Irre Spritztour endet im Innkanal: Zwei Mühldorfer müssen für versenkten Opel büßen

Mit Luftballons bergen Rettungskräfte den Opel Astra aus dem Innkanal.
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Mit Luftballons bergen Rettungskräfte den Opel Astra aus dem Innkanal.
  • Markus Honervogt
    vonMarkus Honervogt
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Es ist eine der spektakulärsten Taten 2018: In einer Nacht im November stehlen Unbekannte einen Opel Astra beim Autohaus Scheidl, hinterlassen eine Spur der Verwüstung und versenken das Auto im Innkanal. Jetzt beurteilte Amtsrichter Florian Greifenstein die Taten und wog sie schwerer, als es selbst die Staatsanwältin tat.

Mühldorf – Ein Auto gestohlen, dabei hohen Sachschaden verursacht, eine illegale Spritztour und schließlich die Versenkung im Inn. F. und L. haben fast nichts ausgelassen, als sie im November 2018 ein Auto klauten. Jetzt standen sie vor Gericht.

F. und L. sind 25 und 23 Jahre alt, lange ohne Arbeit, jetzt in mäßig bezahlten Jobs untergekommen. L. hat 20.000 Euro Schulden für Handy und Auto, aber keinen Führerschein mehr. F. ist der Polizei bekannt, auch wegen Diebstahls, er saß schon in Jugendarrest. Beide leben in Mühldorf.

Die Polizei ermittelt lange ohne Erfolg

Sie sitzen in gleicher Pose nebeneinander auf der Anklagebank, natürlich mit Corona-Abstand. Aufrecht, die Hände zwischen den Knien gefaltet, sie schauen zwei Stunden lang starr geradeaus, sich nie gegenseitig an. Beide sind angespannt, knibbeln nervös an den Fingern.

Der Diebstahl beginnt am Vorabend des 23. Novembers 2018, gegen 18 Uhr bei einer Geburtstagsfeier in Kraiburg. Es gibt Mischgetränke. Die Partie geht im Orange in Mühldorf weiter, vor allem F. trinkt, Bier und wohl auch Schnaps. Im Spielcasino Fortuna, nahe Opel Scheidl, schlagen sich die Angeklagten die Nacht weiter um die Ohren.

Mit geklauten Nummernschildern unterwegs

Als sie aufbrechen, entdecken sie eine offen stehende Tür im Autohaus. In einem der Autos steckt der Schlüssel. L. startet den Opel Astra. F. gelingt es nicht, das Ausfahrtstor vollständig zu öffnen, L. rammt es beim Rausfahren. Auch zwei andere Autos bekommen was ab. Den Schaden beziffert die Staatsanwältin auf 10.000 Euro.

In der Luitpoldallee klauen sie die Nummernschilder eines BMW, sie fahren zum Tanken und weiter nach Salzburg, wo am Südtiroler Platz eine Bekannte wartet. Die kutschieren sie nach Braunau, bevor die Fahrt in Pürten zu Ende geht. 188 Kilometer sind sie da schon unterwegs. Sie entsorgen den Opel im Innkanal, aus dem Auto laufen 1,5 Liter Öl aus.

Angeklagte: "Ich wollte reinen Tisch machen"

Die Polizei ermittelt – ohne Erfolg. Zwar gibt es Fotos von Überwachungskameras im benachbarten Lokal, zu den Tätern führt das nicht. Die Beamten vernehmen F., der streitet alles ab. Es gibt keine DNA-Spuren, die Funkzellenüberwachung bringt nichts. Irgendwann ermittelt die Polizei nicht weiter.

Am 11. Mai stößt F. bei einer Party eine Frau angetrunken durch eine Glasscheibe. Das Opfer erzählt der Polizei, F. habe sich gebrüstet, ein Auto versenkt zu haben. Trotz Hausdurchsuchung führt auch diese Spur nicht weiter. F. leugnet. Die Staatsanwaltschaft beantragt die Einstellung der Ermittlungen.

14 Tage später geht F. zur Polizei. Diesmal freiwillig. „Ich wollte reinen Tisch machen“, sagt er. Er nennt L. als zweiten Täter, einen Namen, den die Polizei bislang gar nicht auf der Liste hatte.

Das Auto im Innkanal losgeworden, die Schuld nicht

Richter Greifenstein will wissen: „Wie kommt man auf so eine Idee, auf so einen Wahnsinn?“ Die beiden jungen Männer schütteln den Kopf, zucken die Achseln. „Ich weiß wirklich nicht mehr, wie es dazu kam. Diese Erinnerung ist nicht mehr da“, sagt F. „Ich weiß auch nicht“, sagt L. Greifenstein insistiert: Warum Luitpoldallee, wieso Salzburg? Woher sie von der jungen Frau wussten? Endlich erzählen sie, streng choronlogisch. Gründe können sie nicht nennen. Nachdem sie den Opel Astra versenkt haben, fahren sie mit dem Zug zurück nach Mühldorf.

Das Auto sind sie los, die Tat nicht. „Das vergisst man nicht“, sagt L. „Ich hatte immer Schuldgefühle, es tut mir leid.“ Und F. meint: „Ich habe oft gedacht, wenn das raus kommt, kann ich mir meine komplette Zukunft verbauen.“ Die Gerichtsverhandlung empfindet er als Neuanfang: „Heute entscheidet sich, was passiert. Schließlich war es keine Kleinigkeit.

Das Urteil fällt höher aus

Richter Greifenstein verurteilt beide auf Bewährung: F. wegen der Vorstrafen und des Schubsers gegen die Frau auf der Party zu 18 Monaten, zu Gute kommt ihm sein Gang zur Polizei. L. bekommt sogar 20 Monate. Damit geht Greifenstein weit über die elf Monate hinaus, die die Staatsanwältin gefordert hat. Er spricht von einer „irrsinnigen Spritztour“, wertet das „Umwelt-Delikt“ des Versenkens im Innkanal schwer, „ein dicker Hund“, spricht von einer „massiven Tatbegehung“.

Deshalb: „Das Urteil muss höher ausfallen“, auch weil es ein echter Denkzettel sein soll, weil im Falle weiter Taten eine lange Haftstrafe droht. „Ich erwarte, dass Ihre strafrechtliche Karriere damit abgeschlossen ist“, sagt Greifenstein.

Zumindest an diesem Gerichtstag wirken die beiden Verurteilten tief beeindruckt.

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