Vor 75 Jahren: Rudi Siglreitmeier erinnert sich an die Bombardierung Mühldorfs

Eine Erinnerung,die auch nach 75 Jahren kaum verblasst: Rudi Siglreitmeier erzählt in seinem Wintergarten in Gerzen von der Bombardierung Mühldorfs. Rath

Der 19. März 1945 war einer der schlimmsten in der langen Geschichte Mühldorfs. Denn an diesem Josefi-Tag vor 75 Jahren griffen amerikanische und britische Bomber die Stadt an. Sie legten das Bahnhofsviertel in Schutt und Asche und töteten 129 Menschen.

Mühldorf – Es gibt nicht mehr viele Menschen, die die Mühldorfer Bombennacht vor 75 Jahren erlebt haben. Rudolf Siglreitmeier, geboren am 12. Januar 1940, erlebte den Josefitag 1945 im Eichfeld in Mühldorf, wo er im „Langen Haus“ lebte.

Der fünfjährige Rudi war ein richtiger Lausbub, mit seinen Spezln spielte er oft ander Tannenbrücke. Dort führte die Bahnstrecke Mühldorf – Freilassing vorbei, auf der Güterzüge, voll beladen mit Kampfpanzern in Richtung Ostfront rollten. Später kamen Sanitätszüge aus der Gegenrichtung, voller Kriegsverwundeter, die zweistöckig in den Waggons untergebracht waren, Verletzte lagen auch in den Gepäcknetzen. Rudi erinnert sich noch an das Stöhnen und die Krankenschwestern, die die Versehrten pflegten. „Als Fünfjähriger war ich total erstaunt, so etwas zu sehen“, erinnert er sich.

Die Bomber kamen an einem Montag

Der Einmarsch der Amerikaner stand unmittelbar bevor, der „Volkssturm“ übte im Eichfeld den Häuserkampf. Rudi und seine Freunde schauten beim Üben zu, bis sie vertrieben wurden. Dann kam der 19. März 1945, ein Montag. 

Der kleine Rudi im Winter 1944/45.

Siglreitmeier war wie so oft mit seinen Freunden und seiner Mutter unterwegs, als gegen 11.30 Uhr die Sirenen den Luftangriff britischer und amerikanischer Bomber ankündigten. Die Buben versteckten sich im nahe gelegenen Wald. „Ich hatte keine Angst, meine Mutter war ja dabei“, erzählt Siglreitmeier. „Wir waren im Wald unterwegs und mussten uns deshalb dort verstecken.“

Kampfflugzeuge über Mühldorf

Zehn Minuten später waren die Flugzeuge über Mühldorf. Schwärme von Kampfflugzeugen luden ihre Bombenladungen über dem Bahnhof ab. Auch Flugblätter wurden abgeworfen. Insgesamt waren es etwa 700 Flugzeuge, darunter 250 B-17-Bomber, sogenannte Flying Fortresses, also Fliegende Festungen, Mustangs und Lightnings. 

6000 Bomben wurden abgeworfen, davon 3500 allein auf den Bahnhof. Dabei wurden 2000 Waggons ganz oder teilweise zerstört. Weitere Bomben fielen auf den Schwaigerkeller und die Weißgerbergasse.

Mühldorfer Bahnhof fast vollständig zerstört

Als die Flieger weg waren, kamen die Buben vorsichtig wieder aus dem Wald, sie waren unversehrt. Was sie aber sahen, erschreckte sie zutiefst. Viele Häuser in Bahnhofsnähe waren zerstört, später sollten sie erfahren, dass 129 Menschen gestorben waren. Rudi und seine Mutter besichtigten später den zerstörten Bahnhof, viele zerbombte Gleise ragten in den Himmel.

Sie erfuhren von einer Familie, die nach dem Sirenengeheul den Luftschutzkeller aufgesucht und das eben begonnene Abendessen auf dem Tisch hatte stehen lassen. „Der Keller wurde von einer Bombe getroffen, die Familie kam ums Leben, das Essen im Ersten Stock stand unberührt da.“

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Auch die gegenüberliegende Walzmühle war getroffen worden. Siglreitmeier erlebte, dass unmittelbar nach Ende der Bombardierung Menschen mit Leiterwagen zur Mühle fuhren, um sich mit Mehl zu versorgen. „Andere bedienten sich am zerstörten Bahnhof mit Kohlen aus getroffenen Güterwaggons“, erzählt er. Am 20. April 1945, zweieinhalb Wochen vor Kriegsende, wurde ein zweiter Angriff auf Mühldorf geflogen. Dieses Mal kam die Kreisstadt glimpflicher davon, dennoch waren 15 Todesopfer zu beklagen.

Leiden ja, hungern nein

So sehr der Krieg die Kinder in Mühldorf auch quälte, hungern musste er nie. „Es gab immer etwas zu essen, einfache, aber nahrhafte Speisen aus Kartoffeln, Nudeln und Eiern. Fleisch gab es selten.“

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Der kleine Rudi wollte Priester werden, der kürzlich verstorbene Pfarrer Josef Maier war ein Idol. Daraus wurde aber nichts, ach der Bundeswehr wurde er Lehrer und leitete schließlich die Volksschule Gerzen bei Vilsbiburg als Rektor. Mit seiner aus Franken stammenden Frau hat er vier Töchter, auf seine Enkelkinder ist er sehr stolz.

6000 Bomben fallen auf Mühldorf

Heute vor 75 Jahren wurde die Stadt Mühldorf Ziel eines amerikanischen Bombenangriffs. Ein Zweiter sollte am 20. April 1945 folgen. Die Bomber brachten Tod, Zerstörung und großes Leid. Die Stadt Mühldorf gedenkt heute dieses Angriffs und der Toten. Montag, 19. März 1945: Gegen 11.40 Uhr fliegen die amerikanischen Flugstreitkräfte einen Großangriff auf Mühldorf.

250 B-17-Bomber, so genannte Flying Fortress (Fliegende Festungen), Mustangs und Lightnings waren daran beteiligt, insgesamt 700 Flugzeuge. Gestartet waren die Verbände im Süden Italiens. Sie flogen in großer Höhe mit weithin sichtbaren Kondensstreifen in Richtung Ecksberg. Dort schwenkten sie nach Osten und begannen, den Bahnhof zu bombardieren. 6000 Bomben gingen auf Mühldorf nieder, 3500 allein auf das Bahnhofsgelände. Mühldorf war als strategisches Ziel interessant, weil die Stadt Eisenbahnknotenpunkt war.

Als der Angriff gegen 14 Uhr beendet war, wurde das Ausmaß der Schäden im ganzen Umfang deutlich.


129 Menschen starben. 2000 Waggons auf den Gleisen des Verschiebebahnhofs wurden ganz oder teilweise zerstört. Sämtliche Güterabfertigungshallen und Betriebsgebäude wurden durch Volltreffer schwer beschädigt. Da ein leichter West-Nordwest-Wind herrschte, wurden die Rauchschwaden in Richtung Stadt getrieben. Die nachfolgenden Bomberverbände ließen sich davon täuschen und setzten den Schwerpunkt ihres Bombardements auf das Gelände westlich der Sedanstraße. Weitere Bomben fielen auf die Innauen südlich von Mühldorf sowie auf eine Reihe von Gebäuden in der Stadt; unter anderem auf die Gaststätte „Schwaigerkeller“, auf die Mädchenschule und auf Gebäude in der Weißgerbergasse sowie am Kirchenplatz. Als besonders tragisch erwies sich ein Treffer des damaligen Gebäudes der Kreissparkasse am Bahnhoffußweg. 22 Menschen, die sich im Luftschutzkeller in Sicherheit gebracht zu haben glaubten, starben.

Wesentlich glimpflicher verlief der zweite Fliegerangriff auf Mühldorf am 20. April 1945. Als die Luftstreitkräfte um 13.30 Uhr mit ihrem Bombardement begannen, gingen lediglich Streuwürfe auf die Stadt nieder. Allerdings richteten diese am Stadtplatz erheblichen Schaden an. Total zerstört wurde das Wenninger-Haus (ehemals Metzgerei Hutter). Von den 15 Getöteten hielten sich viele dort auf. Darunter auch der städtische Angestellte Max Knab. Er befand sich vom Kriegsdienst auf Heimaturlaub und wurde Opfer der Bombardierung. Auch die Familie Wenninger starb. Außerdem wurden neun Inhaftierte des KZ-Außenlagers im Mühldorfer Hart getötet, die für Bergungsarbeiten in Mühldorf eingesetzt waren. Schäden entstanden in der Kaiser-Ludwig- und Töginger Straße sowie an Gebäuden bei Annabrunn und Flossing. Vier weitere Mühldorfer starben bei einer Blindgängerexplosion.


Beide Angriffe kosteten 144 Menschen das Leben. 300 Menschen wurden verletzt und in den Krankenhäusern Mühldorf, Altötting und im Lazarett der Organisation Todt (OT) in Schwindegg behandelt. Die Baugruppe OT war im Landkreis unter anderem zum Bau der Flugzeugfabrik im Mühldorfer Hart eingesetzt. 328900 Quadratmeter Gleisanlagen wurden auf dem Bahnhofsgelände zerstört. 50000 Kubikmeter Schutt blockierten die Straßen der Stadt. Die Wasserleitung der Stadt war an 2000 Stellen unterbrochen. 8000 Meter elektrische Leitungen waren zerstört. Von der Kanalisation waren 623 Meter aufgerissen und vernichtet. 40 Prozent des Gesamtwohnraums der Stadt Mühldorf wurden zerstört, 1200 Menschen waren nach diesem Angriff obdachlos. Für die Rettungsarbeiten waren 1000 Personen eingesetzt. Davon waren 400 Menschen von einer Spezialrettungsmannschaft aus München und 600 Personen aus dem OT-Lager.

„Wir haben das Inferno überlebt“

Helga Stahlhofer, geborene Danninger, lebte vor 75 Jahren mit ihrer Familie in einem Betriebshaus der Firma Walzmühle in der Mühlenstraße. „Nach dem 19. März 1945 war für mich die Kindheit zu Ende“, erinnert sich Helga Stahlhofer, die damals elf Jahre alt war.

„Als Fliegeralarm gegeben wurde, sind mein Vater, meine Mutter, und meine Schwester und ich, in ein Silo der Walzmühle geklettert. Wir hörten zwar den Einschlag der Bomben, doch mehr war in unserem Versteck nicht zu vernehmen“, berichtet Helga Stahlhofer. Als es scheinbar eine Pause bei der Bombardierung gab, stieg der Vater aus dem Silo und schaute nach, ob das Haus noch stehen würde. Es stand noch. Doch der Angriff ging weiter.

„Als es nach rund zwei Stunden vorbei war, habe ich das Bahnhofsviertel nicht mehr gekannt. Überall Trümmer, Krater, geborstene Mauern, verbogene Eisenteile und das Schlimmste: An den Bäumen hingen Körperteile von Menschen, die grauenvoll umgekommen waren“, erinnert sich Helga Stahlhofer. Dann stellte die Familie fest, dass auch ihr Haus komplett zerstört wurde, ebenso wie das Nachbarhaus. „Dort wohnte s ein leitender Angestellter der Walzmühle mit seiner Familie. Das Haus hatte drei Volltreffer abbekommen, und die Familie, die im eigenen Bunker ausharrte, kam ums Leben.“

Helga Stahlhofer und ihre Familie hatten nur noch die Kleidung, die sie am Leib trugen. Sie wurden bei einem Bauern in Mörmosen als totalfliegergeschädigt einquartiert. „Willkommen waren wir nicht“, sagt sie. Der erste Angriff habe zu weiteren Aufregungen innerhalb der Familie geführt. „Mein Bruder Heinz Danninger war Soldat und wollte uns in Mühldorf besuchen, als ihm erklärt wurde, dass Mühldorf angegriffen wurde und im Bahnhofsviertel niemand überlebt hätte. Er war sichtlich froh, als er uns wieder in die Arme schließen konnte.“ Bei diesem Angriff wurde der Altöttinger Stiftsorganist Josef Airainer getötet, ein Bekannter der Familie. Er wollte am Bahnhof Mühldorf, von Neumarkt kommend, in den Zug nach Altötting umsteigen und wurde dabei zum Opfer einer Bombe.

„Wir haben trotz unseres Verlustes Glück gehabt, denn wir hatten keine Toten zu beklagen. Vergessen habe ich diese Bombardierung bis heute nicht. Ich bin froh, dass ich so etwas nicht mehr erleben musste.“

Vom Haus blieb nur ein Krater übrig

Erinnerungen an den 19. März 1945 von dem verstorbenen Kripo-Hauptkommissar Josef Bauer, der den Angriff auf die Kreisstadt als Neunjähriger erlebte: „Der 19. März 1945 begann als sonniger Vorfrühlingstag. Ich ging damals in die dritte Klasse und befand mich vormittags in der Schule. Weil die Schulhäuser von der Wehrmacht beschlagnahmt waren, fand der Unterricht im Nebenzimmer der Gasthäuser und anderen Räumlichkeiten statt.

Wie damals täglich üblich, wurde lange vor dem Vor- und Hauptfliegeralarm in den Klassen die Lesung ,Luftgefahr 20‘ ausgegeben. Das bedeutete, dass die Schüler nach Hause geschickt oder von der Lehrkraft in den nächsten Luftschutzkeller geführt wurden. Der Rest meiner Klasse wurde in den sogenannten „Daxenberger Keller“, einen alten Bierkeller unterhalb vom Altmühldorfer Weg, verbracht.


Unter den feuchten und muffigen Ziegelgewölben bekamen wir den Anflug der amerikanischen Bombenverbände auf unsere Stadt kurz vor Mittag nicht mit. Als dann aber der Bombenhagel einsetzte, kam es im Luftschutzkeller zu chaotischen und dramatischen Szenen.

Der Luftschutzwart gab laut rufend Anweisung, dass wir uns auf den Boden legen sollen. Das Kellergewölbe begann zu beben, Fugenmörtel rieselte auf uns hernieder und Kleinkinder begannen zu schreien. Einige Frauen beteten laut das Vaterunser.

Vom Lüftungsschacht herabfallende Mauerbrocken verletzten einen älteren Mann. Der Gebete der Frauen wurden immer wieder durch nahe Bombeneinschläge unterbrochen. Apathisch lagen wir auf den Holzrosten und hatten panische Todesangst. Die Zeit schien endlos, bis nach ungezählten Angriffswellen der Luftschutzwart das Abdrehen des letzten Bomberverbandes meldete und Entwarnung verkündete. Verängstigt und unsicher verließ ich mit einigen Klassenkameraden den Luftschutzkeller. Beeindruckt von den gewaltigen Gebäudeschäden, die wir bis dahin noch nie gesehen hatten, bahnten wir uns mühsam über Bombentrichter geborstenen Mauerwerk, querliegenden Telefonmasten und Leitungsdrähten den Weg zur Münchener Straße. Die Wohnhäuser dort sowie an der Beethoven-, Schiller- und Mozartstraße waren ausnahmslos zerstört. Einige brannten lichterloh.

Meine Familie bewohnte damals ein bahneigenes Haus an der Richard-Wagner-Straße nahe des Baywa-Lagerhauses. Als ich dort verdreckt mit dem Schulranzen auf dem Buckel ankam, standen Mutter und Schwester in einem riesigen Bombentrichter und suchten nach noch brauchbarer Familiehabe. Beide hatten den Bombenhagel im Keller des schwer beschädigten Lagerhausen überstanden und der Vater als Eisenbahner überlebte im Keller des Stellwerkes MfO an der Mößlinger Bahnüberführung. Vom Haus war so gut wie nichts mehr übrig geblieben. Einige Tage später bestätigte uns die Kreisleitung, dass wir „total fliegergeschädigt“ waren. Diese Bescheinigung war ihr Papier nicht wert, denn kaufen konnte man sich dafür gar nichts. Trotz des totalen materiellen Verlustes waren wir heilfroh, dass die Familie das Inferno ohne Schaden überstehen konnte.

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