ESSEN FÜR BEDÜRFTIGE

Hilfe in der Krise: Mühldorfer Tafel lässt trotz Corona keine Essensausgabe ausfallen

Ohne Ehrenamtliche geht es nicht: Rosemarie Grandl, Angelika Neudecker, Elisabeth Ortmeier, Gerlinde Nentwig, Anita Lanzinger, Monika Wasner, Resi Krieger, Helga Müller, Gisela Fink und Sonja Thoms füllen jeden Donnerstag Lebensmittelpakete.
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Ohne Ehrenamtliche geht es nicht: Rosemarie Grandl, Angelika Neudecker, Elisabeth Ortmeier, Gerlinde Nentwig, Anita Lanzinger, Monika Wasner, Resi Krieger, Helga Müller, Gisela Fink und Sonja Thoms füllen jeden Donnerstag Lebensmittelpakete.
  • Frank Bartschies
    vonFrank Bartschies
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Die Mühldorfer Tafel hat die Corona-Krise gut überstanden. Während andere Essensverteiler schließen musste, konnte sich die Mühldorfer Tafel auf ihre Spender und Helfer verlassen. Und den Bedürftigen sogar einen neuen Service bieten.

Mühldorf – Sie kommen jeden Donnerstag in die Mühlenstraße 22 am Mühldorfer Bahnhof: Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen und die auf Unterstützung angewiesen sind. Sie besuchen regelmäßig die Mühldorfer Tafel, wo sie mit Lebensmitteln versorgt werden. Für zwei Euro durften sie sich bislang einmal in der Woche ein Paket für den täglichen Bedarf zusammenstellen. Das hat die Corona-Pandemie verändert: Heute werden sie kostenlos beliefert.

160 Kunden hat die Tafel derzeit

Detlef Künzel leitet die Tafel und ist Zweiter Vorsitzender des Vereins „Besser Leben“ in den Landkreisen Mühldorf und Altötting, dem Träger der Sozialinitiative. Er schildert die Entwicklung: Vor der Corona-Krise habe die Tafel wöchentlich etwa 120 Haushalte mit rund 250 Personen versorgt, heute seien es 150 bis 160 Haushalte. 200 Pakete würden jeden Donnerstag ausgegeben – und nicht nur das: Wegen der Vorsichtsmaßnahmen, um Corona-Ansteckungen zu vermeiden, beliefere die Tafel Über-65-Jährige seit März vergangenen Jahres zu Hause.

Abholen ohne persönlichen Kontakt

Wer seine Lebensmittel selbst abholt, darf die Räume der Tafel derzeit nicht betreten: Diesen Abholern werden fertig zusammengestellte Pakete durch ein Fenster des Ausgaberaums gereicht. Und um das Ansteckungsrisiko noch weiter zu minimieren, sei auf kostenlose Verteilung umgestellt worden: So vermeide man auch Kontakte beim Bezahlen.

Möglich war die kostenlose Unterstützung der Bedürftigen durch eine große Spenden- und Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung, der Verwaltung und der Wirtschaft. „Wir haben jetzt eine bessere finanzielle Absicherung als vor Corona“, sagt Künzel und schließt diesem Fazit einen großen Dank an alle Helfer und Unterstützer an.

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Verbunden ist dieser Dank Künzels nicht zuletzt mit der Freude über die große Akzeptanz der Hilfsinitiative in der Bevölkerung. Von vielen Seiten werde die Tafel heute mit Hilfsangeboten kontaktiert und müsse nicht mehr nur selbst akquirieren. Durch die große Spendenbereitschaft seien die Einnahmeverluste der Tafel vollständig ausgeglichen worden.

Als Beispiele für die Unterstützer nennt Künzel Stadt und Landratsamt, den Verein „Ehrensache“, die von den beiden FC-Bayern-Fußballprofis Joshua Kimmich und Leon Goretzka ins Leben gerufene Initiative „We Kick Corona“, die großen Handelsketten im Landkreis oder auch Lions- und Rotary-Club.

Junge Leute sind für Ältere eingesprungen

Aber auch personelle Hilfe habe die Tafel während der Corona-Maßnahmen im vergangenen Jahr erfahren: Jugendliche und Erwachsene, die aufgrund der Einschränkungen im Schulbetrieb und in der Arbeitswelt zu Hause waren, hätten sich gemeldet und bei der Tafel mitgearbeitet. Damit, so Künzel, habe man den Rückzug anderer Helfer gut ausgleichen können. Viele ältere Ehrenamtliche, die die Tafel am Laufen halten, hätten damals vorübergehend die Mitarbeit eingestellt, da sie selbst oder Angehörige von ihnen Risikogruppen angehörten.

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Bis zu 50 Prozent der Tafeln in Deutschland sind laut Künzel in der Corona-Krise geschlossen worden. Nicht so das Angebot in Mühldorf: „Wir haben keine einzige Ausgabe verpasst“, sagt der Leiter, nicht zuletzt wegen der großen Unterstützung vieler jüngerer Leute über zweieinhalb Monate. Und weil andere Tafeln vorübergehend geschlossen gewesen seien, habe man in Mühldorf teilweise auch deren Kunden mitversorgt.

Kunden brauchen Berechtigungsschein

Heute arbeite die Tafel wieder annähernd mit ihrem früheren Stammpersonal. Etwa 30 Helfer unterstützen die Initiative, so Künzel, und etwa ebenso viele Lieferanten.

Für Abholer geöffnet ist die Tafel jeden Donnerstag von 14 bis 15.30 Uhr. Ausgegeben werden die Lebensmittelpakete laut Künzel an Bedürftige aus dem Landkreis. Bezugsberechtigt sei jeder, der eine amtliche Bescheinigung vorweisen kann, dass er soziale Unterstützung wie Hartz IV oder Wohngeld, erhalte. Die Bescheinigung werde von dem jeweils zuständigen Amt ausgestellt.

Das sind die Tafeln in Deutschland

„Lebensmittel retten, Menschen helfen“ lautet das Motto der Tafeln, von denen es in der Bundesrepublik über 950 gibt. 60.000 aktive Helfer verteilen pro Jahr 265.000 Tonnen Lebensmittel an 1,6 Millionen Menschen (Quelle: www.tafel.de). Um das Angebot aufrecht erhalten zu können, seien die Tafeln auf Sach- und Geldspenden angewiesen. Erkennbar sei derzeit eine neue Form der Not: „Aktuell fragen Menschen die Unterstützung der Tafeln nach, die vorher nicht auf externe Hilfen angewiesen waren.

Das sind Menschen, die aufgrund der Corona-Pandemie ihren Job oder Nebenjob verloren haben, Selbstständige, deren Existenz aufgrund von wegbrechenden Aufträgen auf dem Spiel steht, oder Menschen, die aufgrund der Krise in Kurzarbeit sind“, heißt es auf der Homepage der Tafel Deutschland. Gleichzeitig würden ältere Menschen, die bisher zu den Tafeln kamen, deren Angebot jetzt aus Angst vor Ansteckung nicht mehr nutzen.

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