„Verkorkste Weihnachten“

Jettenbacher Autorin Annemarie Köllerer: Ein Weihnachtsbuch zum Abschied

Annemarie Köllerer zu Hause mit einem Buch.
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Annemarie Köllerer zu Hause mit einem Buch.
  • Moritz Kircher
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Mit ihrem Weihnachtsbuch „Verkorkste Weihnachten“, verabschiedet sich die Jettenbacherin Annemarie Köllerer nach fast 30 Jahren als Autorin in den Ruhestand.

Jettenbach – Sie hat in dieser Zeit vor allem für die Verlagsanstalt Bayerland in Dachau gearbeitet. Sie hat 13 Bücher verfasst, neuerdings auch E-Books, dazu viele Geschichten. Köllerer hat auch für den Münchner Merkur geschrieben und im Wendelsteinkalender veröffentlicht. Dazu kamen Lesungen im Bayerischen Rundfunk. Mit der jetzt vorgelegten Sammlung von Weihnachtsgeschichten und Gedichten will sie vor allem eins: Freude bereiten. „Mein Buch ist als kleine humorvolle Ablenkung für die belastende Zeit gedacht, in der wir derzeit alle leben müssen“, sagt sie.

Um das Bändchen mit fröhlichen Weihnachtsgeschichten zu füllen, hat sie sich Verstärkung aus dem Kreis von Mitautoren gesucht. Die Heimatzeitung veröffentlicht auch ein Gedicht von Helmut Eckl, bayerischer Autor und Münchner Turmschreiber.

Verkorkste Weihnachten ist erschienen im Verlag Bayernland.

Der Erzengel Michael

Von Annemarie Köllerer

„So, das hätten wir, Kinder, jetzt sind alle Rol­len des Weihnachtsspieles besetzt. Pause!“, sagte Lehrer Hampel.

„Massl ghabt“, dachte Michi, ein bayerischer Lausbub, und ihm fiel ein Zentnerstein vom Her­zen. „Wenn i mi da vorn auf da Bühne histelln müaßert, naa, i daat koa oanzigs Wort rausbringa, oder... kannt glei sei aa, i kriagert an Lachkrampf«, flüsterte er seinem Nachbarn zu. „Halt, Kinder ... dageblieben!“, hielt der Lehrer seine Schüler zurück. „Ich brauche noch einen Buben für die Rolle des Erzengels Michael. Keine Angst, dieser Engel muss nur einige Minuten mucksmäuschenstill dastehen, als wäre er eine Statue. Wen nehm ich denn da?“  Suchend blickte er die Buben der Reihe nach an. Der Michi machte sich so klein wie möglich, schaute teilnahmslos auf seine Fußspitzen, als ginge ihn das Ganze nichts an.

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„Hm ... den Erzengel Michael? Ja, Michi, du ... dein Namenspatron! Natürlich, du bekommst diese ehrenvolle Aufgabe! Und außerdem bist du der größte Zappelphilipp in der ganzen Klasse, da kannst du mal das Stillstehen üben“, meinte Leher Hampel und entließ die Kinder endlich in die langersehnte Pause.

„Pfui Deife! Minutenlang stad histelln, naa, des hoit i ned aus“, sinnierte der Bub. »Und über­haupt,

i ois Erzengel, so was Lächerlichs, womög­lich no mit Flügel. I schaam mi z‘ Tod. Und meine Fuaßballspezl erst, de lachan se ja kaputt, wenn de des erfahrn“, jammerte er jetzt laut vor sich hin. Aber es half alles nichts. Seine Mutter nähte ihm ein prachtvolles Gewand. Einen blauen Spen­zer mit goldenen Borten, ein glänzendes weißes Hemd mit passender Hose. „Aber Flügel mag i fei koane“, schimpfte Michi. „Geh Bua, a Engel ohne Flügl is wiara ... wiara Nikolaus ohne Bart“, belehrte ihn seine Oma. „Dafür kriagst a echtes Schwert, Michi, i hab oans irgendwo am Speicher drobn“, beruhigte ihn jetzt der Opa. Das Engelskostüm war bald fertig, und als sich Michi damit im Spiegel sah, wurde ihm sonderbar zumute. Er sah so prächtig aus, dass er sich wie ein himmlischer Bote fühlte. „Toi, toi, toi und ruhig Blut, Bub“, raunte ihm Lehrer Hampel vor seinem Auftritt leise zu und zeigte ihm seinen Platz auf der Bühne. „Hier, Michi, nimm noch die Kerze in die Hand, das macht sich bestimmt gut. Und still stehen ... denk daran, du bist eine Statue!“, betonte der Lehrer noch.

So stand Michi nun da, in der rechten Hand hielt er stolz das Flammenschwert des Erzengels Michael und in der linken Hand die brennende Kerze. Schon klingelte es dreimal, und der Vorhang schwebte leise nach oben. Krampfhaft versuchte der Bub, sich nicht zu bewegen. In Gedanken zählte er die Sekunden. Sein linker Arm wurde schwerer und schwerer. „ ... hundertfünfazwanzge, hundertsechsazwanzge, jetz konn i nimmer“, dachte Michi, und die Kerze schwankte verdächtig hin und her. Gleich darauf spürte er einen brennen­den Schmerz auf seinem Handrücken und dann auf seinen nackten Zehen. Die Kerze fing an zu tropfen, und das heiße Wachs brannte wie Feuer. „Auuu“, schrie er auf, sodass ihn die heilige Maria, die mitten auf der Bühne stand, erschrocken anschaute.

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„Pst ...“, hörte der Bub Lehrer Hampels Stimme. Michi biss die Zähne zusammen. Es war die Hölle. Doch ein Unglück kommt selten allein. Plötzlich kitzelte es ihn kräftig in der Nase, sodass er beim besten Willen ein Niesen nicht mehr unterdrücken konnte. Gerade als Lehrer Hampel die Worte: „Der Engel des Herrn sprach zu Maria ...“ las, tönte es „Ha, ha, hatschi“ vom Erzengel Michael her und die brennende Kerze erlosch.

Ein lautes Lachen und ein Klatschen der Zuschauer belohnte diese Extraeinlage. Der Michi fühlte sich die letzten Minuten seines Auftrittes tatsächlich wie im Himmel.

Heiligomd

Von Helmut Eckl

16 Uhr

Da Vadda schlaft im

Untahemad auf da Wohnzimmacouch.

Dee drei Kinda spuin

im Kindazimmer „Activity“.

D Muadda würzt

in da Küch d´ Weihnachtsgans

und singt „Jingle bells“.

Da Dackl sitzt im Gang vor da Tür und müaßat naus. Am Balkon steht a nackate Nordmanntanna.

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17 Uhr

Da Vadda hod ausgschlaffa,

schenkt se a Weißbier ei

und schaugt ganz lang

sein Feind, dee Nordmanntanna, o.

D Kinda streitn.

D Muadda schiabt d Gans in Ofa nei,

summt „I‘m dreaming of a White Christmas“.

Da Dackl klemmt an

Schwanz zwischn de Hintahaxn.

18 Uhr

Da Christbaum steht.

Da Vadda vapflastat an rechtn Dauma.

D Muadda fotzt de Kinda

auf de gräane Wiesn vorm Haus.

Gansduft schleicht aus da Küch.

D Muadda geht duschn.

Da Dackl winslt aus

da Besnkamma.

Da Vadda schenkt se a Weißbier ei.

D Oma ruaft o. Koana geht hi.

18.15 Uhr

Da Vadda grantlt Elektrokerzn und Christbaumkugln an de Nordmanntanna hi.

D Muadda tipplt im Bademantl

umanand und moant, dass

da Baum schiaf steh daad.

Da Vadda vadraht d Augn und

da Dackl in da Besnkamma aa.

D Kinda stenga voa Dreeg.

Da Große kriagt vom Vadda

an antiautoritärn Anschiss

und gibt´n mit am Tritt an

seine kloane Brüada weida.

Da Vadda platziert ois

ehemaliger 68er

den Christbaum links vom Fernseher.

18.30 Uhr

Da Vadda wui se net rasiern.

D Muadda findt koa Kleidl.

D Kinda plärrn zu dritt

im Bodwandl,

da Dackl in da Besnkamma.

Gansduft schleicht aus

da Küch.

D Muadda rieht im Bademantl

d Weihnachtspackln unta den

schiafn Christbaum.

Da Vadda hod Durst.

18.45 Uhr

Da Dackl springt an d Besnkammatür. Da Radio spuit „O Tannenbaum“. Da Vadda hockt unrasiert im Untahemad im Gansbratnduft. D Kinda valanga nach dee Gschenka. D Muadda wünscht se an andan Mo.

19 Uhr

D Muadda hod a Kleidl gfundn,

Da Vadda sei oids Anglahemad,

im Radio spuit „Oh du fröhliche ...“.

D Muadda leit a Glöckerl.

Drei Buam stürma ins Wohnzimma.

Da Dackl werd erlöst und stürmt aa,

daspecht an Christbaum

und brunzt´n o.

Gansbratnduft liegt af am

friedlichen Weihnachstfest im

siebten Stock von am Münchner Hochaus.

PS:

De Gans gibt s erst am 1. Weihnachtsfeierdog.

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