30 Jahre Mauerfall: Eine Stunde anstehen für Bananen – Kerstin Daser erinnert sich an DDR-Zeiten

Von der Karl-Marx-Stadt nach Obertaufkirchen: Kerstin Daser aus Obertaufkirchen hat schöne Kindheitserinnerungen. Im Urlaub ging es im Winter nach Tschechien und im Sommer an die Ostsee, wenn man „über den Betrieb einen Platz in einem Ferienobjekt bekam!“. Sutherland

Die Obertaufkirchnerin Kerstin Daser erinnert sich, wie es war in der DDR zu leben und wie sich das Leben mit dem Mauerfall auf einen Schlag änderte.

Obertaufkirchen – Sie war ein Kind und erst neun Jahre alt, als die Mauer fiel. An das Leben vorher in der DDR kann sich Kerstin Daser trotzdem noch gut erinnern. Zum Beispiel daran, wie es war, nach Bananen anzustehen. Kerstin Daser kommt aus der Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, hat die erste Zeit ihres Lebens im Sozialismus verbracht.

Pro Familie nur ein Kilogramm Bananen

„Es gab ein Nord-Süd-Gefälle“, wie sie sagt, „Berlin war besser versorgt. Bei uns gab es keine Melonen oder Ananas“, erinnert sich die 39-Jährige. Was aber nicht so schlimm gewesen sei. Sie und ihre Familie vermissten sie auch nicht, weil sie die Früchte ja gar nicht gekannt hatten. „Wenn es Bananen gab, wurde das durch Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet“, erzählt sie. „Ich wurde mit meiner Schwester losgeschickt, Bananen kaufen. Wir mussten eine Stunde anstehen und haben uns solange unterhalten. Wenn wir vorne ankamen, haben wir uns nicht mehr gekannt.“ Das hatte einen Grund: Denn pro Familie durfte nur ein Kilo gekauft werden. Und auf diese Art kamen sie an zwei Kilo Bananen. „Sie waren ein totales Highlight, so wie Orangen zu Weihnachten,“ schwärmt sie.

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„Heute ist das ja nichts Besonderes mehr“, fügt sie hinzu. „Ich habe auch nach der Wende noch Bananen in einer Menge gegessen, die jedem Westdeutschen unverständlich ist, und esse auch heute noch viele“, erzählt sie und lacht.

Zeitstrahl: So kaum es zum Mauerbau und zum Mauerfall

Wenn sie an ihre Kindheit zurückdenkt, ist es kein Groll, den sie hegt, Im Gegenteil: „Wir hatten eine schöne Kindheit“, findet sie. „Die Grundbedürfnisse waren gedeckt.“ Sie seien immer satt gewesen, hätten immer etwas zum Anziehen gehabt. An den Schrebergarten erinnert sie sich besonders gerne, weil er dazu diente etwas Essbares anzubauen. Dieser sei für den Osten doch so typisch gewesen, inklusive der Datsche, wie man im Osten die Hütte nannte. Jeden Freitag- bis Sonntagabend habe sie mit ihrer Familie dort verbracht. „Es war eine einfache Hütte ohne laufendes Wasser, aber wir waren als Kinder super glücklich. Etwas anderes kannten wir nicht.“

Glitzerstift vom Begrüßungsgeld

Und die Reisefreiheit? Klar, sind sie auch gereist, berichtet Daser. Im Winter in den Skiurlaub nach Tschechien und im Sommer an die Ostsee. Allerdings mit Einschränkungen fährt sie fort: „Man musste Glück haben, dass man über den Betrieb einen Platz in einem Ferienobjekt bekam!“

Zum Thema Gleichheit im geografischen Sinne fällt ihr eine Geschichte ein, die sich bei den Kinder- und Jugendspielen ereignet hatte: Kinder aus der ganzen Republik kamen für diese Sportveranstaltung zusammen. Bei ihr zu Hause haben sie ein Kind aus Berlin aufgenommen. Kerstin Daser habe damals artig ihr Zimmer aufgeräumt und stellte es dem Kind zur Verfügung. „Alle Kinder hatten damals Verpflegungsboxen mit und das Gastkind hatte eine mit besonderen Lebensmitteln.“ Die Milch war eine andere, sagt Daser, und auch die Süßigkeiten. Gerne hätte Kerstin Daser davon etwas abgehabt. Doch Fehlanzeige: „Meine Mutter war total sauer, dass diese Kind nicht mit uns geteilt hat. So gleich waren wir dann doch nicht alle!“

Nach der Wende bangte die Mutter um den Job

An das Ereignis des Mauerfalls selbst kann sie sich nicht erinnern. Die politischen Entwicklungen hätten für sie als Kind schlichtweg keine Rolle gespielt. Aber die erste Reise in den Westen, die hat sich eingeprägt: „Wir sind losgefahren, um das Begrüßungsgeld abzuholen. Mit meinem ersten Kaufhausbesuch war ich komplett überfordert.“ Es sei wie ein Kulturschock gewesen. „Ich durfte mir etwas aussuchen und habe in all dem Bunten nur einen Bleistift mit Aufsteckpferd gewählt, der mich faszinierte, weil er so glitzerte und schimmerte.“

Nach dem Mauerfall hat sich das Schulsystem verändert. Da wuchs sie hinein, meint sie. Die politischen Veränderungen, auch in den ersten Folgejahren, habe sie nicht bewusst erlebt. Für ihre Eltern hat die Wende allerdings schon tiefe Einschnitte mit sich gebracht, die Arbeitsplatzsicherheit habe sich verändert. Ihre Mutter musste lange bangen, ob der Betrieb in dem sie beschäftigt war, weiter bestehen würde.

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Kerstin Daser selbst jedoch kam mit der Ausbildung nach Westdeutschland und landete in einer kleinen Versicherungsagentur. Jetzt wohnt sie in Obertaufkirchen.

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