Kein Autoscooter mit Mundschutz und Abstandsregel: Mühldorfer Volksfest fällt aus

Das ist die letztjährige Volksfestkönigin Carolin Priller auf dem Kettenkarussell. Eine Nachfolgerin wird sie heuer nicht bekommen, denn das Volksfest 2020 ist abgesagt. Damit müssen Tausende Besucher heuer im August und September zu Hause bleiben, Festwirte und Schausteller sich auf hohe Umsatzverluste einstellen. Stuffer
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Das ist die letztjährige Volksfestkönigin Carolin Priller auf dem Kettenkarussell. Eine Nachfolgerin wird sie heuer nicht bekommen, denn das Volksfest 2020 ist abgesagt. Damit müssen Tausende Besucher heuer im August und September zu Hause bleiben, Festwirte und Schausteller sich auf hohe Umsatzverluste einstellen. Stuffer

Die Stadt Mühldorf hat das Volksfest 2020 abgesagt. In einer Mitteilung heißt es, zum Schutz der Bevölkerung könne die Wiesn Ende August und Anfang September nicht stattfinden. Wirte und Schausteller sind entsetzt und zeigen Verständnis.

Mühldorf – Nach der Absage des Oktoberfest war klar: Auch das Mühldorfer Volksfest wird dem Corona-Virus zum Opfer fallen. Das bestätigte die Stadt gestern Mittag auf Anfrage. „Dieser Entschluss ist uns nicht leichtgefallen und uns ist bewusst, dass dies weitreichende und wirtschaftliche Folgen für alle Beteiligten mit sich bringt“, sagte Bürgermeisterin Marianne Zollner. „Aber wir konnten nicht verantworten, eine solche Großveranstaltung durchzuführen.“

Zusammen mit Volksfestmanager Walter Gruber und ihrem Nachfolger Michael Hetzl sei die Entscheidung gefallen. „Obwohl ich natürlich gerne das erste Mal offiziell angezapft hätte, hatte die Entscheidung zum Wohle aller Besucher, für uns absoluten Vorrang“, betonte der künftige Bürgermeister Hetzl.

Vorbereitungen waren schon abgeschlossen

Die Vorbereitungen seien bereits sehr weit, erklärte Organisator Gruber. „Wir haben das diesjährige Traditionsvolksfest komplett fertig geplant und sind seit Wochen mit den Schaustellern, Verkaufsständen und Festwirten in sehr engen Kontakt.“

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Bei den Wirten trifft die Entscheidung auf Verständnis und Enttäuschung. Hammerzeltwirt Holger Nagl sagt: „Das ist ein sehr harter Schlag für mich als Gastronom und Mühldorfer, der seit 30 Jahren auf dem Volksfest ist.“ Für Mühldorfs Weißbräu Wolfgang Unertl ist die Absage „sehr sehr traurig“.

Das Bedauern gilt für den Verlust fröhlicher Wiesentage, aber auch für die wirtschaftlichen Einbußen. So hat zum Beispiel Familie Nagl im letzten Jahr 200000 Euro in den Zeltumbau investiert, Einnahmen wird es heuer keine geben. „Es ist aber klar, dass der Gesundheitsschutz vorgeht.“

Auch für die Brauerei Unertl fällt ein wichtiger Einnahmefaktor aus. Und das in einer Zeit, in der der Umsatz generell um 40 Prozent zurückgegangen ist. „Die Gaststätten stehen alle auf Null, wir haben viel Bier zurückgeholt.“ Unertl ist aber zuversichtlich, dass sein Unternehmen die Absage übersteht: „Wir sind krisenerprobt.“

Denn, das macht Holger Nagl klar, der auch Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands ist, kleine Brauereien und Zeltbetreiber trifft eine solche Absage härter als die Großbetriebe auf dem Münchener Oktoberfest. „Die Münchner Wirte sind doch alle Millionäre, die können das viel eher wegstecken“, sagt er. Ganz anders sähe es bei den Akteuren auf den kleinen und mittleren Festen in der Region aus: Egal ob Schausteller oder Wirt, sie träfen die Absagen hart.

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Die heimischen Festwirte leben derzeit vom Ersparten, wie Manfred Werner betont, der das Spatenzelt beim Mühldorfer Volksfest betreibt. Er hatte alle Planungen für das kommende Fest schon im letzten Herbst abgeschlossen. Jetzt gilt: alles auf Null. „Wir können es aber schon überstehen“, sagt er. Nach vielen Jahren im Festgeschäft „muss man Rücklagen haben“.

Von einer „wahnsinnig existenzbedrohenden Lage für die Schausteller“ spricht Florian Diepold, der mit seinem Autoscooter auf dem Mühldorfer Volksfest steht. Derzeit kümmert er sich darum, die Kosten zu senken, Fahrzeuge abzumelden, Versicherung wenn möglich ruhen zu lassen. Die vier Mitarbeiter, die er für diese Saison bereits eingestellt hatte, sind in Kurzarbeit.

Massive Verluste für Wirte und Schausteller

So negativ sich der Umsatzverlust auf die Betriebe auswirkt, so hoch ist das Verständnis für die Absage durch die Stadt, sagt Weißbräu Unertl. „Die können das ja gar nicht riskieren. Wie hätte das Fest auch durchgeführt werden sollen?“ Und Schausteller Diepold pflichtet bei: „Es ist derzeit undenkbar, ein Volksfest durchzuführen.“

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Das gilt aber nicht nur für diesen Sommer, sondern auch für die nächsten Monate und Jahre, ist Spaten-Wirt Werner überzeugt. Heuer wird es nach seiner Einschätzung keine Feste mehr geben und für die Zukunft ist er skeptisch: „Erst wenn ein Impfstoff oder ein Medikament gefunden sind, können wir wieder an große Feste denken.“

Denn das, betont Autoscooterbetreiber Diepold, ist doch der eigentliche Job der Volksfestmacher: „Menschen Freude bereiten.“ Aber rasante Autoscooterfahrten mit Mundschutz und Abstandsregeln, die könne es ja wohl kaum geben.

Die erste Absage

2020 ist das erste Jahr, in dem das Mühldorfer Volksfest ausfällt. 1865 gab es das erste Fest, das danach mit zum Teil großen Lücken wiederholt wurde; so war das nächste erst 1911. 1939 feierten die Mühldorfer für lange Zeit zum letzten Mal, erst 1951 ging es nach dem Krieg weiter. Seitdem gibt es jedes Jahre ein Volksfest – bis ins Jahr 2019. 2020 fällt es aus.

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