Corona flammt in Australien auf - Ein Mühldorfer erlebt dort die neuen Beschränkungen hautnah

Sitzt in Australien fest: Der gebürtige Mühldorfer Christoph Auer hatte vor sechs Wochen aufgeatmet, weil die Corona-Beschränkungen in Melbourne gelockert wurde. In der Nacht auf Mittwoch hat die Regierung aber erneut strikte Ausgangssperren verfügt. Wann der 36-Jährige, der sich aus beruflichen Gründen in Down Under aufhält, seine Familie in die Arme schließen darf, steht in den Sternen.
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Sitzt in Australien fest: Der gebürtige Mühldorfer Christoph Auer hatte vor sechs Wochen aufgeatmet, weil die Corona-Beschränkungen in Melbourne gelockert wurde. In der Nacht auf Mittwoch hat die Regierung aber erneut strikte Ausgangssperren verfügt. Wann der 36-Jährige, der sich aus beruflichen Gründen in Down Under aufhält, seine Familie in die Arme schließen darf, steht in den Sternen.
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
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191 Neuinfektionen an einem Tag – das war der australischen Millionenmetropole Melbourne dann doch zuviel. Seit Mittwochnacht gelten wieder strikte Ausgangssperren. Bis mindestens 19. August dürfen die Bürger die eigenen vier Wände nicht verlassen. Einer von ihnen ist der Mühldorfer Christoph Auer.

Mühldorf/Melbourne – „Und ich dachte vor zwei Wochen noch, dass zumindest ein Stück Normalität zurückkommt“, äußert sich der Mühldorfer Christoph Auer frustriert zu den neuen Einschränkungen. Der Projektleiter einer großen Autofirma befindet sich seit März dieses Jahres in Melbourne, hat die erste Welle von Corona vor Ort erlebt. Die Hoffnungen auf eine baldige Rückkehr zu seiner Familie nach Deutschland sind minimal – denn der Flugverkehr ist eingestellt worden. Niemand kommt rein, niemand raus.

Nach sechs Wochen nun wieder Lockdown

Hintergrund des erneuten Lockdowns ist der höchste Anstieg an Infektionsfällen an einem Tag, den das Land seit April verzeichnet hatte. Am Dienstag wurden landesweit 199 nachgewiesene Neuinfektionen gemeldet, 191 davon alleine im Bundesstaat Victoria, dort, wo sich Christoph Auer gerade aufhält. Seit Juli 2019 arbeitet der 35-Jährige in Melbourne. „Ein letztes Mal beruflich für längere Zeit ins Ausland zu gehen“, das sei seine Motivation gewesen, nach Down Under zu gehen. Ein letztes Mal deswegen, weil Auer danach seinen Lebensmittelpunkt bei seiner Familie haben möchte.

Im Februar kam Söhnchen Palin zur Welt – seit März nicht mehr in den Händen gehalten

Verständlich: Denn Anfang Februar wurde der gebürtige Mühldorfer, der beruflich in Stuttgart Fuß gefasst und dorthin auch seinen Wohnsitz hat, zum ersten Mal Vater. Drei Wochen war es im vergönnt, Zeit mit seinem Sohn Palin zu verbringen. Dann ging es zurück nach Australien.

Ein entspannter Abschied, schließlich gibt es eine Übereinkunft mit dem Arbeitgeber, alle vier bis fünf Wochen nach Hause zu fliegen, zu seiner Familie. Nur: Corona machte diesen Plan zunichte, weil es kaum Flüge vom fünften Kontinent zurück nach Europa gibt. Christoph Auer bleiben seitdem nur die digitalen Kanäle, um die ersten Monate im Leben seines Sohnes zu verfolgen.

"Die Politik dreht komplett durch"

Zeit dafür hat er, denn ab Donnerstag ist er dazu verdammt, in seiner Wohnung zu bleiben. Nur zum Einkaufen, für Arztbesuche, zur Ausübung körperlicher Fitness oder zum Arbeiten ist es den knapp fünf Millionen Bürgern aus Melbourne gestattet, einen Fuß vor die Haustür zu setzen. Das Militär ist mobilisiert, um die Polizei bei der Durchsetzung der Ausgangsbeschränkungen zu unterstützen. „127 neue Infektionen in der Stadt, aber sie riegeln eine 5-Millionen-Metropole ab. Das ist verrückt!“

Christoph Auer kann darüber nur den Kopf schütteln, nachdem die Wirtschaft Anfang Juni langsam wieder begonnen hatte Fahrt aufzunehmen. „Es gab zwei Tote. Einer über 90 Jahre alt, der andere Mitte 60. Die Politik dreht dennoch komplett durch. Polizei und Militär haben die Aufgabe, die Stadt Melbourne zu isolieren. Da fragt man sich schon, was das soll“, teilt der 36-Jährige mit.

Verständnis der Bevölkerung lässt nach

Zumal er schon vor einigen Wochen in einem ersten Gespräch mit unserer Zeitung prognostiziert hatte, dass es in der Bevölkerung gären würde, das Verständnis für einen zweiten Lockdown nicht gerade groß sei. Auer selbst macht das an aktuellen Zahlen fest. Seit Wochen sei Australien vom Rest der Welt komplett abgeschottet, nur Australier und Neuseeländer dürften ins Land. Die Covid-19-Infektionen – laut Johns Hopkins University lagen sie am Mittwoch bei nachgewiesen 8886 Fällen – seien überschaubar. Mit bislang 106 Todesfällen, die laut Hopkins-Statistik in Zusammenhang mit einer Corona-Infektion stehen, liegt Australien sogar hinter dem Land Luxemburg, das 110 Tote zu beklagen haben.

Coronavirus:

Kein Wunder also, wenn Auer von einer überzogenen Reaktion der Regierung spricht. Schon der ersten harte Lockdown habe die freiheitliche Lebensweise der Australier und der Bewohner der Großstädte im Besonderen, stark eingeschränkt. „Ich dachte, das Land sei liberaler!“ Denn, um die verfügten Einschränkungen durchzusetzen, sei schon beim ersten Lockdown viel Polizei eingesetzt worden.

„Verstöße werden in Australien mit einer Geldstrafe von 1600 australischen Dollar geahndet – zu zahlen in bar! Die begleiten Dich nach Hause, wenn es sein muss“, berichtet Auer, der einmal dabei erwischt worden war, wie er es sich während der ersten Ausgangsbeschränkungen auf einer Parkbank niedergelassen hatte. Es blieb bei einer Verwarnung, der 36-Jährige kann seitdem aber sehr gut nachvollziehen, wenn Freunde mittlerweile von einem Polizeistaat sprechen.

Geplante Rückreise im November unsicher

Seit Anfang Juni genoss der Mühldorfer zwar wieder die Freiheit, draußen ein Buch zu lesen und dabei gemütlich seinen geliebten Cappuccino zu trinken. Doch damit ist es erst einmal wieder vorbei. Er ist eingesperrt, versucht sich, die nun kommende Zeit der Einschränkung mit regelmäßig Sport oder zu Hause vor dem Fernseher zu vertreiben.

„Bloß mit den Serien auf Netflix bin ich mittlerweile durch!“ Was ihm neben einem spannenden TV-Programm fehlt: Eine konsequente und tragfähige Strategie der Regierung, „Es gibt keinen konkreten Support. Die Regierung macht es sich leicht, indem sie alle einsperrt.“

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Geplant war, dass Auer bis Ende des Jahres in Melbourne bleibt, Arbeiten kann er weiterhin im Homeoffice. Im November endet sein Auslands-Engagement, dann wäre die Rückreise nach Deutschland geplant gewesen. Mit einem der nächsten Flieger die Rückreise anzutreten sei leichter gesagt als getan, sagt Auer: „Ich muss Konten auflösen und meine Wohnung.

Alles in einen Container verpacken. Das geht nicht von heute auf morgen.“ Zumal sein Arbeitgeber auch nicht mit Durchhalteparolen geizt. Die Gesundheitsversorgung sei schließlich gut, die Arbeitnehmer finanziell gut ausgestattet. Doch Auer fehlt die Familie, bleibt trotz Corona zuversichtlich, dass er spätestens Ende September seine Zelte abbrechen kann. „Ich hätte dann seit sieben Monaten meinen Sohn nicht gesehen. Ich hoffe es klappt!“

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