„Ich fühle mich nicht arm“: Fast 500 Personen im Landkreis Mühldorf bekommen Grundsicherung

Altersarmut in Bayern
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Altersarmut in Bayern (Symbolbild): Die Mühldorferin, mit der wir sprechen konnten, will sich nicht zu erkennen geben. 
  • Josef Bauer
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Genau 487 Frauen und Männer erhalten im Landkreis Mühldorf Grundsicherung. Besonders betroffen sind alte Menschen, deren Rente nicht reicht – so wie bei Ulrike B. (Name von der Redaktion geändert). Sie ist 85 Jahre alt, hat Seh- und Gehbeschwerden und wohnt in Mühldorf.

Mühldorf – Die Mutter von vier Kindern wohnt allein in einer Sozialwohnung. Die Fränkin, die lange in Bremen gelebt hat, kommt auf eine Rente von 711 Euro pro Monat. 100 Euro erhält sie monatlich vom Mühldorfer Landratsamt als Grundsicherung.

Nach dem Abzug der Miete für ihre Zwei-Zimmer-Wohnung und den Kosten für Strom und Wasser bleiben ihr im Monat rund 300 Euro zum Leben. Sie und ihr Lebenspartner waren trotz der vier Kinder, nie verheiratet. Deshalb bekommt sie keine Witwenrente. Ihre eigene Rente ist so klein, weil sie nur kurze Zeit als Krankenschwester gearbeitet hat und sich um die Kinder und Familie kümmerte. Ihr Lebenspartner starb 1974.

80 Euro sind für Betroffene „sehr viel Geld“

In der vergangenen Woche wurde sie Opfer einer Betrügerin. Die angebliche Mitarbeiterin eines Pflegedienstes habe ihr 80 Euro gestohlen. „Für mich ist das sehr viel Geld“, sagt sie aufgewühlt. Angezeigt hat sie den Diebstahl bisher nicht.

Das Angebot der Mühldorfer Tafel nutzt Ulrike B. trotz ihrer Armut nicht. „Da gibt es Menschen, die brauchen dieses Angebot viel mehr als ich. Die müssen mit noch weniger auskommen.“ Die Mühldorferin legt viel Wert darauf, dass sie ihr Leben noch alleine führen kann. „Ich gehe mit meinem Rollator zum Einkaufen, koche selbst und möchte meine Ausgaben selbst bestreiten.“

Blumen auf dem Tisch sind schon ein Luxus

Sie leiste sich sogar Blumen auf dem Tisch. „Die spare ich mir ab, weil ich mein zu Hause schöner machen will.“ Der Gang zum Supermarkt ist für sie Lebensqualität: „Wenn ich mich wegen meinen Gehbeschweren nicht rühren würde, käme ich ja überhaupt nicht mehr aus der Wohnung“, sagt die 85-Jährige.

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Sie versteht, dass viele ihrer Altersgenossen nicht zum Sozialamt gehen wollen. „Ich fühle mich nicht arm.“ Natürlich wolle sie ihren Stolz behalten, „aber jetzt ist mein Geschirrspüler kaputt, und ich brauche einen neuen. Das kostet viel Geld, das ich nicht habe.“ Den neuen Küchenherd und einen neuen Kühlschrank habe sie selbst finanziert.

Matthias Burger, Seniorenbeauftragter am Landratsamt Mühldorf, sichert der alten Dame die Hilfe des Landratsamts für den Kauf eines neuen Geschirrspülers zu. „Sie haben einen rechtlichen Anspruch darauf und brauchen sich auch wegen der 100 Euro nicht zu schämen“, beruhigt er Ulrike B.

Burger sieht bei ihr den großen Vorteil, dass sie keine Schulden abbauen müsse. „Ich rauche auch nicht und trinke keinen Tropfen“, schiebt Ulrike B. hinterher. Für die Hilfe des Landratsamtes ist die 85-Jährige dankbar.

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Doch sie sieht schon die nächsten Probleme auf sich zukommen. „Ich habe eine sehr schöne und günstige Wohnung, aber im nächsten Jahr wird die Miete wieder erhöht. Da muss ich schauen, wie ich das hinbekomme.“ Seniorenbeauftragter Burger sichert auch dabei die Unterstützung des Landratsamts zu. Während die Grundsicherung vom Bund finanziert und vom Landratsamt nur ausbezahlt wird, sind die Kosten für Wohnung und Miete Aufgabe des Landkreises. Dadurch entstehen jährlich Kosten von 2,3 Millionen Euro.

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Seit 2010 steigt die Zahl der Senioren in Deutschland, die als arm gelten. Demnach waren 2017 laut Zahlen des VdK Bayern bundesweit 3,2 Millionen Menschen armutsgefährdet. Die Zahlen steigen auch im Landkreis, wo aktuell 487 Frauen und Männer Grundsicherung erhalten.

Ein immer drängenderes Problem

„Die Zahlen belegen: Altersarmut wird ein immer drängenderes Problem. Nicht nur die Armutsgefährdung ist in keiner anderen Bevölkerungsgruppe so stark gewachsen wie bei den Älteren, sondern auch deren Mietbelastung und Überschuldungsquote“, sagt VdK-Geschäftsführer Josef Ascher.

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