Hauptstadt. Die erste Zeit arbeitet er in heruntergekommenen Kneipen in Montmartre, spielt Piano für Prostituierte und Gauner, bis er eines Tages für die berühmte «Harry's New York Bar» engagiert wird. Ein Traumjob, denn es ist die Zeit, in der Hollywood nach Europa zurückkehrt. Wenn die Stars in Paris weggehen, genießen sie ihren Whiskey in «Harry's New York Bar» und erleben Simon Schott am Klavier.

Über jeden kann der 91-Jährige eine Anekdote erzählen: Der schweigsame Humphrey Bogart zum Beispiel habe am liebsten eben nicht «As time goes by» gehört, sondern «I like Manhattan». Das Lieblingslied von Rita Hayworth war dagegen «Autumn in New York». «Die war total musikbesessen und immer in der Nähe des Klaviers.» Am meisten habe ihn Coco Chanel beeindruckt. «Sie war das personifizierte Frankreich. Voller Charme und Esprit.»

Von 22 bis 2 Uhr nachts ist Simon Schott Teil der Gesellschaft, von deren Glanz und Glamour noch heute jeder spricht. Tagsüber vertreibt er sich an der Schreibmaschine die Zeit. Die ersten Tipps holt er sich von Georges Simenon, Krimis und Jugendbücher entstehen. «Ich wäre gerne Journalist geworden», sagt Schott, nun wird er nebenbei Autor. Mehr als 20 Bücher werden von ihm verlegt, unter anderem eine Anleitung zum «Bar-Piano-Spiel ohne Noten».

Auch ein Zwischenspiel in London ändert nichts daran, dass München wieder seine Heimat wird. Inzwischen hat Simon Schott eine Familie gegründet, ist Vater von zwei Söhnen. Als kein Pianojob frei ist, gibt er Klavierstunden. «Das waren schon schwierige Zeiten, denn ich war einfach nicht in meinem Element.» Um Geld zu verdienen, nimmt er auch andere Arbeiten an, sogar als Vertreter versucht er sich.

Doch sein Platz ist nun einmal am Klavier, die Zahl der Engagements steigt wieder. Und schon bald muss Simon Schott nicht mehr vorspielen, wenn er sich bewirbt. Seine Geschichte spricht sich herum: Er ist der Pianist aus «Harry's New York Bar» in Paris. Und landet vor über 20 Jahren im Hotel «Vier Jahreszeiten».

Dort lernt er Jeannette Weiß kennen, seine «Seelenpartnerin» und Co-Autorin. Mit ihr zusammen veröffentlicht Schott unter anderem Lebenshilfe-Ratgeber, gibt --Tipps,-- «wie man im wachsenden Chaos des dritten Jahrtausends glücklich leben kann».

Zuletzt erschien eine Geschichtensammlung über den Privatdetektiv «Nick Foldex». Und nach wie vor steckt der Pianist und Schriftsteller voller Tatendrang, dem Alter zum Trotz: Ich habe noch -jede Menge spannender -Manuskripte zu Hause im Schreibtisch liegen.»

Zu seiner einstigen Heimat Walkersaich hat er keine Verbindung mehr. Vor ein paar Jahren kehrte Simon Schott noch einmal zurück, unternahm für den Bayerischen Rundfunk einen Ausflug auf den Spuren seiner Kindheit. «Ich bin gerne auf dem Land aufgewachsen», erinnert er sich. «Es war eine schöne, unbeschwerte Zeit.»

Simon Schott nimmt die Finger von den Tasten, braucht eine Pause. Er steht auf, rückt seine Kissen zurecht und vertritt sich die Beine. «Das muss sein, für den Kreislauf», schmunzelt er, «schließlich bin ich nicht mehr der Jüngste.» In zwei Stunden wird ihn sein Sohn wieder abholen und nach Hause fahren. Bis es so weit ist, wird er noch Sinatra, Gershwin, Ellington spielen, wie es ihm gerade in den Sinn kommt. Er tippt an seinen schwarzen Hut und geht ein paar Schritte. Natürlich hinten raus.

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