Gespräch mit Pastor Klammt

Hotspot Freikirchen? Wie kleine Religionsgemeinschaften in Waldkraiburg mit Corona umgehen

„Was wären wir für ein Vorbild in der Gesellschaft, würden wir der staatlichen Obrigkeit nicht folgen?“, fragt Benjamin Klammt. Der Pastor der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde stellt sich vorbehaltlos hinter die staatliche Vorgaben gegen Corona.
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„Was wären wir für ein Vorbild in der Gesellschaft, würden wir der staatlichen Obrigkeit nicht folgen?“, fragt Benjamin Klammt. Der Pastor der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde stellt sich vorbehaltlos hinter die staatliche Vorgaben gegen Corona.
  • Hans Grundner
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Hotspot Freikirchen? Immer wieder gehen Fälle von freikirchlichen Religionsgemeinschaften bundesweit durch die Medien, die im Mittelpunkt eines Corona-Clusters stehen. Anlass, in Waldkraiburg nachzufragen: Wie halten es hier kleinere Religionsgemeinschaften mit der Pandemie und den Regeln.

Waldkraiburg – Liegt es an der überschwänglichen Frömmigkeit, die in den freien von den Großkirchen unabhängigen Gemeinden oft gepflegt wird? Oder ist es die Tatsache, dass ihnen für Gottesdienste und Zusammenkünfte keine großen Kirchen, sondern nur relativ kleine Räume zur Verfügung stehen? Freikirchen sind jedenfalls als Ausgangspunkt von Infektionsketten häufig in den Schlagzeilen. Die Frage drängt sich deshalb auf: Wie halten es die kleinen Religionsgemeinschaften in Waldkraiburg mit Corona?

Der staatlichen Obrigkeit folgen

Pastor Benjamin Klammt von der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde beantwortet diese Frage unmissverständlich: „Wir halten uns konsequent an die staatlichen Vorgaben. Was wären wir denn für ein Vorbild in der Gesellschaft, wenn wir der staatlichen Obrigkeit da nicht folgen würden?“

Klammt räumt ein, dass es im Frühjahr, als dem Lockdown auch die Gottesdienste zum Opfer fielen, Diskussionen in der Gemeinde gegeben habe. Denn für die kleine Gemeinschaft hätten diesen Zusammenkünfte eine sehr große soziale Bedeutung. „Früher saßen wir nach dem Gottesdienst noch lange bei Kaffee und Keksen beisammen. Das können wir seit Monaten nicht mehr machen.“

Vorübergehend umgezogen, um Abstandsregeln zu erfüllen

Gottesdienste gibt es – so wie in den Großkirchen – wieder seit dem Mai. Um die Abstandsregeln erfüllen zu können, ist die baptistische Gemeinde vorübergehend umgezogen. In der evangelisch-lutherischen Kirche hatte sie jeden Sonntag um 17 Uhr Gastrecht. „Wir haben vorsorglich sogar Teilnehmer-Listen geführt“, sagt Klammt.

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Die Besucherzahlen gingen dort deutlich zurück. Statt 70 Gläubigen wie früher kam nur noch die Hälfte. Seit Ende September ist die Gemeinde deshalb wieder „nach Hause“ in ihre Räume am Münchner Platz zurückgekehrt. „Wir haben alles ausgemessen, den Behörden ein Hygienekonzept vorgelegt und technisch aufgerüstet.“ Bei den geltenden Abstandsregeln haben laut Klammt im Versammlungsraum maximal 33 Personen Platz. Dazu kommen noch einmal 18 Leute, die in einem separaten und belüftbaren Raum im Keller den Gottesdienst verfolgen. Die Plätze werden per Anmeldung vergeben. „Wir sind Mitte der Woche ausgebucht.“

Von Baptisten-Gemeinde in Frankfurt distanziert

„Wir halten uns an die Regeln“, sagt der Pastor. Mit Bestürzung habe er deshalb den Fall der Baptisten-Gemeinde in Frankfurt verfolgt. Nicht nur weil die dortige Gemeinde einem anderen Kirchenbund angehört, distanziert sich Klammt ausdrücklich. Sollte wirklich zutreffen, dass die Gemeinde dort im Gottesdienst gesungen hat wie vor Corona, „halten wir das für fahrlässig“.

Mit den Abstandsregeln hat die neuapostolische Gemeinde kein Problem. Die Kirche in der Siebenbürger Straße bietet ausreichend Platz.

Selbst wenn nur mitgesummt werde, müssen die Gläubigen in Waldkraiburg die Maske aufbehalten. Es gibt nur noch einen Gitarristen und einen Vorsänger. „Ich singe gar nicht mit.“

Neuapostolische Kirche: „Singen fällt bei uns flach“

„Singen fällt bei uns flach“, sagt Roland Wolferstetter, Gemeindevorsteher der neuapostolischen Kirche. So Leid ihm das tut. Auch für diese Gemeinde gilt, dass der Gottesdienst für das Gemeindeleben von zentraler Bedeutung ist. „Das macht Corona so schlimm.“

Die staatlichen Vorgaben findet Wolferstetter, der einer von drei ehrenamtlichen Priestern in der Gemeinde ist, die dem Gottesdienst vorstehen, allerdings „in Ordnung“. Denn: „Es geht ja nicht nur um den Selbstschutz, sondern um den Schutz anderer. Das vergessen viele oft.“

Keine Platzprobleme

Von Mitte März bis Juni gab es in der neuapostolischen Gemeinde keine Präsenz-Gottesdienste, „nur Video-Gottesdienste ohne Abendmahl“. Für das Abendmahl gibt es strenge Abstands- und Desinfektionsregeln, die in einem Hygienekonzept einheitlich festgelegt sind, das für alle Gemeinden in Süddeutschland gilt. „Mir wäre kein einziger Fall bekannt, dass sich in einer Kirche im Bezirk jemand mit Corona angesteckt hätte“, so Wolferstetter.

Platzprobleme hat die neuapostolische Gemeinde in Waldkraiburg nicht. 180 Sitzplätze stehen in normalen Zeiten in der Kirche an der Siebenbürger Straße zur Verfügung. 20 bis 25 Mitglieder kommen derzeit zu den Sonntagsgottesdiensten. „30 bis 35 wären wir normalerweise. Vielen ist es zu gefährlich“, sagt Wolferstetter. Eine Anmeldung sei deshalb nicht erforderlich. „Wir mussten noch nie jemanden abweisen.“

Zahlen und Fakten

  • Die evangelisch-freikirchliche Gemeinde Waldkraiburg (Baptisten) zählt 71 Mitglieder aus Waldkraiburg und Umgebung.
  • Laut Kirchenbuch gehören der neuapostolischen Kirche in Waldkraiburg 170 Mitglieder an, etwa 60 besuchen mindestens einmal im Jahr den Gottesdienst.

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