Jetzt startet Marlies durch

Alles im Griff: Marlies beim Trainieren im Fitness-Studio. Mit zehn Jahren hatte die heute 22-jährige Frau eine schwere Hirnblutung erlitten. Vor Kurzem hat sie in Aschau endlich eine WG gefunden. simeth

Aschau/Samerberg – Selbstbestimmtheit ist eine wunderbare Sache.

Deshalb wird Marlies (22) den Herbst 2019 so schnell nicht vergessen. Neuer Freund, neue Wohnung, neue Arbeit: So könnte man es grob auf einen Nenner bringen. Die junge Frau vom Samerberg startet also so richtig durch.

Und das ist alles andere als selbstverständlich. Denn Marlies muss mit einem Schicksalsschlag zurechtkommen, der ihr Leben von heute auf morgen auf den Kopf gestellt hat. Das war im April 2008. Ihre Eltern werden die Nacht nie vergessen. Plötzlich steht das Mädchen im Flur, hält sich den Kopf, schreit vor Schmerzen: eine Hirnblutung, mit zehn Jahren – unfassbar.

Vier Monate im Wachkoma

Marlies wäre fast daran gestorben. In der Schön-Klinik Vogtareuth kämpfen die Ärzte stundenlang um ihr Leben – mit Erfolg. Aber nach der Notoperation liegt Marlies vier Monate im Wachkoma, regungslos und unansprechbar – eine schlimme Zeit des Wartens, Bangens und Hoffens für ihre Familie. „Marlies hat auf nichts reagiert und mit offenen Augen ins Leere geblickt“, erinnert sich Agnes Heibler, ihre Mutter.

Aber dann, bei der Morgenvisite, als der Arzt sie dazu auffordert, schließt Marlies auf einmal die Augen. Es ist wie eine Neugeburt. Die grüne Wiese und das helle Licht in der Ferne, von dem Menschen nach Nahtoderfahrungen berichten – Marlies hat beides gesehen.

Aber sie kehrt wieder um. Mit viel Entschlossenheit kämpft sich das tapfere Mädchen vom Samerberg zurück ins alte Leben. Nach acht Monaten in der Klinik geht es endlich nach Hause. Sprechen, Beine und Arme bewegen: Marlies muss alles neu lernen – ein Kraftakt für alle, auch ihre Familie.

Aber es lohnt sich. Marlies wächst zu einer weitgehend selbstständigen jungen Frau heran, die sich so wenig wie nur möglich abnehmen lassen will. Sie versteht alles, spricht fließend, hat viele Interessen. Nur das Gleichgewicht kann sie nicht halten. Deshalb braucht Marlies beim Gehen ein Wagerl, einen „Posterior Walker“.

Mit 18 wird Marlies erstmals „flügge“. Das Mädchen wohnt zeitweise im Internat in München-Giesing, weil es im ICP-Förderzentrum (ICP steht für infantile Cerebralparese) am Luise-Kiesselbach-Platz lernt. Ende 2016, als die OVB-Heimatzeitungen über ihr außergewöhnliches Leben berichten, formuliert Agnes klar ihre Wünsche für die Zukunft: „Eine Arbeitsstelle finden, eine WG und einen Freund – den Richtigen.“

Es dauert drei Jahre, bis die drei Wünsche in Erfüllung gehen. Doch ohne den Verein Benedetto-Menni-Nest in Aschau und die Wendelstein-Werkstätten in Rosenheim und Raubling wäre die 22-Jährige wohl heute noch auf Job- und Wohnungssuche.

Der Aschauer Verein ist aus einer Initiative von Eltern hervorgegangen, deren Kinder Hilfebedarf haben. Weil barrierefreie Wohnungen auch im Chiemgau an allen Ecken und Enden fehlen, stemmt der Benedetto-Menni-Nest e.V. nun ein gewaltiges Projekt. Er baute ein Haus für zwei spezielle Wohngemeinschaften. Der Vereinsvorsitzende Dietmar Klemens hat dafür quasi seinen Garten und seine Altersvorsorge geopfert. Im September sind sechs junge Menschen mit Beeinträchtigung in die WG im Parterre eingezogen: vier junge Frauen im Alter von 21 bis 26 Jahren und zwei Männer (je 23). Eine der „Nestbewohnerinnen“ ist Marlies. Dem Aschauer WG-Modell und einem zweiten Wohnprojekt des Katholischen Jugendsozialwerks in Rosenheim ist heuer die Weihnachtsaktion „OVB-Leser zeigen Herz“ gewidmet. Damit schließt sich der Kreis. Denn zuvor hatte die OVB-Aktion schon den künftigen Arbeitgeber von Marlies – die Wendelstein-Werkstätten – und die „Rosenheimer Aktion für das Leben“ unterstützt, die unter anderem Marlies‘ Spezialfahrrad mitfinanziert hatte.

In den Wendelstein-Werkstätten macht Marlies seit fast zwei Jahren ihre Ausbildung. Dabei hat sie Hermann kennengelernt, ihren Freund. Ein halbes Jahr sind sie schon zusammen. Der Rosenheimer hat Marlies schon ein paarmal besucht in Aschau. Dort genießt die unternehmungslustige 22-Jährige, die jede Woche im Fitness-Studio trainiert, die neue Freiheit. Sie holt ihren Freund vom Bahnhof ab, geht zur Eisdiele, zum Metzger oder zum Maloja-Shop.

Für Hermann hat sie heute keine Zeit. Mit der Mama geht es zu den Munich Indoors, einem großen Reitturnier. Und es bleibt spannend: Auf den Neubürgerempfang in Aschau freut sich Marlies schon. Natürlich geht sie da hin. Dann kommt der erste offizielle Arbeitstag in der Wäscherei der Wendelstein-Werkstätten in Raubling.

Und wie läuft‘s im WG-Nest? Das ist eine eigene Geschichte. Fortsetzung folgt.

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