Es kaufen zu wenige ein: Erneut schließt ein Geschäft am Mühldorfer Stadtplatz

Ein letztes, trauriges Lächeln:Martina Holbl sperrt ihren Obst- und Gemüseladen zu. honervogt

Das Jahr 2019 war für die Mühldorfer Innenstadt ein Schreckensjahr: Mit K&L verabschiedete sich ein Kundenmagnet, das Kaufhaus Schmederer durchläuft eine Insolvenz in Eigenverwaltung, auch das Traditionsgeschäft Knappe schließt. Am Samstag ist nun auch beim „Obst- und Gemüseladen Holbl“ Schluss. Inhaberin Martina Holbl nennt mehrere Gründe für das Aus.

Von Markus Honervogt

Mühldorf – Natürlich geht es auch um Bananen und Wein, um Suppe und Käse. Vor allem aber geht es um Abschied. Die Sätze, die fallen, sind die immer gleichen: „Wie traurig, schade, ach, das tut mir aber leid.“ Das sagen nicht nur die Kunden im Gemüsegeschäft auf dem Mühldorfer Stadtplatz. Das sagt auch Inhaberin Martina Holbl. Sie ist sichtlich gerührt von der Anteilnahme von dem ehrlichen Bedauern.

Ihr stehen Tränen in den Augen, im Kopf weiß sie aber auch, dass sie ihr Geschäft nicht weiterführen kann. Schon am morgigen Samstag sperrt sie zum letzten Mal auf. Die Renovierung des historischen Hauses am Stadtplatz 6 in Mühldorf, die Parkplatzsituation, der starke Rückgang der Laufkundschaft: „Es rentiert sich nicht mehr“, konstatiert sie nüchtern.

Es schätzen die Alten, die Jungen nicht

Vor dreieinhalb Jahren übernahm sie das Geschäft, das damals Gemüse Barth hieß und in dem Kunden seit 20 Jahren Tomaten und Avocados kaufen können. Hochwertig, teurer als im Supermarkt, dafür individuell ausgewählt, in einem besonderen Flair, mit Bedienung und Beratung. Feinkost könnte über dem Geschäft stehen, der schlicht „Obst- und Gemüseladen Holbl“ heißt. „Die Alten schätzen das“, sagt Holbl, „die Jungen nicht.“ Um die Hälfte sei die Laufkundschaft in den letzten eineinhalb Jahren zurückgegangen. „Es kaufen einfach zu wenige ein.“

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An diesem Vormittag kommen nicht nur Kunden ins Geschäft. Eine Frau stoppt abrupt, als sie das Schild mit der bevorstehenden Schließung sieht. Sie kommt rein. Sie ist Lebensmittelkontrolleurin, heute privat unterwegs und von der Schließung völlig überrascht. „Es ist ein sehr schönes Geschäft“, sagt sie. Und: „Das ist aber schade“ und „vielleicht sieht man sich wieder“.

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Das mag Martina Holbl nicht ausschließen. „Es wird schon weiter gehen“, sagte die 48-Jährige, die in der Nähe von Dorfen lebt, konkrete Pläne hat sie noch nicht. Ein kleineres Geschäft mit kleinen Speisen zu Mittag, das könne sie sich vorstellen. So wie die Salate, die sie derzeit anbietet oder die Suppe, die ein junger Vater mit seinem Baby auf dem Arm kauft. Für die Mama, wenn es heim zum Stillen geht. Wo er künftig einkauft? Er zuckt die Schultern und nimmt noch ein paar Flaschen Wein mit.

Lebensmittel sind in der Altstadt nur schwer erhältlich. Der Norma-Supermarkt am Hallenbadparkplatz und der Obst- und Gemüseladen sind die letzten, dazu kommen noch zwei Metzgereien und zwei Bäckereien. Anwohner fürchten, dass auch der Norma schließt, dem Unternehmen ist die Verkaufsfläche längst zu klein.

Bürgermeisterin Marianne Zollner spricht von „guten Gesprächen“ mit dem Unternehmen, dass bereit sei, den Supermarkt weiter zu betreiben, wenn er in absehbarer Zeit erweitert werden könne. Die Stadt wolle alles tun, um dies in den nächsten Jahren zu ermöglichen.

Ein Schreckensjahr für die Innenstadt

2019 war für die Innenstadt ein Schreckensjahr, in der es nach Schätzung der Einzelhändler über 120 Geschäfte gibt. Mit K&L schloss ein Kundenmagnet. Schmederer das zweite große Kaufhaus,,bleibt geöffnet, durchläuft aber ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Die kleineren Läden Tally Weijl und First Floor gab Inhaber Christian Rädeke auf. Wenn Mode Hell im Frühjahr in das Gebäude des ehemaligen K&L zieht, schließen gleichzeitig Hell Blue und Hell Black. Und mit einem echten Paukenschlag kündigte Knappe vor wenigen Wochen das Ende des Traditionsgeschäft an.

Dazu kommt einmal mehr ein Strukturwandel. Waren es vor Jahren Schuhgeschäfte, später Mobilfunkanbieter, die den Stadtplatz prägten, ziehen heute „Barber-Shop“- genannte Herrenfriseure ein oder Nagelstudios. Geschäfte, die keine Konkurrenz im Internet und nur selten auf der Grünen Wiese fürchten müssen. Im Fall des Obst- und Gemüseladens sind die starken Mitbewerber vor allem die Supermärkte, die einem Innenstadt-Händler das Leben schwer machen.

Parken als Grundproblem

Dazu kommen lokale Probleme, die zuletzt der Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft Michael Hetzl scharf kritisiert hat. An der Spitze: die Parkplatzsituation. Die bemängelt auch Gemüseverkäuferin Holbl. Die Kunden wollten direkt vor dem Geschäft parken, sagt sie. Dort gibt es aber gar keine Stellplätze. Wer dann schwere Taschen voller Kartoffeln oder Äpfel wegschleppen müsse, überlege sich natürlich, beim nächsten Mal in den Supermarkt zu fahren. Die Stadt will in den kommenden Jahren mit zwei zusätzlichen Parkhäusern am Krankenhaus und auf dem Sümö-Gelände Abhilfe schaffen.

Wieder öffnet sich die Tür zum Obst- und Gemüseladen, wieder ein Stammkunde. Parmaschinken, Käse, ein Kohlkopf. „Sie waren ein treuer Kunde“, sagt Holbl zum Abschied. Und als er gegangen ist: „Ein bisschen ein schlechtes Gewissen habe ich schon.“

Einzelhandelsumsatz in Zahlen

Der Einzelhandelsatz in Mühldorf ist in den vergangenen acht Jahren von 237 auf 271 Millionen Euro gestiegen. Allerdings enthalten die Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) nicht nur die Umsatzzahlen für die Innenstadt, sondern für den ganzen Stadtbereich.

Alle Zahlen: Der Wirtschaftsstandort Mühldorf

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