Hilft Corona der Natur? Mühldorfer Experten sind sich uneinig

„Social Distancing“:Das Wild hält zwar immer noch Abstand zum Menschen. Aber diese Rehe scheinen keine Scheu gegenüber dem Spaziergänger zu haben, der mit seinem Hund im Isental bei Ampfing unterwegs ist. Rudolph Mayer

Gibt es der Corona-Epidemie auch irgendetwas Positives abzugewinnen? Wie reagieren Flora und Fauna auf den gesellschaftlichen Stillstand? Eines ist sicher: Die Ausgangsbeschränkungen der Corona-Pandemie haben einen starken Rückgang des Verkehrs bewirkt. Doch die Einschränkungen bergen auch Gefahren.

Mühldorf – Auf der A 94 ist es sehr ruhig, doch neben der Straße ist mehr Leben eingekehrt: Zahlreiche Spaziergänger, Jogger und Fahrradfahrer sind zu sehen. Und auch die Natur lebt auf: Hasen, Rehe und Greifvögel sind zu beobachten. Die Menschen, die nahe der A 94 wohnen, haben eine Verschnaufpause gewonnen. Wenn sich auch niemand so recht freuen will, weil die Pandemie so verheerende Auswirkungen hat. „Es ist fast wie früher“, sagt Anwohnerin Evi Platschka aus Obertaufkirchen. „Wir können wieder im Freien sitzen und hören die Vögel zwitschern“, fügt sie hinzu.

Anwohner an der A 94 können aufatmen

Auch die Obertaufkirchener Anwohnerin Anita Gilnhammer spricht von einer Entlastung, der Dauerlärm sei weg. Doch auch sie ist weit davon entfernt, sich darüber zu freuen. Die Autobahndirektion arbeitet auch während der Corona-Pandemie weiter an dem Problem: „Im Auftrag des Bayerischen Landtages bereiten wir für den Neubauabschnitt Pastetten-Heldenstein Lärmmessungen vor. Wegen des starken Rückgangs des Verkehrsaufkommens sind wir gerade im Dialog mit unserem Fachbüro, wie und wann wir diese Messungen durchführen können“, erklärt Josef Seebacher von der Autobahndirektion.

Genaue Beobachtungen in Bezug auf die Pandemie

Grundsätzlich werden laut Seebacher Lärmwerte auf Basis der Verkehrsstärke, des Fahrbahnbelags und der Topografie berechnet, da Einzelmessungen keine Aussagekraft haben. Der Grund: Die Messungen hängen stark von Windrichtung, Bodendämpfung (etwa Frost) und weiteren sich ständig ändernden Umweltfaktoren ab. „Natürlich beobachten wir genau, wie die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen sich auf die Natur auswirken.“

Aktuell gehen die Verkehrszahlen zum Teil erheblich zurück. Bei den Lastwagen gebe es beispielsweise Rückgänge zwischen zehn und 40 Prozent, bei Autos sogar noch mehr – vor allem auf den grenzüberschreitenden Strecken.

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Die positiven Effekte auf die Natur durch die Ausgangsbeschränkung stellt Sascha Schnürer, stellvertretender Kreisvorsitzender der heimischen Jäger, bereits fest – allerdings mit Einschränkungen: „Wir spüren weniger Straßenverkehr, was natürlich hilft, Wildunfälle zu reduzieren. Auf der Gegenseite gleicht sich das bestimmt schon fast wieder aus, da es dafür im Wald und auf den Feldern zugeht wie am Stachus. Ich habe noch nie so viele Menschen in der Natur gesehen, wie im Moment.“ Egal ob mit dem Fahrrad, mit Hund oder Pferd – sogar Ziegen an der Leine habe er schon beobachtet.

Menschen sollen auf öffentlichen Wegen bleiben

Neben den Aktivitäten in der freien Natur gebe es auch eine Reihe von Waldarbeiten zu beobachten: „Den Leuten fällt offensichtlich die Decke auf dem Kopf zu Hause“, vermutet Schnürer. Dem Schmunzeln folgt allerdings eine sorgenvolle Miene: Die Menschenmengen seien für die Wildtiere schon ein Thema. Man treffe Leute an Stellen und zu Uhrzeiten, an denen sich sonst kaum jemand im Wald verirren würde. „Vor allem scheint es so, dass es immer moderner wird, querfeldein zu laufen, entlang an Bachläufen und tief ins Unterholz.“ Oft sei zu beobachten, dass die Hunde nicht angeleint sind. „Gerade jetzt zu den Brut- und Setzzeiten kann ich das bei den ansonsten so aufgeklärten Menschen nicht nachvollziehen. In den nächsten acht Wochen ist es wahnsinnig wichtig, dass die Menschen auf den öffentlichen Wegen bleiben, die Hunde an der Leine sind und die Wildtiere nicht bei der Aufzucht ihres Nachwuchses gestört werden“, appelliert Schnürer.

Im Wald geht es zu wie auf dem Stachus

Und so kann sich auch Dr. Andreas Zahn, Kreisvorsitzender beim Bund Naturschutz, nicht vorstellen, dass die Corona-Krise positive Effekte auf die Natur in der Region hat. Auch er findet, dass mehr Leute in der Natur unterwegs sind. Deshalb gehe er eher davon aus, dass empfindliche Tierarten wie Bodenbrüter vermehrt gestört werden könnten. Ingo Gürtler, Ornithologe vom Bund Naturschutz, stößt ins gleiche Horn. Die Zugänglichkeit zu empfindlichen Gebieten wurde durch zu viele Wege auch noch erleichtert.

Es ist stiller als sonst

Der eine oder andere Hase, der unvorsichtig über die Straße flitzt, mag mehr Glück haben, als in anderen Zeiten, sagt Zahn. Und auch für den Igel hat sich diesbezüglich der Stress reduziert, fügt Gerhard Merches, Vorsitzender der Kreisgruppe Altötting vom Bund Naturschutz ,hinzu. Bei der bereits erfolgten Amphibienwanderung seien auch weniger überfahrene Kröten entdeckt worden. Was Zahn auffällt: „Es ist draußen stiller als sonst. Und das ist schon sehr ungewöhnlich. Es sind mehr Vögel zu hören, weil es weniger Verkehrslaute gibt.“

Die neue Stille tut der Seele gut

Verordnete Stille: Keine Termine wenig Verkehr: Viele Menschen empfinden die aktuelle Situation nach Erfahrung von Professor Dr. Peter Zwanzger, Chefarzt für Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatik am kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg, als Entlastung: „Die neue Stille tut der Seele gut.“ Viele Patienten würden beispielsweise berichten, dass sie besser schlafen könnten. Doch Zwanzger weist auch auf einen belastenden Effekt hin: „Wir bestimmen nicht selbst über die Bedingungen, sie wurden verordnet.“

Kein Freizeitstress: Zwanzger sieht durch die neue Stille vor allem eine Chance für Menschen, die unter dem Zwang leben, dauernd aktiv zu sein und ständig etwas unternehmen zu müssen. Dieser Freizeitstress entfalle derzeit. Viele seien gezwungen, zur Ruhe zu kommen. Viele würden erstaunt feststellen, dass es ihnen gut tue, andere, dass es ihnen schwer falle und eine Leere entstanden sei. Da es kein Entrinnen gebe, „können diese Menschen jetzt bewusst an sich arbeiten und lernen vielleicht, sich auch nach Corona mehr Zeit für Entspannung zu nehmen.“

Bewusste Entschleunigung:Manchmal brauche es den Druck von außen, um sich zu entschleunigen – etwa, um Dinge zu entdecken, die im Alltag sonst keine Rolle spielen würden: ein Buch lesen, Musik hören, kochen oder aufräumen. „Runterkommen kann man trainieren“, weiß der Ärztliche Direktor. Wer jetzt in der Krise lerne, sich bewusst Entspannung zu gönnen, könne es vielleicht auch nach der Krise.

Die Stille annehmen: Die Situation stelle aber auch eine große psychische Belastung dar. Schließlich würden sich viele Menschen um die Gesundheit von Angehörigen sorgen, seien Arbeitsplätze gefährdet oder Familien auf engem Raum ständig beieinander. „Ich kann nur raten, trotzdem zu versuchen, der Situation etwas Positives abzugewinnen – zumal wir alle uns ja oft nach Entschleunigung sehnen. Wir haben uns das zwar nicht so vorgestellt, aber jetzt ist sie da, die Stille. Wir sollten sie auch annehmen.“ duc

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