Jagd nach Sternenstaub: Komet „Neowise“ raubt dem Heldensteiner Matthias Ettinger den Schlaf

Der Komet Hale Bopp, eine Aufnahme von 1997. Damals war Matthias Ettinger Praktikant beim Mühldorfer Anzeiger. Mit einer analogen Kamera, einer Revue Flex seines Vaters, hielt er das Himmelsschauspiel damals fest. Die Aufnahme schmückt heute das Kinderzimmer seines Sohnes.Kwerbild
+
Der Komet Hale Bopp, eine Aufnahme von 1997. Damals war Matthias Ettinger Praktikant beim Mühldorfer Anzeiger. Mit einer analogen Kamera, einer Revue Flex seines Vaters, hielt er das Himmelsschauspiel damals fest. Die Aufnahme schmückt heute das Kinderzimmer seines Sohnes.Kwerbild
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
    schließen

Wer steht freiwillig mitten in der Nacht auf, wenn es nicht gerade der Beruf erfordert? Matthias Ettinger ist so ein Frühaufsteher. Nicht weil der Schichtbus wartet. Der Heldensteiner stellt sich dieser Tage regelmäßig nach Mitternacht den Wecker, um einem besonderen Himmelsspektakel beizuwohnen.

Heldenstein – „Neowise“ heißt das Objekt, das ihm in den vergangenen Sommernächten um den Schlaf gebracht hat. Ein Komet, der erst im März dieses Jahres entdeckt worden ist und noch bis zum 23. Juli am Nachthimmel bestaunt werden kann. Ettinger hat ihn festgehalten. Mit seiner Canon R. Und erntet damit Bewunderung in den sozialen Netzwerken.

Das Meisterfoto gelang am Glatzberg

Sonntagmorgen, zehn Minuten vor 3 Uhr.Matthias Ettinger steht hoch droben auf dem Glatzberg, fixiert seine Kamera, eine Canon R, auf dem Stativ und sucht den Himmel über den Isental nach dem Kometen ab, der in diesen Tagen zahlreiche Fotografen, Hobbyknipser und Profis, aber auch Astronomen mitten in der Nacht nach draußen lockt. „Man muss schon genau wissen, wo er zu finden ist. Denn mit bloßem Auge ist der Komet nur schwer auszumachen“, berichtet Ettinger von seiner Kometenjagd. Blick zwischen Nord und Nordost, ziemlich nahe, flach, bei etwa 15 Grad, am Horizont.

+++ Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren! +++

Mit seiner Canon R und einem lichtstarken 85-Millimeter-Objektiv, ISO 1600 bei Blende 1,8, erwischt Ettinger den Kometen, fängt ihn über dem nebeldurchfluteten Isental ein. Fünf Sekunden Belichtungszeit gewährt er dieser Aufnahme, dadurch lässt sich dann auch die Helligkeit des Gesamtkunstwerkes erklären, das von brillanter Schärfe ist. Möglich macht dies in stockdunkler Nacht das sogenannte „Fokuspeaking“. Selbst im manuellen Modus gelingt es über Markierungspunkte, welche die Kamera setzt, dem Fotografen, über den Sucher die Schärfenbereiche festzustellen. Doch Ettinger sagt auch: „Ein Belichtung, länger als fünf Sekunden, ist nicht empfehlenswert. Denn die Sterne stehen ja nicht still.“ Die Lichtpunkte verzerren sich dann zu Schlieren.

Sonntagmorgen, zehn Minuten vor 3 Uhr. Matthias Ettinger steht hoch droben auf dem Glatzberg, schießt mit seiner Canon R und einem lichtstarken 85-Millimeter-Objektiv, Blende 1,8, den Kometen über dem nebeldurchfluteten Isental ab. Fünf Sekunden Belichtungszeit gewährt er dieser Aufnahme, dadurch lässt sich die Helligkeit des Gesamtkunstwerkes erklären. „Und die Helligkeit des Mondes“

Ettinger kennt man durch seine „Lost Places“-Dokumentationen

Ettinger ist der hiesigen Fotografenszene kein Unbekannter. Der 43-jährige Heldensteiner hat einen Bekanntheitsgrad weit über die Landkreisgrenzen hinaus. Bilder veröffentlicht er unter seinem Label „Kwerbild“. Viel beachtet und mittlerweile auch von Kulturformaten im TV aufgegriffen sind seine Dokumentationen über sogenannte „Lost Places“, verlassene Orte, die Ettinger fast schon poetisch in Szene setzt. Ettinger hat sich dabei auf verlassene Bauernhöfe und Gasthäuser spezialisiert.

Schon Hale Bopp vor die Linse bekommen: Analaog und schwarzweiß

Der Exkurs in die Astronomie ist aber keine Premiere. Schon 1997 – Matthias Ettinger absolvierte nach seiner Zivildienstzeit gerade ein Praktikum beim „Mühldorfer Anzeiger“ – hatte es ihm „Hale Bopp“ angetan. Ein Komet, der erst im 23. Juli 1995 entdeckt worden ist und bis dato als der am meisten beobachtete Komet des 20. Jahrhunderts und einer der hellsten für mehrere Jahrzehnte galt.

Das könnte Sie auch interessieren: Spektakuläre Erscheinung am Nachthimmel in Bayern: Fotos zeigen das einzigartige Phänomen

Mit einer analogen Kamera, einer „Revue Flex“ seines Vaters, hielt Ettinger das Himmelsschauspiel vor 23 Jahren fest. „Der Film war ewig in der Kamera!“ Man ging ja sparsam mit dem Equipment um. Irgendwann setzte er sein Wissen, das er beim Praktikum in der verlagseigenen Dunkelkammer erworben hatte, in die Praxis um, entwickelte den Film – damals noch schwarzweiß. Und war überwältigt vom Ergebnis. Die Aufnahme schmückt heute das Kinderzimmer seines Sohnes.

Lichtverschmutzung ist ein Problem

Und es wird nicht das einzige bleiben. Denn Ettinger kann nicht stillhalten. Die Suche nach dem perfekten Foto hat ihn dieser Tage immer wieder hinausgetrieben. Jetzt, nachdem er weiß, welche Position die günstigste zu sein scheint, um den Himmelskörper in Szene zu setzen. Der Schlossberg in Kraiburg vielleicht? „Zu viel Lichtverschmutzung“, sagt Ettinger, der am Dienstag wieder draußen war, diesmal bereits kurz nach Mitternacht. Von einer Autobahnbrücke aus wollte er es versuchen. Kamera aufgestellt. Langzeitbelichtung, im Vordergrund die Schlieren in Rot und weiß von den Lichtern der Fahrzeuge, im Hintergrund der Komet. „Es war ein bisserl diesig“, ganz zufrieden ist Ettinger diesmal nicht. Aber er nimmt‘s gelassen. „Ich habe ja schon meine Punktlandung mit dem Isental hingelegt“, jetzt will er erst einmal wieder ausschlafen.

Komet wurde erst am 27. März entdeckt

Der Komet „Neowise“ mit der nüchternen Bezeichnung C/2020 F3 tummelt sich in bis Ende Juli am Himmel. Der Brocken, der erst am 27. März vom Weltraumteleskop „Wise“ entdeckt wurde, zieht bereits seit einer Ewigkeit durch die Tiefen des Weltalls. Da er der Erde jetzt näher kommt, wird er jeden Tag zwar größer, aber lichtschwächer; der Himmel muss recht dunkel sein, um ihn zu sehen. Bis gestern war „Neowise“ noch ab 3 Uhr am Morgenhimmel im Nordosten zu sehen, danach ist abends nach Sonnenuntergang am Abendhimmel im Südwesten sichtbar. Astronomen sagen, das wird noch bis zum 23. Juli der Fall sein.

Neowise noch bis Ende Juli zu sehen

Zum Ende des Monats entfernt sich C/2020 F3 wieder von der Erde und ist dann nur noch mit einem Fernglas sichtbar. Ab August verschwindet der Komet ganz in den Tiefen der Galaxie. Er wird Forschern zufolge erst wieder in 6768 Jahre der Erde nah kommen. Aber nicht enttäuscht sein: Er bleibt nicht das einzige Himmelsphänomen dieses Sommers. Nach dem Lyriden-Schauer im April wird es auch in den Monaten August und November besonders viele Sternschnuppen regnen. Dann heißt es wieder: Raus und Blick gen Himmel richten.

Kommentare