Klicks statt Kniebeugen: In Coronazeiten suchen Kirchen im Internet den Weg zu den Gläubigen

Pfarrer Herbert Aneder allein im Gotteshaus: Wenn er am heutigen Samstag die Osternacht um 20.30 Uhr aus der Pfarrkirche Buchbach überträgt, werden nur der Meßner, ein Lektor und Vertreter aus den vier zu Buchbach gehörenden Pfarreien mitfeiern. Sie sollen das Osterlicht in ihre Kirchen mitnehmen. Honervogt
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Pfarrer Herbert Aneder allein im Gotteshaus: Wenn er am heutigen Samstag die Osternacht um 20.30 Uhr aus der Pfarrkirche Buchbach überträgt, werden nur der Meßner, ein Lektor und Vertreter aus den vier zu Buchbach gehörenden Pfarreien mitfeiern. Sie sollen das Osterlicht in ihre Kirchen mitnehmen. Honervogt

Im Landkreis Mühldorf nutzen Kirchen und kirchliche Gemeinschaften das Internet, um ihre Botschaft zu verkünden. Vor allem rund um Ostern gibt es zahlreiche Angebote. Die Initiatoren sehen die neuen Web-Auftritte als Chance, wissen aber auch um deren Grenzen.

Mühldorf – Der Computerbildschirm zeigt ein eher ungewöhnliches Bild. Vier Menschen verlieren sich weit von einander entfernt im Altarraum einer kleinen Barockkirche. Zwei von ihnen tragen Messgewänder, die Frau, der Mann einen normalen Mantel. Es ist Palmsonntag, Pfarrer Ulrich Bednara eröffnet den Gottesdienst mit dem Kreuzzeichen. Die vier stimmen ein Kirchenlied an.

So sieht ein Gottesdienst in Corona-Zeiten aus, wenn er auf Youtube übertragen wird: Bildschirm-Foto vom Palmsonntag, wo Christine Schmid, die Pfarrer Franz Eisenmann und Ulrich Bednara und Klaus Schex (von links) zusammen Gottesdienst feierten. Schmid und Schex sind die Dekanatsratsvorsitzenden. Mühldorf TV

Gottes Zuspruch kommt in diesen Tagen übers Internet, genauer von Youtube: In der Corona-Krise setzen Kirchen und kirchliche Gemeinschaften auf moderne Kommunikationsmittel. Die katholischen Seelsorger Bednara und Franz Eisenmann haben dazu die kleine Kirche Viktor und St. Corona in Unterzarnham bei Gars ausgewählt, mit ihnen feiern nur die beiden Vorsitzenden der Dekantsräte Christine Schmid und Klaus Schex. Josef Pöllman von Mühldorf TV überträgt die Gottesdienste live auf seinem Youtube-Kanal.

Geistliche Impulse auf Youtube

Seelsorger aller Konfessionen schwärmen plötzlich von Reichweiten und Klickzahlen. Zusammengerechnet sehen sich quer über alle Konfessionen deutlich über 10 000 Menschen in der Region derzeit wöchentliche Gottesdienstübertragungen und geistliche Impulse auf Youtube oder den Internetseiten der Pfarreien und Glaubensgemeinschaften an.

Der katholische Pfarrer Herbert Aneder aus Buchbach gehörte zu den ersten, die das Medium mit der Coronakrise nutzten. Er wird auch am heutigen Samstagabend die Osternachtsfeier live übertragen. „Ich empfinde es als Chance, dass wir jetzt die sozialen Medien für die Verkündigung nutzen“, sagt er. Er ist heute Abend ab 20.30 Uhr zu sehen.

Lesen Sie hier: Alle Infos zu Corona im Landkreis

„Die ersten Gottesdienste waren schon komisch“, gesteht sein Kollege Eisenmann, „es war gewöhnungsbedürftig, denn eigentlich geht es ja um Gemeinschaft.“

Das Fehlen der Gemeinschaft im Gottesdienst beklagen auch Gläubige, wie Gertraud Berghammer aus Neumarkt-St. Veit. Sie leitet in ihrer Gemeinde eine Kommuniongruppe und hat sich den Gottesdienst am vergangenen Sonntag angeschauht. Ihr sechsjähriger Sohn, der das Geschehen mitverfolgte, habe dem Pfarrer, als er später an ihrem Haus vorbeiging, begeistert zugerufen: „Ich hab Dich heute im Fernsehen gesehen!“ Ihr Urteil über die Übertragung: „Wenn ich hingehen könnte, würde ich hingehen – aber es ist ein guter Ersatz.“

Zuspruch auf dem Kanal von Kreisbildungswerk und Stiftung Ecksberg

Auch das Katholische Kreisbildungswerk und die Stiftung Ecksberg gehen alternative Wege. Das Kreisbildungswerk kann keine Kurse mehr anbieten, die Gruppen in der Stiftung Ecksberg isolieren sich weitgehend, sodass Seelsorge kaum mehr stattfindet.

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Auf ihrem Youtube-Kanal „Neuland Ecksberg und Kreisbildungswerk“ bieten die Einrichtungen gemeinsam geistliche Worte zu den Sonn- und Feiertagen an. Dr. Annette Langner-Pitschmann, Geschäftsführerin des Kreisbildungswerks, sagt: „Wir wollen unseren Leuten ein Signal geben, dass wir auch in Corona-Zeiten da sind, dass wir auch in dieser Zeit etwas zu sagen haben.“

Bei allen Zweifeln, die die Geschäftsführerin hat, ob das der angemessene Zugang zu ihrer Klientel ist: Die ersten Zahlen des Youtubekanals sind für eine katholische Einrichtung überraschend, gibt Langner-Pitschmann zu. Mehr als 400 Menschen haben die ersten Beiträge seit Palmsonntag angeschaut. Die Übertragung des Palmsonntagsgottesdienst aus St. Corona sahen sogar mehr als 2000 Zuschauer.

Dreharbeiten am Wegkreuz: Pastoralreferentin Claudia Stadler spricht über den Karfreitag, ihre Kollegin Ann-Kathrin Lenz-Honervogt nimmt die Worte für Youtube auf. Honervogt


Eine Herausforderung ist das fehlende Gegenüber, weiß Claudia Stadler, deren Zuspruch seit Karfreitag auf dem Youtube-Kanal „Neuland“ steht. „Ich spüre bei vielen Telefonaten, dass das auch den Menschen fehlt.“ Zugleich begrüßt sie diese neue Möglichkeit. „Ich freue mich, dass Kirche auch diesen Weg ausprobiert.“

Evangelische Freikirche macht sich Influencer zum Vorbild

Ganz auf das moderne Format hat sich die Evangelische Freikirche eingelassen. Sie vergleicht sich in ihrem Auftritt mit sogenannten Influencern, denen sie nacheifern will. Mitarbeiter sprechen in der „Wohnzimmerkirche“ über ihren Glauben, ihre Erfahrungen oder singen mit den Zuschauern. Jürgen Gramer. Pastor in Mühldorf, war schon dabei, er ist regelrecht euphorisch: „Es ist cool und macht eine Riesenfreude.“ Wie sein katholischer Kollege Eisenmann vermisst auch Gramer den direkten Kontakt, die Gemeinschaft. Im Gegenzug bekommt er unerwartete Reichweite. Bis zu 2000 Klicks habe es auf die Gottesdienstseite gegeben, „wir erreichen vielmehr Menschen, die sonst nie in die Kirche kämen.“ Verantwortlich für die Umsetzung ist ein Digitalteam aus drei jungen Leuten.

Auch in der evangelischen Erlöserkirche in Mühldorf ist Pfarrerin Susann Vogt auf technische Hilfe angewiesen, ein Mitglied ihrer Gemeinde sorgt dafür. Sie spricht von „durchaus positiven Reaktionen“ auf die Übertragungen an jedem Sonntag.

Die Angebote im Internet

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