75 Jahre Frieden: Anton Scheidl war Mühldorfs Bürgermeister in einer schweren Zeit

Bürgermeister wider Willen: Anton Scheidl.
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Bürgermeister wider Willen: Anton Scheidl.
  • Josef Bauer
    vonJosef Bauer
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Der Autohändler Anton Scheidl wurde von den Amerikanern 1945 zum Mühldorfer Bürgermeister bestimmt. Scheidl wollte ablehnen, kam mit seinen Argumenten nicht durch. Ein schwieriger Start, der aber von Scheidl und dessen Mitstreitern gemeistert wurde. Eine Folge der Serie „75 Jahre Frieden“.

Mühldorf – Ende Mai 1945: Ein Jeep fuhr vor, Captain Spivek sprang heraus, musterte mitkurzen Bücken der Männer im Sonntagsstaat und fragte dann bündig: „Wo seien Scheideel?“ Der Autohändler Anton Scheidl trat vor und Spijek hieß ihm mit einem knappen „Komm!“ ins Rathaus zu folgen. Die Aussprache zwischen dem amerikanischen Captain und dem Mühldorfer Bürger Anton Scheidl im großen Sitzungssaal war nicht minder knapp. wie später Scheidl seinen Freunden und Mitarbeitern berichtete, tupfte ihn Spivek mit dem Zeigefinger nur kurz auf die Brust und sagte: „Du machen Bürgermeister, verstanden?“

Kurze und knappe Entscheidung

Scheidl brachte seine Bedenken vor, dass er sich der verantwortungsvollen Aufgabe nicht gewachsen fühle, da er noch niemals in der öffentlichen Verwaltung tätig gewesen sei, dass er ferner gesundheitlich nicht auf der Höhe sei und dass er endlich als Schwerfliegergeschädigter über Gebühr allein schon von seinem Betrieb beansprucht werde. Der amerikanische Captain blieb in des beim kategorischen Imperativ: „Du sein Bürgermeister und wenn du nicht wollen...“ Als wenige Minuten später weitere Bürger der Stadt, unter ihnen Baumeister Hans Gruber, Versicherungsdirektor Günther Ehe, Lokomotivführer Franz Mühlbauer, Angestellter Wolfgang Baur in den Sitzungssaal gerufen wurden, saß Spivek auf dem massivne Tisch des großen Sitzungssaales und ließ lässig seine Beine über den Boden baumeln, während Scheidl mit einem Bleistift und einem Notizblock von ihm die ersten Befehle erwartete.

Bürgermeister mit Bleistift und Notizblock

So bildeten ein Bleistift und ein Notizblock die ersten Requisiten, mit denen eine völlig neue Verwaltung aus dem perfekten Chaos heraus aufgebaut werden musste. Manches Tun jener Zeit blieb umstritten, aber eines ist ebenso unbestreitbar, dass dieses Beginnen aus dem Chaos heraus eine mutige Tat verantwortungsfreudiger Bürger war, deren Namen in die Lokalhistorie eingegangen sind. Diese Bürger wurden in den denkbar bedrückendsten menschlichen Konflikt geworfen, auf der einen Seite den Befehlen und Anweisungen der Besatzungsmacht, nicht wenige von ihnen der hasserfüllten Morgenthaustimmung entsprungen, Folge zu leisten, auf der anderen Seite die freiwillig übernommene Bürde, die unermesslichen Nöte der Stadt und ihrer Bevölkerung zu lindern und das Fundament zu einem neuen, wenn auch vorläufig noch immer ärmsten und erbärmlichsten Leben zu schaffen.

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Die Männer um Scheidl, Hans Gruber, Franz Mühlbauer, Albert Ehe, Kommissar Holzer, Wolfgang Baur, Josef Binder, Ernst Rieger, Sebastian Rubensperger wurden von den Amerikanern zu „kommissarischen Stadträten“ bestellt und es wurden an sie die verschiedensten. kommunalen Aufgaben verteilt, die wohl noch nie so schwierig waren wie gerade in jenen Tagen. So sieht sich der Baumeister Hans Gruber vor die Aufgabe gestellt, als Stadtbaumeister die schwer zerstörte Stadt wieder aufzubauen, ohne über Baumaterialien oder auch nur über hinreichend Arbeitskräfte verfügen zu können. Albert Ehe wird unter anderem der Wiederaufbau des Schulwesens übertragen. Bürgermeister Scheidl und seinen Mitarbeitern wird vom Captain empfohlen, sich zur Einführung in ihre Aufgaben an den bisherigen Bürgermeister zu halten, der im Rathaus geblieben ist und sich bereit erklärte, seinem Amtsnachfolger mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Aber die Ressentiments sitzen begreiflicherweise noch zu tief.

Amtmann Mulfinger als wandelnder Dokumentenschrank

Dagegen nahm man gerne die fachmännische Beratung und Hilfe anderer angesehener Kommunalpolitiker unserer Stadt an, die sich trotz fortgeschrittenen Alters in der größten Not ihrer Vaterstadt wieder zur-1 Verfügung stellten. Amtmann Mulfinger, in dessen Privatwohnung ein Teil der Verwaltung verlegt worden war, gab dem neuen Bürger-meister und seinen frischgebackenen „Stadträten“, wertvollste Fingerzeige. Er verfügte über eine umfassende Kenntnis aller kommunalen Zusammenhänge und ein so erstaunliches Gedächtnis, sodass er als „wandelnde Dokumentensammlung“ einen guten Teil der zerstörten Aktenschränke ersetzte.

Viel Unterstützung aus der alten Verwaltung

Im gleichen Maße sprang der alte Stadtkämmerer Markt den neuen Männern zur Seite und vor allem die Ärmsten der Stadt haben es ihm zu verdanken, wenn die Fürsorgeleistungen nicht unterbrochen wurden.

Oberingenieur Mösl, als Leiter der Stadtwerke zwischen den beiden Kriegen ein erstklassiger Fachmann seines Gebietes, übernahm die Leitung der Instandsetzung der zerstörten Anlagen und Leitungen des E-Werkes und konnte sich dabei auf die wertvolle Mitarbeit eines der wenigen übrig gebliebenen Facharbeiter, des Werkmeisters Kormann, stützen.

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