Hochprozentiges zur Corona-Zeit: Gräfliche Destillerie in Egglkofen nimmt wieder Fahrt auf

Das fortsetzen, was die Großmutter begonnen hat: Christopher Schiefer an der Destillieranlage von Gräfin Erna von Montgelas.Enzinger/Archiv
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
    schließen

Es ist einige Zeit her, dass die Gräfin Erna von Montgelas Edelbrände auf Schloss Egglkofen gebrannt hat. Mit ihrem Tod 2017 war es still um die Hausbrennerei geworden. Doch ihre beiden Enkelsöhne, Benedikt Birnkammer und Christopher Schiefer haben sich dem Vermächtnis ihrer Großmutter angenommen.

Egglkofen – Sie wollen die Edelbrennerei wieder mit Leben erfüllen. In Zeiten von Corona ist es aber kein Schnaps, der in formschöne Flaschen abgefüllt wird. Die beiden Nachkommen der Gräfin produzieren derzeit Desinfektionsalkohol – und verschenken ihn.

Desinfektionsmittel waren Mangelware

„Desinfektionsmittel sind in der Anfangsphase, als die Infektionszahlen hochgeschnellt sind, rar geworden. Also haben wir uns gedacht, dass wir Spirituosen, Weine und Liköre sammeln, daraus hochprozentigen Alkohol brennen und diesen als Basis zur Herstellung von Desinfektionsmitteln an Apotheken abgeben“, erklärt der 28-jährige Benedikt Birnkammer. Eine Idee, die sich schnell herumgesprochen hatte: Von überall wurden Restbestände von alkoholischen Getränken angeliefert, die allesamt in der gräflichen Brennblase landeten und als 80-prozentiger Alkohol schließlich in Kanister abgefüllt wurden.

Restbestände sind noch abzugeben

„Es müssen an die 10 000 Flaschen gewesen sein, die wir schließlich entsorgt haben“, sagt Birnkammers Cousin Christopher Schiefer (27) über den Erfolg des Aufrufes. Einige hundert Liter haben sie in den vergangenen Wochen gebrannt, die Kanister ließen sie Apotheken in der Region zukommen. Die Restbestände würden sie gerne noch abgeben. Einfach melden“, sagt Birnkammer. Was erwarten sie sich im Gegenzug? „Nichts“, beteuert Birnkammer, fügt aber gleich hinzu: „Wir haben allerdings nichts dagegen, wenn unser Obstbaumbestand durch den ein oder anderen Baum erweitert würde.“

Nur wenige Bottiche sind es noch, die im Lagerraum der gräflichen Brennerei zu Montgelas in Egglkofen stehen. Benedikt Birnkammer öffnet eine dieser Kunststofftonnen – zum Vorschein kommt ein Spirituosenallerlei verbunden mit einem unorthodoxen Aroma: ein Mischmasch aus Ramazotti, Malibu und Eierlikör. „Das kommt alles in die Brennblase, die knapp 120 Liter fasst. Die Flüssigkeit wird erhitzt, 40 bis 50 Liter Alkohol kommen als Endprodukt heraus“, erklärt Schiefer grob das Prozedere der Destillation aus privatem Bestand, wofür das zuständige Hauptzollamt erst einmal eine Genehmigung erteilen musste.

Das Brennrecht für jährlich 300 Liter reinen Alkohols war bereits vorhanden, nachdem die Großmutter von Benedikt Birnkammer und Christopher Schiefer über Jahre hinweg auf dem Schloss in Egglkofen Edelbrände hergestellt hatte. Schon als Jungs hatten die beidenihrer Oma über die Schulter geblickt, um schließlich seit dem Tod der Gräfin 2017 die Tradition der Edelbrennerei fortzusetzen. „Das Brennrecht wäre ansonsten verfallen“, erklärt Christopher Schiefer die Motivation, die Brennerei im Sinne der Oma fortzuführen.

Gräfin Erna von Montgelas beim Abfüllen ihrer edlen Brände. Die „brennende Gräfin“ wurde mehrfach für ihre Sprituosen ausgezeichnet. 2017 verstarb sie, ihre Enkelsöhne treten nun in ihre Fußstapfen.

Chemiker bringt viel Fachwissen mit

Bei Schiefer schadet es dabei nicht, dass er als Chemiker nicht nur das Interesse, sondern auch entsprechendes Fachwissen rund um die Begriffe Ethanol, Fuselöle oder Isopropylalkohol in die Waagschale werfen kann. „Die Brennerei ist zu einer Leidenschaft geworden“, gibt Schiefer zu. Beiden liege sehr viel daran, den guten Ruf, den sich die Gräfin seinerzeit durch ihre edlen Spirituosen erarbeitet habe, fortzusetzen.

Freilich alles im überschaubaren Rahmen, leben könnten die beiden nicht davon. Das weiß auch Benedikt Birnkammer, der als Unternehmensberater im Automotive-Bereich tätig ist. Der aber die Schnapsbrennerei so ernst nimmt, dass er sich zum Sommelier für Spirituosen weiterbildet.

Das könnte Sie auch interessieren: „Vollmundig und mild“

Die brennende Gräfin hatte die Brennerei zu Schloss Egglkofen seit 1984 geführt. Erna Gräfin von Montgelas lernte in ihrer österreichischen Heimat, Flachau im Salzburger Land, die Geheimnisse des Schnapsbrennens und verwirklichte ihren Traum einer eigenen Edelbrennerei im Schloss Egglkofen. Ihre Fachkenntnisse erwarb sie bei Professor Dr. Hans-Joachim Pieper am Institut für Lebensmitteltechnologie in Hohenheim. Die mehrfach mit Gold prämierten Edelbrände und Liköre fanden ihren Weg in die gehobene Gastronomie.

„Wir freuen uns, die Tradition und den Traum unserer Großmutter und Mutter nun weiterzuleben“, sagt Birnkammer, während er durch den kleinen Laden auf dem Gelände des Montgelas’schen Anwesens führt. In den Regalen stehen Flaschen mit Bränden, die noch die Oma gebrannt hatte. Vogelbeergeist, Apfelbrand aus dem Eichenfass, Quittenbrand – teilweise älteren Jahrgangs, aber auch schon Erzeugnisse aus dem Engagement der beiden Enkelsöhne stehen in den Regalen.

Benedikt Birnkammer hat schon als kleiner Junge der brennenden Gräfin über die Schulter geblickt.

Manche Rezepturen waren verschwunden

Nicht ganz einfach für die beiden jungen Schnapsbrenner. Denn einige Rezepturen waren nach dem Tod der brennenden Gräfin nicht mehr auffindbar. Man tastete sich an der Zusammensetzung heran, probiere etwas herum und verfeinere an der ein oder anderen Stelle. „Der Kräuterlikör zum Beispiel beinhaltet 42 Kräuter und Wurzeln“, gibt Schiefer zu. Man probierte etwas rum, verfeinerte an der ein oder anderen Stelle. Die geheimen Inhaltsstoffe werden sorgfältig ausgewählt und über mehrere Wochen mit hochprozentigem Alkohol mazeriert. Nur so viel verrät Schiefer: Unter anderem Anis, Gewürznelken, Fenchel, Koriander, aber auch Orangenschalen, Salbei, Sternanis und Wacholderbeeren würden dem Likör einen charakteristisch-kräutrigen Geschmack verleihen. Die Zutaten stammen alle aus der Region, versichern die beiden, die auf einen alten gräflichen Obstbaumbestand zurückgreifen können. „Oder Landwirte und Freunde aus der Region versorgen uns mit Früchten“, erklären sie. Allerdings: Für den Birnenbrand sind die Prognosen in diesem Jahr nicht gut – die Blüte war dem Frost im April zum Opfer gefallen.

Wasser aus Österreich

Das Wasser zum Betreiben ihres Hobbys lassen sie sich aus Österreich liefern. „Das Wasser hier hat einen zu hohen Härtegrad“, erklärt Chemiker Christopher Schiefer, Nichts wolle man den Zufall überlassen. Wenn man beiden zuhört, ist die Begeisterung für die Schnapsbrennerei deutlich zu spüren. Und doch sehen sie es als Hobby, wenn sie lediglich ein- bis zweimal pro Woche zusammenkommen, um die Früchte im Spätherbst von Hand zu entkernen und zu waschen, diese einzumaischen und dann drei Monate lang bei zwölf Grad Celsius gären zu lassen. Danach folgt die Destillation und die Lagerung, und die kann – etwa bei der Quitte – bis zu drei Jahre dauern.

Das gräfliche Siegel ist das i-Tüpfelchen nach Abfüllung der Edelbrände.

Ein Obstbaum als Wertschätzung

Die Corona-Krise traf die Brennerei also in einer ruhigen Zeit. Also entschieden Birnkammer und Schiefer, Alkohol zu brennen. Den gewonnenen Alkohol haben sie gespendet. Einige hundert Liter haben sie noch in ihren Restbeständen, die sie gerne noch abgeben wollen. An Apotheken oder Gastronomien, die ja wieder geöffnet haben und Alkohol als Reinigungsmittel benötigen. „Einfach melden“, sagt Benedikt Birnkammer. Was erwarten sie sich im Gegenzug? „Nichts“, beteuert Birnkammer, fügt aber gleich hinzu: „Wir haben allerdings nichts dagegen, wenn unser Obstbaumbestand durch den ein oder anderen Baum erweitert würde.“ Man setzt auf Nachhaltigkeit. Damit die Montgelas’sche Tradition nicht stirbt und es auch in Zukunft Edelschnäpse der gräflichen Brennerei aus heimischer Produktion sichergestellt ist.

Kommentare