So kämpfen die Corona-Detektive im Gesundheitsamt Mühldorf gegen das Virus

Zuhören und reden: Kevin Scholtyschik und die anderen Mitarbeiterinnen des Corona-Verfolgungsteam im Gesundheitsamt sollen Infektionsketten unterbrechen.
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Zuhören und reden: Kevin Scholtyschik und die anderen Mitarbeiterinnen des Corona-Verfolgungsteam im Gesundheitsamt sollen Infektionsketten unterbrechen.

Seit Monaten arbeiten die Corona-Ermittlungsteams im Gesundheitsamt daran, Infizierte und deren Kontaktpersonen zu ermitteln. Nicht immer verlaufen die Telefongespräche freundlich.

Mühldorf – Wenn Kevin Scholtyschik anruft, ist es ernst. So freundlich der junge Mann am Telefon wirkt, wenn er sagt, dass er vom Gesundheitsamt sei und fragt, mit wem er spreche – dann wissen die meisten schon, worum es geht: Corona. Der 25-jährige Mettenheimer arbeitet in dem Team, das Menschen über ihre Covid-19-Erkrankung informiert und die Kontaktpersonen ermittelt.

So funktioniert die Quarantäne

Ein neues Testergebnis geht im Gesundheitsamt ein. Es ist positiv. Jetzt muss Scholtyschik seinen Fahrplan abspulen. Der Kranke bekommt eine Akte und einen Anruf. „Viele überrascht das Testergebnis nicht, sie rechnen damit, weil es im Umfeld Corona-Kranke gibt“, erzählt er. Scholtyschik klärt auf, sagt dem Angerufenen, dass er in Quarantäne bleiben muss. Er fragt nach den häuslichen Verhältnissen und erklärt, wie anderen Familienmitglieder geschützt werden können: Eigenes Schlafzimmer, Bad nur getrennt benutzen und Handtücher mit rausnehmen, nicht zusammen kochen und essen. Und er sagt dem Angerufenen, dass er in den Garten gehen darf, wenn den keiner anderer benutzt. „Das ist für viele eine gute Nachricht.“

Mehr Kontakte erschweren die Ermittlungen

Dann kommt der schwierigere Teil, die Frage, wo die Infektion herkommen könnte. Freunde, Reise, Wirtshaus, Einkauf, Büro? „Hotspots gibt es bei uns nicht“, erklärt Dr. Cornelia Erat vom Gesundheitsamt, die Ärztin leitet das Ermittlungsteam. „Die meisten Infektionen lassen sich immer noch auf Reisen oder Kontakt zu Urlaubsrückkehrern zurückführen.“

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Diese Arbeit war zu Anfang der Corona-Pandemie noch deutlich leichter. Damals hatten viele wegen der Ausgangsbeschränkungen nur wenige und meist überschaubare Kontakte. Das hat sich geändert, das Gesundheitsamt muss bei deutlich weniger Kranken deutlich mehr Kontaktpersonen ermitteln.

„Bei denen ist das oft mit Diskussionen verbunden“, erzählt Scholtyschik. Da fällt auch schon mal ein böses Wort, einer hat einfach aufgelegt. „Aber wir sind hartnäckig“, sagt Ärztin Erat. „Wir rufen wieder an, wenn es sein muss von einer Handy-Nummer aus.“ Denn Menschen, die enge Kontaktpersonen sind, müssen in Quarantäne und zum Test, das schreibt das Seuchen-Infektionsschutzgesetz so für alle Seuchen vor, egal ob Tuberkolose oder Corona.

Von der Universität zu den Corona-Ermittlern

Kevin Scholtyschik hatte sich für heuer eigentlich etwas anderes vorgenommen. Im Sommer wollte der Mettenheimer das Fächerexamen an der Uni Passau ablegen, wo er auf Lehramt studiert. Corona beendete die Vorlesungen, Scholtyschik zog wieder nach Hause. „Ich wollte in dieser Zeit trotzdem meinen Beitrag leisten.“ Er bewirbt sich und fängt im Gesundheitsamt an. „Es gibt viel Erklärungsbedarf, ich will, dass die Leute wissen, warum Maßnahmen notwendig sind.“ Das erklären zu können, helfe ihm sein Pädagogikstudium. Im November will er damit weiter und seinen Abschluss machen.

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Seitdem sitzt mit bis zu 30 anderen Mitarbeiterin im großen Konferenzraum des Landratsamts, um zu telefonieren. Eine türkische Mitarbeiterin ist unter den Anrufern, bei Verständigungsproblemen können Dolmetscher oder Integrationslotsen hinzugezogen werden.

An diesem Vormittag ist es eher ruhig, es gibt keine neuen Meldungen über Infektionen. Die Zahl liegt im Landkreis derzeit ohnehin auf einem eher niedrigen Niveau. Trotzdem wünscht sich Teamleiterin Erat, endlich alle Stellen in ihren Teams besetzen zu können. Denn die Aufstockung der Rechercheteams um 20 Mitarbeiter ist noch nicht abgeschlossen. Vor allem Ärzte bewerben sich zu wenige.

Infektionsketten unterbrechen

Die heißesten Tage für die Ermittler sind am Ende der Woche, samstags und sonntags, wenn viele neue Testergebnisse reinkommen, berichtet Ärztin Erat. „Wir können es mit unserem Verständnis nicht vereinbaren, Leute um 17 Uhr oder am Wochenende nicht in Quarantäne zu setzen und den nächsten Tag abzuwarten.“ Scholtyschik sagt: „Ich hasse es, nach Hause zu gehen, wenn noch was zu tun ist.“

Für Erat hat die Tätigkeit des Teams ein großes Ziel: „Wir arbeiten unentwegt daran, Infektionsketten schnell zu unterbinden, damit die Infektionszahlen gering bleiben.“ Sie sagt das und greift zum Telefon, die nächste Hiobsbotschaft zu verkünden: Corona.

Testergebnisse wieder früher

Kontaktpersonen ersten Grades müssen sich auf Anweisung des Gesundheitsamts testen lassen, die Tests finden meist am Landratsamt statt. Alle anderen haben das Recht auf kostenlose freiwillige Tests. Das Testzentrum dazu steht auf dem Volksfestplatz.

Nachdem es dort wie berichtet in der ersten Woche zu längeren Wartezeiten auf die Testergebnisse gekommen ist, hat der Labordienstleister nach Angaben des Landratsamts die Auswertungsdauer unter anderem durch Wochenendschichten verkürzt. Das Labor arbeite nach wie vor in Sonderschichten, so dass die durchschnittliche Wartezeit auf ein Ergebnis jetzt nur 48 Stunden betrage. Die Testergebnisse von Menschen mit Symptomen und systemrelevantem Personal zum Beispiel aus Pflegeeinrichtungen solle innerhalb von 48 Stunden vorliegen.

Täglich 112 Tests

Die Nachfrage nach Tests ist laut Landratsamt auch nach dem Ende der Ferienzeit gleich geblieben. „Im Schnitt werden täglich 112 Personen getestet“, schreibt eine Sprecherin auf Anfrage. Die Öffnungszeiten sind weiter Montag bis Freitag von 16 bis 19 Uhr. Nachdem zu Beginn Mitarbeiter des Roten Kreuzes, der Malteser, der DLRG und Wasserwacht die Abstriche vornahmen, haben das jetzt Mitarbeiter des Gesundheitsamt übernommen, stets begleitet von niedergelassenen Ärzten.

Keine Antwort von der Warn App

Bislang ist kein einziger Corona-Verdachtsfall über die Warn App ins Gesundheitsamt Mühldorf gekommen. Wie eine Sprecherin erklärte, hätte es vor allem in der Anfangsphase der App eine Handvoll Fehlalarme gegeben, nach denen Nutzer zum Gesundheitsamt gekommen wären. Einen tatsächlichen Krankheitfall habe die App aber noch nicht gemeldet.

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